Das Exotische, das Gewagte.

Stummfilmposter der 1920er Jahre aus dem Archiv des DFF.

Ein Projekt der 360° Agent:innen und den Mitarbeiter:innen der Museumspädagogik.

Wie wurden Filme vor 100 Jahren beworben? Was sagen uns Filmplakate zu Stummfilmen der wilhelminischen Kaiserzeit und der Weimarer Republik darüber, welcher Geist in der damaligen Gesellschaft herrschte? Das ist die zugrundeliegende Fragestellung dieser Online-Plakatausstellung, die das der Diversität verpflichtete 360°-Team mit Mitarbeiter:innen der Museumspädagogik des DFF verwirklicht hat. Zeugnisse für Blackfacing, Rassismus oder Sexismus gibt es reichlich, das zeigen die ausgewählten Filmplakate. Sie machen die damaligen Macht- und Geschlechterverhältnisse anschaulich, die zum Teil bis heute Gültigkeit haben.
Das Projekt ist der Auftakt zu weiteren Vorhaben, die das  360°-Team mit Blick auf mehr Diversität im DFF in den kommenden Jahren plant.

AUS EINES MANNES MÄDCHENZEIT
von Nadine Aldag

Plakat

DER FASCHINGSPRINZ
von Bianka-Isabell Scharmann

Plakat

DIE ABENTEUER DES PRINZEN ACHMED
von Daniela Dietrich

Plakat

DIE BÜCHSE DER PANDORA
von Nadine Aldag

Plakat

DIE JAGD NACH DEM TODE
von Elisa Zinn

Plakat

ERBLICH BELASTET?
von Florian Höhr

Plakat

GROßSTADTSCHMETTERLING
von Sarah Peil

Plakat

HAMLET
von Katharina Jost

Plakat

MÄDCHENHANDEL
von Katharina Jost

Plakat

SUMURUN
von Bianka-Isabell Scharmann

Plakat

Das Exotische, das Gewagte.

Unter die Lupe genommen:
Stummfilmposter der 1920er Jahre aus dem Archiv des DFF.

Ein Projekt der 360°-Agenten und der Mitarbeiter:innen der Museumspädagogik.

Von Aida Ben-Achour

Die Filmwerbung und Poster, die wir in den Archiven des DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum entdeckt haben, verraten uns heute – das Thema Diversität im Blick – wie vor 100 Jahren auf die sogenannten  A n d e r e n  geschaut wurde und welche Werte dabei im Mittelpunkt standen. Die Frage, die wir uns als 360°-Team zusammen mit der Museumspädagogik des DFF heute stellen, ist, welche Bilder sich im kollektiven Gedächtnis unserer Gesellschaft über das Medium Film in den vergangenen 100 Jahren verfestigt haben. Die Werbung für die Filme war damals schon gut durchdacht. Serielle Vermarktungsstrategien und Kampagnen machten das Publikum neugierig auf Neuheiten aus der Filmbranche und man geizte nicht mit Wurfzetteln. Der Film wurde zu einem beliebten Massenmedium. Es entwickelten sich Fachzeitschriften, der Kinematograph und die Film Woche. Die Filmposter selbst waren teilweise Filmstills, fotografische Aufnahmen aus den Filmen oder Auftragsarbeiten von Illustratoren. Unser besonderes Interesse in diesem Projekt galt dabei den Filmen über die exotischen  A n d e r e n.

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Wir fanden Filmposter, die uns Schwarze als Wilde zeigen, Asiat:innen als verschlagen und unaufrichtig darstellten und blonde weiße Frauen als reine Objekte sexueller männlicher Begierde in Szene setzten. Die ausgewählten Filmposter zeigen Darstellungen, die mit Orientalisierung nicht geizen, die offen rassistisch, exotisierend und sexistisch sind. Das Spiel zwischen den Geschlechtern, mit der sexuellen Orientierung und sexuellen Identität wurde entweder zur Belustigung oder zur Stigmatisierung und moralischen Bewertung auf den Postern thematisiert.

Die Plakate sind Zeugnis eines ethnozentrischen Blicks, einer Haltung, die bis heute tief in der Gesellschaft verankert ist. Widerspruch gegen die Darstellung gab es damals nicht. Denn die  A n d e r e n  waren entweder kolonisiert oder hatten keinerlei kommunikative Mittel, ihre eigenen Narrative in Europa oder den USA einem breiten Publikum zugänglich zu machen und so den einseitigen Stereotypen etwas entgegen zu setzen.

Betrachtet man die Reihe der ausgewählten Filmposter vor den aktuellen Debatten der internationalen Filmgemeinschaft, so fällt besonders auf, dass gerade die in der internationalen Filmgeschichte jahrzehntelang marginalisierten Gruppen nun besonders aktiv und selbstbewusst Gleichberechtigung und Teilhabe fordern. Es geht nun um die Perspektiven derer, die über Jahrzehnte hinweg zu „Anderen“ oder Objekten sexueller Begierde degradiert wurden: die Perspektiven jener, die scheinbar nicht dazugehörten, die andere Hautfarben hatten und andere Lebensstile pflegten, die in Rollen schlüpften, die scheinbar im Widerspruch zur „natürlichen“ Geschlechterordnung standen, oder die man schlicht mit einem kolonialen Blick in Szene setzte, um so Opfer-Narrative zu inszenieren (Filmposter: DIE JAGD NACH DEM TODE).

Stereotype Darstellungen scheinbar „nicht vertrauenswürdiger“ Asiat:innen sind Zeugnis einer fortwährenden rassistischen Zuschreibung, wie etwa beim Filmposter GROSSSTADTSCHMETTERLING – BALLADE EINER LIEBE, auf dem die US-amerikanisch-chinesische Hauptdarstellerin Anna May Wong zu sehen ist. Diese Darstellung erhält heute, während der Corona-Pandemie, eine bestürzende Aktualität, nahmen doch im Coronajahr 2020, angeheizt auch durch die Kommunikation der damaligen US-Administration, körperliche Übergriffe und mörderische Attacken auf Asiat:innen und asiatisch gelesene Frauen enorm zu (siehe hierzu die Webseite www.ichbinkeinvirus.org).

Die ausgewählten Filmposter zeigen uns klar und deutlich die Macht- und Geschlechterverhältnisse, die zum Teil bis heute Gültigkeit haben. Das Filmposter des Filmes DER FASCHINGSPRINZ zeugt davon, dass Blackfacing damals eine gängige Praxis war und heute immer noch darum gekämpft wird, anzuerkennen, dass diese Praxis rassistisch ist (#Blacklivesmatter). Die Bekleidung aus der kolonisierten Region der Südsee, die die Protagonistin trägt, war unter damaligen Bedingungen gerade gut genug für einen Lacher.

Bewegungen wie die #MeToo Kampagne machen deutlich, dass Veränderungen in der Filmbranche überfällig sind. Filmposter wie jenes zu DIE BÜCHSE DER PANDORA oder zu den Aufklärungsfilmen VERMISSTE TÖCHTER (MÄDCHENHANDEL) zeugen von sexistischen Frauenbildern und zeigen, welche Praktiken teilweise hinter und vor der Kamera zur Normalität gehörten. Die Forderungen nach mehr Frauen am Set und mehr weiblichen Perspektiven im Film wurden in den vergangenen Jahren von verschiedenen Seiten lauter.

Die analysierten Filmposter aus dem DFF-Archiv sind dabei nur die Spitze des Eisbergs. Die heutigen Emanzipationsbestrebungen zeigen, dass etwas in Bewegung gekommen ist. Doch der Weg zu einer gleichgestellten, emanzipierten und diverseren Repräsentation im Film, wie auch in der Produktion, der Regie oder dem Schauspiel, ist noch lang.

Die Analysen der Filmposter entstanden in Kooperation mit der Leitung der Museumspädagogik und den freien Mitarbeiter:innen des DFF. Zum Teil waren studentische Mitarbeiter:innen an der Analyse und Auswertung der Filmplakate und der Filmkritiken beteiligt, zum Teil auch Kunstpädagog:innen und Filmwissenschaftler:innen. Die Wahl der Filmplakate war frei. Das Projekt ist der Auftakt zu weiteren Vorhaben, die das 360°-Team mit Blick auf mehr Diversität im DFF in den kommenden Jahren plant.

Das Ausstellungsteam dankt allen Beteiligten für ihr Engagement. Besonderer Dank geht an Sammlungsleiter Hans-Peter Reichmann und Simon Lames vom DFF-Plakatarchiv.

Gefördert im Programm
360° - Fonds für Kulturen der neuen Stadtgesellschaft

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