Ein Nachruf auf Joel Schumacher

von Sebastian Schwittay (Filmkollektiv Frankfurt)

Die kreative Unterwanderung des auf Konformismus und Vermarktbarkeit ausgelegten Hollywood-Studiosystems ist im US-Mainstreamkino der Blockbuster-Ära keine Selbstverständlichkeit. Ein Filmemacher, dem dies in den 80er und 90er Jahren markant gelungen ist, und der dennoch nie ganz zu (film-)kanonischen Ehren kam, verstarb am 22. Juni im Alter von 80 Jahren in New York City: Joel Schumacher, dem breiten Publikum vor allem bekannt als Regisseur zweier Batman-Filme in der Nachfolge Tim Burtons, bereicherte das Hollywood-Kino seiner Zeit mit extrovertierten, teils überraschend queeren Inszenierungen gesellschaftlicher Außenseiter und Sonderlinge – von rebellischen Teenager-Vampiren in THE LOST BOYS (US 1987) und den „Brat Pack“-Jugendcliquen aus ST. ELMO’S FIRE (US 1985), über psychisch labile Exzentriker in FALLING DOWN (US 1993), bis hin zum einzelgängerischen Milliardär Bruce Wayne alias Batman, dessen maskierte Abenteuer der aus der Modebranche stammende Regisseur zur schrillen Kostümshow mit queer-homoerotischen Untertönen übersteigerte.

Von der zeitgenössischen Filmkritik tendenziell verschmäht, boten die Filme Schumachers auch in anderen filmgestalterischen Bereichen einen fruchtbaren Nährboden für ästhetische Wagnisse: die Zusammenarbeit mit der Speerspitze aufstrebender Filmkomponisten der 90er Jahre, allen voran mit dem New Yorker Elliot Goldenthal (*1954), zeitigte radikale und künstlerisch avancierte Filmvertonungen, die musikalisch an die Grenzen dessen gingen, was im Blockbusterkino jener Zeit möglich war. Nach dem relativen Misserfolg seiner zweiten Batman-Regiearbeit BATMAN & ROBIN (US 1997) verlagerte sich der Fokus von Schumachers Arbeiten im neuen Jahrtausend auf kleinere Produktionen, an denen weiterhin sein Interesse an Nonkonformität und Außenseiterfiguren deutlich wurde. Sie verhalfen jungen Nachwuchsdarstellern wie Colin Farrell (TIGERLAND, US 2000) zum internationalen Durchbruch.

Mit Joel Schumacher (1939-2020) verliert Hollywood einen der vielleicht unterschätztesten Studiofilmer der jüngeren Vergangenheit, der die Anforderungen des Hollywood-Mainstreams scheinbar mühelos, oft sogar virtuos mit der exaltierten Eigensinnigkeit des Auteurs und Cine-Stilisten in Einklang bringen konnte. Eine im zeitgenössischen Studiokino selten gewordene, ja vielleicht schon gänzlich ausgestorbene Qualität.

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