Nippon Connection: Ein kleiner Blick ins Festivalprogramm

Nippon Connection, das weltweit größte Festival für japanisches Kino, feiert sein 20. Jubiläum von 9. bis 14. Juni online. Das DFF-Presseteam hat ein paar Filme des umfangreichen Angebots aus Kurz- und Langfilmen gesehen.

Naima über:

MY SWEET GRAPPA RAMEDIES (JP 2019 R: Akiko Oku), Sektion: Nippon Cinema

MY SWEET GRAPPA RAMEDIES ist das berührende Porträt einer Frau, die auf der Suche nach dem Glück in kleinen Schritten Veränderungen in ihrem Leben zulässt. This is my diary. Nobody’s going to read it. And I won’t reread it either. It’s just a diary. Ihre Stimme aus dem Off erzählt uns von den kleinen Dingen ihres Alltags, ihrem Fahrrad, ihren neuen Schuhen, ihrem verlorenen Ohrring. Yoshiko ist um die 40 und lebt allein. In manchen Momenten scheint sie sich selbst zu genügen, in anderen wirkt sie zutiefst einsam. In vielen kleinen, wunderbaren Szenen, die von den Tagebucheinträgen, zwischen denen oft viele Wochen vergehen, begleitet werden, lernen wir sie als einen nach innen gekehrten, liebevollen Menschen kennen und erfahren von ihrem tiefen Bedauern, nie Mutter geworden zu sein. Dann verspürt Yoshiko allmählich den Wunsch nach Veränderung und lässt ihre fröhliche Kollegin Wakabayashi und den mehr als 20 Jahre jüngeren Okamoto in ihr Leben. Ein poetisches Werk, melancholisch und doch von einer gewissen Leichtigkeit, das von seinem feinen Humor, seiner wundervollen Hauptdarstellerin und den schönen, um sie arrangierten Bildern lebt.

MY SWEET GRAPPA RAMEDIES ist Teil des Programmschwerpunkts „Female Futures? – neue Frauenbilder in Japan“, der sich mit Frauen vor unter hinter der Kamera beschäftigt. Die Regisseurin Akiko Oku (geboren 1968 in Yokohama) war mit ihren Filmen, die Frauen in der japanischen Gesellschaft porträtieren, schon mehrmals bei Nippon Connection zu Gast; ihr Film MARRIAGE HUNTING BEAUTY (JP 2018) eröffnete im vergangenen Jahr das Festival.

Im voraufgezeichneten Film Talk, der auf der Website von Nippon verfügbar ist, spricht Akiko Oku über die aktuellen Arbeitsbedingungen für Filmschaffende in Japan, Filme in Zeiten der Coronakrise, die Rolle von Frauen in der japanischen Filmindustrie und ihren jüngsten Film.

Antonio über:

DANCING MARY (JP 2019 R: Sabu), Sektion: Nippon Cinema

Das Reich der Toten ist furchteinflößend. Das der Lebenden noch mehr – besonders, wenn es von Baulöwen und Yakuza beherrscht wird, die aus kapitalistischer Gewinnsucht Existenzen zerstören. Der Protagonist Kenji ist ein Unterstützer dieses Systems, seinem Temperament entsprechend hat er sich für den konfliktarmen Weg entschieden: Ein sicherer Job und wenig Verantwortung. Er lebt nur im Sinne seiner Bedürfnisse und ist froh, wenn er mal wieder keine zu anspruchsvollen Aufgaben übernehmen muss. Doch ausgerechnet ihn wählt die Stadtverwaltung aus, um eine unmöglich schwere Aufgabe zu meistern: Er soll die rastlose Dancing Mary verjagen, einen Geist, der das Neubauprojekt aufhält. Dafür holt er sich Hilfe von einer jungen Frau, die ihm als Medium Zugang zur Welt der Geister verschafft. Damit der Yen rollt, sind keine Mittel zu extrem, also wird auch die organisierte Kriminalität auf den (Bau)Plan gerufen. Man kann in diesem Spiel leicht nicht nur sein Leben, sondern auch sein Gewissen verlieren. Wird Kenji seine Mission erfüllen und beides bewahren können?

SABU zeigt uns in seinem neuen Film: Die Geisterwelt ist auch für die Lebenden nicht nur geistreich, sondern vor allem lehrreich. Um die eigene Zukunft zu gestalten, muss man aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt haben. Kenji wird nach seiner Konfrontation mit guten und bösen Geistern herausfinden: Das Leben ist todernst und nur dann bedeutsam, wenn man nicht nur das eigene, sonder auch das der Anderen wertschätzt. Das klingt durchaus nach einem Drama über charakterliche Reifung, doch wer Sabu kennt, ahnt, das ist noch längst nicht alles. Genre-mixe sind nicht leicht zu gestalten, es besteht die Gefahr, dass ein Element über die anderen dominiert, oder dass sich die einzelnen Teile nicht zu einem konsistenten Gesamtbild zusammenfügen lassen. Dieser Regisseur ist jedoch künstlerisch auf der Höhe seiner Ausdrucksmittel und beherrscht die Balance perfekt.

SABU, das ist Hiroyuki TANAKA, ein alter Bekannter für regelmäßige Festivalbesucher/innen. Im Rahmen der Nippon Connection haben wir schon MR. LONG (2017) und JAM (2018) von ihm gesehen.

Marie über:

AINU – INDIGENOUS PEOPLE OF JAPAN  (JP 2019. R: Naomi Mizoguchi), Sektion: Nippon Docs

„An Ainu is an Ainu“ – aber dass das auch so bleibt, erfordert großes kulturelles Engagement. Regisseurin Naomi Mizoguchi nimmt uns mit nach Biratori, ein Ort auf der Insel Hokkaido, in dem einige der letzten Ainu leben. Das indigene japanische Volk lebt dort gemäß uralten Traditionen. Ihre Kultur und ihre Sprache halten sie aufrecht und vermitteln sie weiter.

Wir begleiten den bedachten Kazunobu und den aufgeweckten Tamotsu, die resolute Sachiko und die zurückhaltende Reiko, über ein ganzes Jahr. Die vier verbindet ihre starke Identifikation mit und ihr großes Engagement für die Kultur der Ainu und außerdem – und das macht diesen Dokumentarfilm besonders lebendig – eine enge Freundschaft. In ihren Gesprächen mit Mizoguchi, die nicht nur Regisseurin, sondern auch Kamerafrau ist, erinnern sie sich daran, wie sie aufgewachsen sind, erzählen Ankedoten aus ihrer Kindheit und Jugend, manchmal rührend traurig, manchmal erfrischend humorvoll. Die Protagonist/innen sind teilweise selbst erst zu einem späteren Zeitpunkt ihres Lebens mit ihrer Kultur, ihren Ainu-Wurzeln, vertraut geworden, die durch kulturelle Assimilationsprozesse in Japan in Vergessenheit geraten ist. Erst als Jugendliche oder Erwachsene haben sie sich auf die Suche nach Spuren ihrer Kultur begeben, haben sich die Sprache, Handwerkskünste, traditionelle Tänze und Gesänge, landwirtschaftliche Kenntnisse angeeignet. Diese gilt es nun an die jüngeren Generationen weiter zu vermitteln, bei Schulbesuchen, in einem Museum und Kulturzentrum, und bei traditionellen Ainu-Festen – wenn die nicht gerade wegen heftigen Stürmen ins Wasser fallen.

Mizoguchi erzählt von wenig aufregenden Alltagsszenen und zugleich von einer Mission, die größte Anstrengung erfordert: vom Erhalt kultureller Identität und Vielfalt.

Jenni über:

I – DOCUMENTARY OF THE JOURNALIST (JP 2019, R: Tatsuya Mori), Sektion: Nippon Docs

und

PRISON CIRCLE (JP 2019, R: Kaori Sakagami), Sektion: Nippon Docs

Bemerkenswerte Dokumentarfilme sind reich vertreten in der Jubiläumsausgabe der Nippon Connection.

I – DOCUMENTARY OF THE JOURNALIST begleitet eine Frau, die eine Ausnahmeerscheinung in der japanischen Medienlandschaft ist. Isoko Mochizuki bohrt unablässig dort, wo es weh tut. Wem? Hochrangigen Politikern wie Regierungssprecher Yoshihide Suga, die sich in einem Mediensystem bewegen, das von exklusiven Presseclubs geprägt ist. Wertvolle Informationen werden dort für einen Kreis ausgewählter Journalit/innen publik gemacht, die in der Regel nicht allzu kritisch nachfragen. Anders Mochizuki. Wenn sie Yoshihide Suga hartnäckig immer wieder dieselben Fragen etwa zur Einhaltung von Umweltstandards beim Bau einer umstrittenen US-Militärbase stellt, dann ist das sichtlich auch ihren Kolleg/innen unangenehm, ebenjenen etablierten Journalist/innen, die spüren, wie fragil der eingespielte Deal von Geben und Nehmen zwischen Regierung und Medien ist. Regisseur Tatsuya Mori ist der Reporterin dabei so dicht auf den Fersen wie diese ihrer Story. Sie scheint permanent auf dem Sprung, immer mit dem Handy am Ohr, in der freien Hand ihr Rollköfferchen. Am nächsten kommt er Mochizuki womöglich in den Momenten, in denen sie unterwegs vor dem Bildschirm ihr Take-Away-Wood verschlingt, ohne sich ein Innehalten zu erlauben. Ihr ganzes Wesen scheint sich zu sträuben gegen Bequemlichkeit. Es wird klar: Diese Frau ist unbequem und wird niemals um des lieben Friedens Willen lockerlassen. Das ‚I‘ im Filmtitel, es ist nicht nur ihr Initial, es ist das Plädoyer des Regisseurs für die Macht und Verantwortung des Individuums, die Verhältnisse nicht als gegeben hinzunehmen und aus der Herde auszubrechen.

Hier geht’s zum Film Talk mit dem Regisseur

Im selben Jahr entstand ein zweiter Film, der von Isoko Mochizuki inspiriert ist. Der mehrfach preisgekrönte Spielfilm THE JOURNALIST von Michihito Fujii ist in der Sektion Nippon Cinema ebenfalls bei Nippon Connection Online zu sehen.

PRISON CIRCLE (JP 2019, R: Kaori Sakagami)

Den umgekehrten Weg: in die Herde, zurück in die Gesellschaft, sucht eine Gruppe Inhaftierter, die die Regisseurin Kaori Sakagami des Dokumentarfilms PRISON CIRCLE zwei Jahre lang begleitet. In einem einmaligen Rehabilitierungsprojekt begeben sich japanweit 40 zu mehreren Jahren verurteilte, vorwiegend junge, Männer in eine mehrmonatige Gesprächstherapie, um sich der moralischen Verantwortung für ihre Taten zu stellen. Auch in diesem Film geht es um den Umgang mit Tabus, um Zugehörigkeit und den Wunsch nach Anerkennung als Individuum. So streng gegliedert wie der Gefängnisalltag kommt auch die Filmdramaturgie daher, fein sortiert in thematische Kapitel der Rehabilitierung, wobei sich die Regisseurin auf vier Insassen und deren Entwicklung kozentriert. Umso stärker und entwaffnender ist die ungeheure Offenheit, mit der die Männer einer nach dem Anderen in der Gruppentherapie von tiefen emotionalen Wunden und Traumata berichten, ihre Lebensgeschichten fantasievoll nacherzählen, mit großer Anteilnahme den Erfahrungen der Anderen lauschen und sie in Rollenspielen verarbeiten.
Wenige, poetische Animationen widmen jedem der Protagonisten eine kleine Erzählung aus der Perspektive des zumeist todtraurigen Kindes, das sie einmal waren. „Ich bin von einer Maschine zu einem Menschen geworden“, berichtet einer von ihnen über die Erfahrung in der Gruppe. Möglich wird dieser Prozess, das zeigt der Film auf ergreifende Weise, durch das Erleben von Gemeinschaft – eine Möglichkeit, die sich nur den allerwenigsten Straftätern bietet.

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