THE PAINTED BIRD bei goEast

Nachdem ROUNDS (V Krag, BG/SE/FR 2019, R: Stephan Komandarev) bei der Preisverleihung von goEast – Festival des mittel- und osteuropäischen Films am Montagabend gerade den Hauptpreis Goldene Lilie erhalten hat, hier noch einmal ein ganz persönlicher Blick aufs Festival:

Von Antonio Mariani

Ich gehöre zu einer Minderheit. Ich habe kein Netflix, kein Amazon Prime, ja, ich gehe noch ins Kino. Der Besuch eines Festivals ist immer wieder ein besonderer Genuss für Filmliebhaber/innen. Alle laufen eifrig mit ihrem Programmheft voller bunter Unterstreichungen rum, es gilt, komplizierte Terminplanungen im Blick zu behalten. Nach dem Film werden Notizbücher gezückt,, schnell noch Gedanken zum soeben gesehenen Werk festgehalten. Am meisten schätze ich die Debatten hinterher in der Kneipe: Engagierte Beiträge beim Bier, oft wird leidenschaftlich gestritten, doch es fühlt sich immer so an, als gehörte man zu einer großen  Gemeinschaft.

Tja, es ist goEast undn ich sitze hier alleine in meinem Zimmer mit einem Grüntee… da fehlt die Leinwand, der menschliche Kontakt, die Spannung des Festivals! goEast ist 2020 ein Hybrid aus On-Demand-Angeboten, verschobenen Veranstaltungen wie dem Symposium (im Juli geplant) und dem Paneuropäischen Picknick (August) und Kino-Vorführungen der Wettbewerbsfilme, die bei exground im November nachgeholt werden sollen.

Es kommt zwar keine richtige Festival-Atmosphäre auf, aber ich kann von zu Hause aus aus dem Vollen schöpfen und gucke mir  heute THE PAINTED BIRD des tschechischen Regisseurs Václav Marhoul an. Es ist die Geschichte eines sechsjährigen Jungen, den die Eltern in die Obhut einer älteren Tante geben, weil sie um sein Leben fürchten und ihn weit weg in Sicherheit wissen wollen. Doch die Tante stirbt bald und von da an muss er, auf sich allein gestellt, durch ländliche Gebiete ziehen, um zu überleben. Eine Reise durch die Hölle, von einem Schreckensszenario ins nächste. Der Film ist in acht Kapiteln erzählt, benannt nach den Peinigern (auch Frauen sind dabei) an die er gerät, die ihn prügeln und auf schreckliche Weise misshandeln. Der titelgebende Vogel wird zur Metapher für die Situation des Jungen: Ein Ausgestoßener, den jeder quält, als hätte er etwas an sich, dass stets die fürchterlichste Brutalität beim Gegenüber hervorlockt, ganz gleich ob es sich um ignorante Bauern handelt, um Intellektuelle, Nazis oder Kosaken. Am Ende bleibt vielleicht ein blasser Ausblick auf Rettung.

THE PAINTED BIRD, das ist großes Kino und meiner Ansicht nach ein politisch wertvoller Film und eine schmerzhafte Grenzerfahrung, die man sich jedoch durchaus antun sollte.

Ein Festival bringt auch Menschen ins Kino, die sonst kaum noch oder eher selten den Weg vor die große Leinwand finden – es gibt noch Publikumsreserven, die besondere Programme wertschätzen. Meine Hoffnung, dass anspruchsvolle Filmkunst auch während und nach Corona stattfinden kann, hat nicht getrogen. Doch mehrmals haben die winterlichen Schneelandschaften in ihrer graphischen Schönheit dazu geführt, dass ich mir dachte: „Ich hätte diesen Film so gerne im Kino gesehen!“Computer aus, Festival zu Ende.

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