Tropical Underground. Lecture von Max Jorge Hinderer Cruz zu MANGUE BANGUE

TROPICAL UNDERGROUND. DAS BRASILIANISCHE CINEMA MARGINAL UND DIE REVOLUTION DES KINOS

„GRENZSITUATIONEN, HYGIENERITUALE UND DAS DELIRIUM DES ALLTAGSLEBENS“
Lecture von Max Jorge Hinderer Cruz (Rio de Janeiro) in englischer Sprache

Veranstaltung im Kino des Deutschen Filmmuseum, 12.4.2018

Wer die kulturelle Globalisierung der Gegenwart verstehen will, kann von der brasilianischen Gegenkultur der 1960er und 1970er Jahre lernen. Mit deren Verbindung von Anthropologie und Avantgarde befasst sich die Campus-Veranstaltung „Tropical Underground“, die neben der „Lecture & Film“-Reihe im Deutschen Filmmuseum auch die Fotoausstellung „Variationen des wilden Körpers“ im Weltkulturen Museum und weitere Veranstaltungen bis Juli 2018 umfasst. Die „Lecture & Film“-Reihe setzt den Akzent dabei auf das Cinema Marginal der späten 1960er und 1970er.

Das Cinema Marginal war zunächst ein Zufallsprodukt der nationalistischen Kulturpolitik der brasilianischen Militärdiktatur. Ein Drittel aller Kinofilme sollte nach dem Wunsch der Junta aus Brasilien stammen, eine den Kinos auferlegte Quote, die von der heimischen Filmindustrie gar nicht erfüllt werden konnte. In der Not wurden die Kinobetreiber zu Produzenten und gaben jungen Regisseur/innen Geld für Low-Budget-Filme. Und genau in dieser Quotennische kam es zu einer kreativen Explosion. Noch neuer als die neue Welle des Cinema Novo wollte das Cinema Marginal sein und stand diesem durchaus kritisch bis polemisch gegenüber. Filmschaffende machten Anleihen beim Horrorfilm und beim Melodram und knüpften – zeitgleich mit der Tropicália-Bewegung in der brasilianischen Musik – an die Themen und Strategien der brasilianischen Avantgarde der 1920er Jahre an.

Als einer deren Hauptvertreter hatte Oswald de Andrade in seinem einflussreichen Anthropophagischen Manifest von 1928 die „karibische Revolution“ ausgerufen. Damit begründete er eine eigene, von den Kunstbewegungen der Metropolen Paris und New York verschiedene, brasilianische Moderne. Mit seiner Mischung aus Genrefilm und Avantgarde trägt das Cinema Marginal diese Revolution ins Kino.

Neville D’Almeida ist der Außenseiter der Außenseiter, das enfant terrible des Cinema Marginal. Für die großen intellektuellen Filmschaffenden, die den Streit um den Thron des brasilianischen Untergrund unter sich austrugen, entzog sich D’Almeidas Werk den Maßstäben ihrer symbolischen Ökonomie. Kommerziell zu erfolgreich, zu wenig dem dogmatischen Ansatz eines „politischen Autorenkinos” verschrieben, ging D’Almeida noch über gängige Vorstellungen eines „Outlaw-Kinos” hinaus und entwickelte seine eigene Position als Filmemacher. Sein Film A DAMA DO LOTAÇÃO (Lady on the Bus, 1978) war ein großer kommerzieller Erfolg, und RIO BABILÔNIA (1982) avancierte in kürzester Zeit zum Klassiker. MANGUE BANGUE (1971) ist ein wenig besprochenes frühes Werk D’Almeidas und ein vorzügliches Beispiel dafür, wie er seine eigene Sprache und Position als Filmer von Grenzerfahrungen des Alltags entwickelte.

Max Jorge Hinderer Cruz ist freier Autor und Kulturkritiker und lebt in Rio de Janeiro. Zu seinen Publikationen zählt Hélio Oiticica and Neville D’Almeida: Block-Experiments in Cosmococa – program in progress (2013, zusammen mit Sabeth Buchmann).

Film: MANGUE BANGUE
Brasilien 1971. R: Neville D’Almeida
D: Rose Matos, Maria Gladys, Paulo Villaça. 61 Min. 16mm. OmeU

In Mangue, einem Rotlichtviertel im Zentrum von Rio de Janeiro, drehte Neville D’Almeida einen experimentellen Film über die Gegensätze, die das Wirtschaftswunder der 1970er-Jahre hervorbrachte – eine Zeit der sexuellen Freiheit und der Drogenexperimente, aber auch der massiven politischen Zensur. Wegen der Repression durch die Militärdiktatur ging D’Almeida kurz nach Ende der Dreharbeiten ins Exil nach London, wo er MANGUE BANGUE fertigstellte. Der Film galt für mehr als 40 Jahren als verschollen, bis eine 16mm-Kopie beim Museum of Modern Art – MoMA in New York auftauchte. Sie wurde dort sorgfältig restauriert und 2010 erstaufgeführt.

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