Klassiker & Raritäten: Deutschland 1945-49. Blicke von außen

Mitte 1945 lag Deutschland, das ganz Europa mit einem verheerenden Angriffskrieg überzogen hatte, in Trümmern. Als 1946 die Produktion von Spielfilmen wieder aufgenommen wurde, waren das zu einem erheblichen Teil „Trümmerfilme“, an realen Schauplätzen gedreht, schon weil die meisten Studios ebenfalls in Trümmern lagen. Weniger bekannt ist, dass auch eine Reihe ausländischer Filmschaffender sich in dieser Zeit mit Deutschland beschäftigte, mit der Nazizeit ebenso wie mit der Nachkriegssituation.

Vier künstlerisch herausragende Filme aus vier verschiedenen Ländern sind in dieser kleinen Reihe zu sehen. Roberto Rossellinis DEUTSCHLAND IM JAHRE NULL wurde zum größten Teil in Berlin gedreht und zeigt mit der Geschichte eines zwölfjährigen Jungen die Situation in der zerstörten Hauptstadt unmittelbar nach der Kapitulation. René Cléments LES MAUDITS spielt in den letzten Kriegstagen an Bord eines deutschen U-Bootes. Fred Zinnemanns THE SEARCH beschäftigt sich am Beispiel eines tschechischen Jungen mit dem Schicksal europäischer Kriegswaisen und Mihail Romms ČELOVEK NO 217 mit dem einer während des Krieges nach Deutschland verschleppten „Fremdarbeiterin“.

Filmstill Das Boot der Verdammten

In Zusammenarbeit mit der Katholischen Akademie Rabanus Maurus

Logo Haus am Dom

Dienstag  03.11.2020

18:00 Uhr

DEUTSCHLAND IM JAHRE NULL

Italien/Frankreich/Deutschland 1948. R: Roberto Rossellini. D: Edmund Maschke, Ernst Pittschau, Ingetraud Hintze. 72 Min. DCP (Formatänderung). dt OF
Einführung: Alfons Arns
Filmreihe: Klassiker & Raritäten: Deutschland 1945-49. Blicke von außen

Kein deutscher „Trümmerfilm“ der Jahre 1946 bis 1949 besitzt die Intensität und künstlerische Relevanz von Roberto Rossellinis 1947 in Berlin in deutscher Sprache gedrehtem DEUTSCHLAND IM JAHRE NULL. Im Mittelpunkt der im Sommer 1945 in Berlin unmittelbar nach der deutschen Kapitulation angesiedelten Handlung steht der zwölfjährige Edmund. Er ist der tragische Held des Films. Zwischen seinem kranken, bettlägerigen Vater, seiner älteren Schwester, seinem Bruder, der Soldat war und sich versteckt, seinem früheren Nazi-Lehrer, zwischen Schwarzmarktschiebereien und amerikanischen Besatzungssoldaten versucht er, seinen Weg zu finden. Rossellini bewertet und interpretiert die Figuren nicht; Rückschlüsse auf ihr Innenleben muss man aus ihrem Verhalten ziehen.

Dienstag  10.11.2020

18:00 Uhr

LES MAUDITS

Das Boot der Verdammten
Frankreich 1947. R: René Clément. D: Dalio, Paul Bernard, Henri Vidal,, Michel Auclair. 105 Min. Bluray. OmU
Einführung: Daniela Kalscheuer (Haus am Dom)
Filmreihe: Klassiker & Raritäten: Deutschland 1945-49. Blicke von außen

In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs verlässt ein deutsches U-Boot Oslo auf geheimer Mission. An Bord befinden sich neben der Besatzung auch ein deutscher General, ein Gestapo-Mann, ein französischer Journalist und ein italienischer Industrieller. Als dessen Frau Hilde bei einem Gefecht verletzt wird, muss ein Boot an die französische Küste geschickt werden, um einen Arzt zu finden; dieser wird genötigt, mit an Bord zu kommen. René Clément gelingt es meisterhaft, die klaustrophobische Atmosphäre im U-Boot einzufangen, wo verschiedenartige Charaktere auf engstem Raum zusammengepfercht sind und die Spannung sich noch steigert, als die Nachricht vom Tode Hitlers eintrifft. So wird LES MAUDITS auch zu einem Mikrokosmos vom Untergang des Naziregimes.

Dienstag  17.11.2020

18:00 Uhr

THE SEARCH

Die Gezeichneten
USA/Schweiz 1948. R: Fred Zinnemann. D: Montgomery Clift, Aline MacMahon, Wendell Corey, Jarmila Novotna. 105 Min. 35mm. OmU
Mit Einführung (Text von Imre Klage)
Filmreihe: Klassiker & Raritäten: Deutschland 1945-49. Blicke von außen

Nach dem zweiten Weltkrieg irrten in den zerbombten Städten und verwüsteten Landstrichen Europas zahlreiche Kinder umher, die ihre Familie und ihr Heim verloren hatten oder verschleppt worden waren und um die sich die UNRRA, die United Nations Relief and Rehabilitaion Administration, kümmerte. Zu Beginn des Films trifft ein Zug mit solchen Kriegswaisen aus ganz Europa in einem Lager der UNRRA ein, wo deren Mitarbeiter versuchen, mehr über ihre Identität und ihr Schicksal zu erfahren. In der Folge konzentriert sich der Film auf das Schicksal eines traumatisierten tschechischen Jungen, der bei einem Transport in ein anderes Lager entflieht und von einem amerikanischen Soldaten aufgegriffen wird, welcher allmählich die Ängste und Widerstände des Jungen überwindet. In der Darstellung überwiegen in THE SEARCH die dokumentarisch-veristischen Beobachtungen bei weitem die Momente konventioneller Kinodramaturgie.

Dienstag  24.11.2020

18:00 Uhr

CELOVEK NO 217

Mensch Nr. 217
UdSSR 1945. R: Mihail Romm. D: Elena Kuz’mina, Anna Lisjanskaja, Vasilij Zajcikov. 101 Min. 35mm. OmU
Einführung (live via Zoom zugeschaltet): Oksana Bulgakowa
Filmreihe: Klassiker & Raritäten: Deutschland 1945-49. Blicke von außen

CELOVEK NO 217 schildert das Schicksal einer nach Deutschland verschleppten russischen „Fremdarbeiterin“. 1942 wird sie wie eine Sklavin versteigert und kommt in den kleinbürgerlichen Haushalt des Kolonialwarenhändlers Krauß, wo sie, ebenso wie ein dort als Gehilfe beschäftigter russischer Mathematikprofessor, einem Regime von Erniedrigung und brutaler Gewalt ausgesetzt ist. In grimmiger, vor keiner Zuspitzung zurückschreckender Manier – der Film entstand noch während des Krieges – zeichnet Mihail Romm Nazi-Deutschland als eine sadistische und dabei zugleich feige-verlogene Gesellschaft, in welcher aber eben nicht nur die Funktionäre, sondern auch die „einfachen“ Leute Teil des unmenschlichen Systems sind.

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