Klassiker & Raritäten: Alltag in der DDR

Menschenleere Straßen, triste Stimmung, Überwachung noch der letzten Winkel – dieses Bild des Alltagslebens in der DDR vermitteln Filme wie DAS LEBEN DER ANDEREN (2006). Doch es gibt auch ganz andere, lebendigere Seiten. Vier Langspielfilme und zwei dokumentarische Kurzfilmprogramme mit besonderem Akzent auf der Rolle und den Erfahrungen von Frauen zeichnen diesen Monat im Kino des DFF ein differenziertes Bild aus vier Jahrzehnten DDR.

Taube Auf dem Dach

Dienstag  21.05.2019

18:00 Uhr

BRÜDER

Werner Hochbaums erster Spielfilm, in eigener Produktion mit gewerkschaftlicher Unterstützung entstanden, ist eines der Hauptwerke des proletarischen Films der Weimarer Republik. Der Film schafft mit Laiendarstellern eine authentische Milieuzeichnung und erzählt eine Geschichte aus dem großen Hamburger Hafenarbeiterstreik von 1896: Als einer der Organisatoren des Streiks festgenommen wird, kommt es zu einer Konfrontation mit dessen Bruder, einem Polizeiwachtmeister und damit Vertreter des Klassenfeindes. Klavierbegleitung: Uwe Oberg Einführung: Annika Haupts (Deutsche Kinemathek Berlin)

Dienstag  28.05.2019

18:00 Uhr

WATERLOO

Deutschland 1929. R: Karl Grune. D: Charles Willy Kayser, Charles Vanel, Otto Gebühr. 122 Min. DCP

Zum zehnjährigen Jubiläum der Münchner Produktionsfirma Emelka entstand WATERLOO als aufwändige Großproduktion, die an Abel Gances NAPOLÉON anschließen sollte. Geschildert wird – samt Vorgeschichte – die Schlacht von Waterloo, in der Napoleon 1815 von englischen und preußischen Truppen endgültig besiegt wurde. Die Außenaufnahmen mit vielen Massenszenen fanden bei München statt. Der Film versuchte einen interessanten Spagat zwischen deutsch-nationalistischer und europäisch-internationaler Perspektive. Klavierbegleitung: Florian Hauck Einführung: Filmwissenschaftler Dr. Lars Krautschick (München)

Dienstag  04.06.2019

18:00 Uhr

VERWIRRUNG DER LIEBE

DDR 1959. R: Slatan Dudow D: Annekathrin Bürger, Angelica Domröse, Willi Schrade, Stefan Lisewski. 107 Min. 35mm

Fast dreißig Jahre nach seinem Klassiker KUHLE WAMPE schuf Slatan Dudow mit VERWIRRUNG DER LIEBE einen der besten Unterhaltungsfilme der 1950er Jahre in der DDR. Der Film sollte die „Schönheit des neuen Lebens“ im Sozialismus zeigen und erzählt eine Geschichte von zwei Paaren, die vorübergehend die Partner wechseln. Neben der großen Freizügigkeit liegt der besondere Akzent auf der gewachsenen Selbstsicherheit der jungen Frauen.

Mittwoch  05.06.2019

17:45 Uhr

KARLA

DDR 1966/90. R: Herrmann Zschoche. D: Jutta Hoffmann, Jürgen Hentsch. 128 Min. 35mm
Filmreihe: Klassiker & Raritäten: Alltag in der DDR

Das ZK der SED verbot 1965 zwölf Filme aufgrund „dem Sozialismus fremde[r], schädliche[r] Tendenzen und Auffassungen“, einer davon ist KARLA nach einem Drehbuch von Ulrich Plenzdorf: die Geschichte einer Junglehrerin, die voller Aufbruchsstimmung in der Provinz ihre erste Stelle antritt und mit ihrem Unterricht bei der Obrigkeit aneckt. Der Film konnte erst 1990 uraufgeführt werden.

Dienstag  11.06.2019

18:00 Uhr

DIE TAUBE AUF DEM DACH

DDR 1973/2010. R: Iris Gusner. D: Heidemarie Wenzel, Günter Naumann. 85 Min. DCP
Filmreihe: Klassiker & Raritäten: Alltag in der DDR

Eine junge Bauleiterin arbeitet in einer Plattenbausiedlung im Süden der DDR. Sie verliebt sich dort in einen Studenten und wird gleichzeitig von einem der Baubrigadiere umworben. Letztendlich liegt ihr jedoch vor allem an ihrer Unabhängigkeit. DIE TAUBE AUF DEM DACH, Iris Gusners Debütfilm, wurde 1973 nicht freigegeben, weil er „das Bild der Arbeiterklasse entstell[e]“. Erst 2010 konnte die Farbfassung nach einer erhaltenen Arbeitskopie rekonstruiert werden.

Dienstag  18.06.2019

18:00 Uhr

DIE BEUNRUHIGUNG

DDR 1982. R : Lothar Warneke D : Christine Schorn, Hermann Beyer. 99 Min. 35mm
Filmreihe: Klassiker & Raritäten: Alltag in der DDR

Lothar Warneke hat etliche bemerkenswerte Filme gedreht, doch DIE BEUNRUHIGUNG darf als sein Meisterwerk angesehen werden. Eine alleinerziehende Mutter Mitte dreißig, intensiv gespielt von Christine Schorn, erfährt bei einer Vorsorgeuntersuchung, dass sie vielleicht Brustkrebs hat. Statt zu resignieren, beginnt sie, ihre Lebensumstände zu überdenken, besonders ihr Verhältnis zu einem verheirateten Mann und zu ihrem 15-jährigen Sohn. Ein Stück Alltagsrealität von dokumentarischer Dichte.

Dienstag  25.06.2019

18:00 Uhr

DIE KÜCHE / WER FÜRCHTET SICH VORM SCHWARZEN MANN

DDR 1986. R: Jürgen Böttcher. Dokumentarfilm. 43 Min. 35mm DDR 1989. R: Helke Misselwitz. Dokumentarfilm. 52 Min. 35mm
Filmreihe: Klassiker & Raritäten: Alltag in der DDR

Jürgen Böttchers DIE KÜCHE fängt einen Arbeitstag in der Großküche der Neptun-Werft in Rostock ein: Die Angestellten, überwiegend Frauen, müssen bis zu 5000 Werftarbeiter mit Essen versorgen. Ein atmosphärisch dichter Film; prägnant sind die lauten Küchengeräusche. Im zweiten Film porträtiert Helke Misselwitz eindringlich die Angestellten einer Kohlenhandlung – eine Chefin und sieben männliche Kohlearbeiter – in Berlin Prenzlauer Berg.

Mittwoch  26.06.2019

18:00 Uhr

KURZFILMPROGRAMM: JÜRGEN BÖTTCHER

OFENBAUER (DDR 1962. 15 Min.) / DER SEKRETÄR (DDR 1967. 29 Min.) / WÄSCHERINNEN (DDR 1972. 23 Min.) / RANGIERER (DDR 1984. 21 Min.) Alle: R: Jürgen Böttcher. Dokumentarfilme. 35mm
Filmreihe: Klassiker & Raritäten: Alltag in der DDR

Vier besonders markante Filme von Jürgen Böttcher, einem der bedeutendsten Dokumentaristen der DDR. Allesamt verbinden sie genaue, nuancierte Alltagsbeobachtung mit einer persönlichen Sichtweise und filmisch sensiblen Gestaltung: Böttcher denkt in Bildern und oktroyiert der Realität keine vorgefassten Positionen auf; das macht eine besondere Stärke seiner Filme aus.

Dienstag  02.07.2019

18:00 Uhr

DER KLOSTERJÄGER

Deutschland 1920. R: Peter Ostermayr. D: Fritz Greiner, Thea Steinbrecher. 63 Min. viragiert DCP Klavierbegleitung: Uwe Oberg

Verfilmung des gleichnamigen Heimatromans von Ludwig Ganghofer: Ein Salzsieder wird aus Verzweiflung über seine finanzielle Lage zum Wilderer in den Ländereien des Berchtesgadener Augustiner-Klosters und beinahe zum Verbrecher im Konflikt mit dem Jäger Hayo. In seiner Bearbeitung des Stoffes gelingt es Peter Ostermayr, aus einem historischen Drama eine dramatische, sozialkritische Liebesgeschichte zu schaffen. Besonders die vielen Naturaufnahmen machen DER KLOSTERJÄGER zu einer Pionierarbeit des Bergfilms.

Dienstag  09.07.2019

18:00 Uhr

DER OCHSENKRIEG

Deutschland 1920. R: Franz Osten. D: Fritz Greiner, Thea Steinbrecher. 68 Min. viragiert. DCP. Musikfassung: Hans Jürgen Buchner (Haindling)
Mit Einführung
Filmreihe: Klassiker & Raritäten

Eine weitere Ganghofer-Bearbeitung, diesmal von Franz Osten (ehemals Ostermeyer und Bruder von Peter Ostermayer), die im Berchtesgadener Land des 15. Jahrhunderts spielt: Zwischen Lambert, dem Sohn eines Amtmanns, und der Bauerntochter Jula entwickelt sich eine Liebesbeziehung. Doch ihre Väter geraten durch ein Missverständnis über das Weiderecht in einen erbitterten Streit. Als diese Auseinandersetzung gewaltsam eskaliert, beginnen die Bauern einen blutigen Aufstand gegen den Berchtesgadener Fürstpropst.

Dienstag  16.07.2019

18:00 Uhr

DER FAVORIT DER KÖNIGIN

Deutschland 1922. R: Franz Seitz sen. D: Hanna Ralph, Albert Patry. Viragiert. 35mm. 109 Min. Klavierbegleitung: Florian Hauck
Filmreihe: Klassiker & Raritäten

DER FAVORIT DER KÖNIGIN ist ein aufwändig gedrehtes historisches Drama im London des 16. Jahrhunderts, das sich den Ideen der Aufklärung verpflichtet und für eine unabhängige Wissenschaft plädiert. Der Arzt Pembroke sieht sich aufgrund einer Seuche dazu gezwungen, sich über das von der Krone ausgesprochene Leichensektionsverbot hinwegzusetzen. Lord Surrey, Liebhaber der Königin, lässt daraufhin aus persönlichem Kalkül Pembroke hinrichten und dessen Assistenten Leyde verhaften – doch die Königin durchkreuzt seine Pläne, Leyde auszuschalten.

Dienstag  23.07.2019

18:00 Uhr

DIE LEUCHTE ASIENS

Deutschland/Indien 1925. R: Franz Osten. D: Sarade Ukil, Himansu Rai. 98 Min. DCP. mit engl. ZT. Musikfassung: Willy Schwarz & Riccardo Castagnola
Filmreihe: Klassiker & Raritäten

Ein buddhistischer Mönch erzählt englischen Touristen vom Leben des Gautama Buddha: Als Königssohn geboren und im Reichtum aufgewachsen, ließ dieser Familie und irdische Besitztümer zurück, um auf Wanderschaft zu gehen und die spirituelle Erleuchtung zu finden. Die Erfahrungen und Erkenntnisse seiner Reise bilden die theologische Basis des Buddhismus. An Originalschauplätzen in Indien gedreht, gilt der Film als Ausgangspunkt des Hindi-Kinos, aus dem sich später „Bollywood“ entwickelte.

Donnerstag  01.08.2019

20:15 Uhr

ZIGEUNERBARON

Deutschland 1935. R: Karl Hartl. D: Adolf Wohlbrück, Hansi Knoteck, Fritz Kampers. 113 Min. 35mm
Einführung: Dr. Rosemarie Killius (Filmhistorikerin und Wohlbrück-Expertin)
Filmreihe: Klassiker & Raritäten: Adolf Wohlbrück

Einer der größten Erfolge Adolf Wohlbrücks: Sandor stellt sich als frecher Fremder auf den Marktplatz und verhöhnt in einem Spottlied den Schweinezüchter Zsupan. Das ganze Dorf lacht über Sandors Reime, denn der fette Zsupan ist nicht gerade beliebt im Dorf, hat er sich doch einst den großen Besitz des Herrn von Barinkay nach dessen Flucht unter den Nagel gerissen. Zsupan selbst hält das Lied freilich für eine ernst gemeinte Ehrung. Doch was hat Sandor wirklich vor?

Dienstag  06.08.2019

18:00 Uhr

MASKERADE

Österreich 1934. R: Willi Forst. D: Adolf Wohlbrück, Paula Wessely, Olga Tschechowa. 104 Min. 35mm
Filmreihe: Klassiker & Raritäten: Adolf Wohlbrück

Adolf Wohlbrück als charmanter Verführer in Willi Forsts aufwändiger Sitten- und Liebesgeschichte, Anfang des 20. Jahrhunderts in Wien: Anita ist mit Hofkapellmeister Paul verlobt. Auf einem Faschingsball trifft sie auf ihren ehemaligen Geliebten, den Kunstmaler Heideneck. Obwohl Anita ungehemmt mit ihm flirtet, interessiert sich Heideneck nur für Gerda. Nur mit einer Maske und einem Muff bekleidet, lässt sich diese von ihm malen. Durch Zufall gelangt das brisante Bild an die Öffentlichkeit und Anita sinnt auf Rache.

Dienstag  13.08.2019

18:00 Uhr

DER KURIER DES ZAREN

Deutschland/Frankreich 1936. R: Richard Eichberg. D: Adolf Wohlbrück, Lucie Höflich, Maria Andergast, Theo Lingen. 93 Min. 35mm
Filmreihe: Klassiker & Raritäten: Adolf Wohlbrück

Aufwändige Verfilmung des Abenteuerromans Michel Strogoff von Jules Verne: Im Auftrag des Zaren soll Michael Strogoff geheime Aufmarschpläne in die von Tataren belagerte Stadt Irkutsk bringen. Inkognito macht er sich auf die lange und gefährliche Reise nach Sibirien, ständig verfolgt von den Komplizen des Tatarenführers Ogareff. Adolf Wohlbrück brilliert hier als faszinierender russischer Abenteurer.

Dienstag  20.08.2019

18:00 Uhr

GASLIGHT

Gaslicht. Großbritannien 1940. R: Thorold Dickinson. D: Anton Walbrook, Diana Wynyard, Frank Pettingell. 84 Min. DCP. OF
Filmreihe: Klassiker & Raritäten: Adolf Wohlbrück

Alice Barlow wird in ihrem Haus überfallen und brutal ermordet. Der Mörder stellt das ganze Haus auf der Suche nach Barlows wertvollen Edelsteinen auf den Kopf. Wegen seiner grausamen Vergangenheit steht das Haus viele Jahre lang leer. Dann entschließt sich das Paar Bella und Paul Mallen zum Kauf des Hauses. Doch irgendetwas hier scheint nicht mit rechten Dingen zuzugehen. Anton Walbrook gibt hier den zwielichtigen Paul, der Bella in den Wahnsinn treibt.

Dienstag  27.08.2019

18:00 Uhr

LA RONDE

Der Reigen. Frankreich 1950. R: Max Ophüls. D: Adolf Wohlbrück, Simone Signoret, Serge Reggiani. 97 Min. Blu-ray. OmeU
Einführung: Dr. Rosemarie Killius (Filmhistorikerin und Wohlbrück-Expertin)
Filmreihe: Klassiker & Raritäten: Adolf Wohlbrück

Wien, um 1900: Adolf Wohlbrück führt als allwissender Conférencier in ständig wechselnden Kostümen durch eine Reihe von Liebesaffären. Regisseur Max Ophüls verfilmte 1950 erstmals das für die Bühne verbotene Stück von Arthur Schnitzler. Mit opulenten Schwarzweiß-Bildern schuf er eine ebenso heitere wie ironische Komödie, die auch heute noch mit ihrer erfrischenden Unangepasstheit begeistert. „Die Darsteller/innen sind so verführerisch wie das Drehbuch“, urteilte die New York Times.

Dienstag  03.09.2019

18:00 Uhr

THE CONNECTION

USA 1961. R: Shirley Clarke D: Warren Finnerty, Jerome Raphael, Carl Lee. 103 Min. 35mm. OmU
Filmreihe: Klassiker & Raritäten: Shirley Clarke

Basierend auf dem gleichnamigen Living-Theatre-Stück von Jack Gelber erzählt THE CONNECTION von einer Gruppe Drogenabhängiger – einige unter ihnen „echte“ Jazzmusiker mit Drogenproblemen wie der berühmte Saxofonist Jackie McLean –, die in einem New Yorker Apartment auf eine Heroinlieferung warten. Dieses Warten wird von einem Filmemacher dokumentiert, der die Lieferung finanziert hat und darauf hofft, ein Stück „Realität“ einfangen zu können. Clarkes Debütfilm gibt Einblicke in das Leben der US-amerikanischen Bohème und reflektiert dabei mit Skepsis Techniken des cinéma vérité.

Dienstag  10.09.2019

18:00 Uhr

ORNETTE: MADE IN AMERICA

USA 1985. R: Shirley Clarke Dokumentarfilm. 77 Min. 35mm. OmU
Filmreihe: Klassiker & Raritäten: Shirley Clarke

Shirley Clarkes letzter vollendeter Film beschäftigt sich mit Leben und Werk des Saxofonisten Ornette Coleman, der als Pionier des Free Jazz zu den einflussreichsten Jazz-Musiker/innen der Geschichte zählt. Strukturiert um ein Konzert seiner Komposition Skies of America, verwebt der Film Archivmaterial, psychedelische Sequenzen, Auftritte von William S. Burroughs und uckminster Fuller sowie Expert/inneninterviews. Immer wieder wird dabei auch der Einfluss der Regisseurin deutlich, die mit Bild- und Tonexperimenten versucht, die Form des klassischen Musikdokumentarfilms aufzubrechen.

Dienstag  17.09.2019

18:00 Uhr

THE COOL WORLD

USA 1963. R: Shirley Clarke D: Rony Clanton, Yolanda Rodríguez, Carl Lee. 105 Min. 35mm. OF
Filmreihe: Klassiker & Raritäten: Shirley Clarke

Ein junger Teenager ist unter den Straßengangs im New York der 1960er auf der Suche nach einer Waffe. THE COOL WORLD basiert auf einem Roman von Warren Miller und wurde zum größten Teil mit Laienschauspieler/innen gedreht. Clarkes Film entwickelt dabei semidokumentarische Perspektiven auf das Leben in Harlem in der Zeit kurz vor dem Aufkommen der Black-Power-Bewegung. Wie bereits in THE CONNECTION treten berühmte Jazzmusiker auf, darunter Dizzy Gillespie, der gemeinsam mit Mal Waldron für den hochgelobten Soundtrack verantwortlich war

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