Gastbeitrag // Bewegtes Bild „mit dem Scheinwerfer“

In einer neuen, unregelmäßig erscheinenden Filmblog-Reihe präsentieren wir Texte externer Autor:innen. Heute geht es darum, wie zwei kleine Jungs im heimischen Wohnzimmer die Magie der 16mm-Projektion entdecken.

Von Sarah Hujer

„Mama, können wir heute Abend noch einen Film schauen?“
„Nein, das wird dann zu viel, wir haben doch heute Nachmittag schon drei Filme gesehen.“
(Kurzes Schweigen) „Ach so, das … Das waren doch keine Filme!“

Von irgendwo weither vernahm ich ein verzweifeltes Aufstöhnen. Das Stöhnen kam aus der Vergangenheit und drängte sich jetzt vehement in die Gegenwart: Die Stimme von Heide Schlüpmann. Sie repräsentierte während meines Studiums in Frankfurt eine der drei Säulen des Instituts für Theater-, Film- und Medienwissenschaft: den Film. Und während die Kinos in Frankfurt und ganz Deutschland einen rasanten und radikalen Wandel von der analogen zur digitalen Projektion durchliefen, hielt sie vehement am Film als Filmstreifen fest. Das sorgte bei vielen der jungen Studierenden, die schon tief im Sumpf des Digitalen steckten, für Irritationen. Davon ließ sich Heide wiederum wenig irritieren: Für sie war Film Materialität, Kinoerleben und Projektorgeknatter. Alles andere war, mit einer durchaus abfälligen Konnotation, „Bewegtbild“. Der Seminarraum war ein schwarz verkleideter kleiner Saal, das einzige Fenster: ein Projektionsfenster. Gezeigt wurden ausschließlich 16mm-Filme. Heides radikale Verteidigung des Analogfilms habe ich nicht übernommen, aber das Zelluloid hat mich doch auf den letzten Metern seiner kommerziellen Geschichte noch verzaubert.

Manchmal legt das Leben Köder aus. Und dann taucht in einer sehr kinoarmen Gegend, in einer kleinen Grundschule, in einem Das-wollten-wir-eigentlich-schon-lange-weggeworfen-haben-Regal, ein 16mm-Projektor auf. Und weil sowieso niemand etwas damit anzufangen weiß, darf ich ihn mit nach Hause nehmen. Mein Herz klopft bis zum Hals, als ich ihn im Wohnzimmer aufbaue. Es rattert, es leuchtet – durch den Lüftungsschacht ist zu sehen, dass das komplette Innenleben des Projektors von einem Spinnennetz durchzogen ist: Ein Symbol für das Aussterben des Analogfilms? Ein Sinnbild für den Dornröschenschlaf der Kinos während des Lockdowns? Egal. Nach der Reinigung nehme ich ehrfürchtig den (im Gebrauchtwaren-Internet erworbenen) Film aus der Dose. Der aufsteigende Geruch löst eine Nostalgie-Welle aus. Die Handgriffe sitzen noch, die Filmspule ist auf dem Arm des Projektors eingerastet – und dann folgt die jähe Erkenntnis und ein ungläubiges Lachen: Ohne Leerspule läuft der Film ins Leere. Es hilft alles nichts: Dies ist ein weiterer Auftrag für das Gebrauchtwaren-Internet und es vergeht eine weitere Woche ohne Analogfilm-Projektion.

Doch dann sitze ich endlich mit meinen Kindern im Wohnzimmer, der Projektor rattert, das Bild an der Wand legt sich über die Tapetenstruktur, es läuft: „Großwild im kanadischen Felsengebirge“, extrem rotstichig, ohne Tonspur. Die Kinder sind gebannt und auch ein bisschen irritiert von dieser seltsamen, laut ratternden Maschine.

Aber „Film“ sieht für sie anders aus. Der Große will abends „bitte noch richtige Filme“ schauen, der Kleine fragt am nächsten Tag, ob wir mal wieder bewegte Bilder „mit dem Scheinwerfer“ gucken können. Und immer wieder sehe ich vor meinem inneren Auge, wie Heide die Augen verdreht.