Die Gesänge der Sarah Maldoror

Ein Kino der Nähe, der kollektiven Verantwortung und des Teilens

Die Regisseurin Sarah Maldoror (1929–2020) ist eine Pionierin des Kinos und doch dem hiesigen Publikum relativ unbekannt geblieben. Die Filmpraxis der in Südfrankreich geborenen Tochter eines Vaters aus Guadeloupe und einer französischen Mutter ist kämpferisch, thematisch und formal vielfältig und gleichzeitig von großer Kohärenz. Zentrale Motive in Maldorors Filmschaffen sind Befreiungsbewegungen, Frauenrollen, die Geschichte der Sklaverei und des Kolonialismus vor allem in afrikanischen Ländern sowie Künstler:innen des Surrealismus und der Négritude.

Gedreht mit Unterstützung der algerischen Partei Nationale Befreiungsfront (FLN), legt Maldorors Debütfilm MONANGAMBEE die Gewalt des portugiesischen Kolonialsystems gegen die angolanische Unabhängigkeitsbewegung mit ungewöhnlicher Sensibilität offen, während ET LES CHIENS SE TAISAIENT ein Theaterstück über die Auflehnung gegen die Sklaverei im Musée de l’Homme in Paris inszeniert. Der poetische Dokumentarfilm LÉON G. DAMAS reflektiert Landschaften und Einflüsse, die den Dichter der Négritude umgaben. Anne-Laure Follys SARAH MALDOROR OU LA NOSTALGIE DE L’UTOPIE ist ein eindrückliches Porträt über Maldoror.

Die Suche einer Frau nach ihrem inhaftierten Ehemann, der sich dem Befreiungskampf angeschlossen hat, wird in SAMBIZANGA zu einer Metapher für das Leiden des Volkes in Angola und der Entwicklung eines revolutionären Bewusstseins. Die Komödie UN DESSERT POUR CONSTANCE entlarvt aus der Perspektive von Schwarzen Müllmännern den Rassismus der französischen Gesellschaft. Mit Rüdiger Vogler und Roger Blin in den Hauptrollen, erzählt L’HÔPITAL DE LENINGRAD nach einer Kurzgeschichte von Victor Serge vom Umschlagen der Russischen Revolution in stalinistische Verfolgung. Victor Serges‘ Sohn, dem mexikanischen Maler Wladimir Kibaltschitsch, gilt Maldorors Porträt VLADY – PEINTRE.

Maldoror präferierte das Kurzporträt als filmische Form. Davon zeugt TOTO BISSAINTHE über die gleichnamige haitianische Sängerin und enge Freundin der Regisseurin. Mehrere Filme widmete Maldoror dem Mitbegründer der Négritude, Aimé Césaire. Ausgangspunkt von AIMÉ CÉSAIRE – LE MASQUE DES MOTS ist eine Konferenz in Miami, die ihm zu Ehren veranstaltet wurde. Mittels zahlreicher Interviews u.a. mit dem Poeten Édouard Glissant und der Politikerin Madeleine de Grandmaison begibt sich REGARDS DE MÉMOIRE auf die Spuren von Sklaverei, Kolonialismus und der haitianischen Revolution.

An allen Programmtagen (10.–12.6.) ist die Filmkuratorin Annouchka De Andrade zu Gast, die am Erhalt und der Verbreitung des Werks ihrer Mutter arbeitet.

Filmstill aus Sambizanga: Eine Frau trägt einen Jungen iin einem Tragetuch auf dem Rücken und blickt über die rechte Schulter zurück

Ein Programm von Gaby Babić, Madeleine Bernstorff, Natascha Gikas, Feven Haile, Gary Vanisian

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In Kooperation mit:

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Gefördert von:

Freitag  10.06.2022

18:00 Uhr

MONANGAMBEE

MONANGAMBEE
Algerien 1969. R: Sarah Maldoror. 17 Min. DCP. OmeU
ET LES CHIENS SE TAISAIENT (Und die Hunde schwiegen)
Frankreich 1978. R: Sarah Maldoror. 3 Min, digital. OmeU
LÉON G. DAMAS
Frankreich 1994. R: Sarah Maldoror. 25 Min. DCP. OmeU
SARAH MALDOROR OU LA NOSTALGIE DE L'UTOPIE (Sarah Maldoror oder die Sehnsucht nach der Utopie)
Frankreich/Togo 1999. R: Anne-Laure Folly. 26 Min. digital. OmeU
Original version with English subtitles
Zu Gast: Filmkuratorin Annouchka De Andrade, die am Erhalt und der Verbreitung des Werks ihrer Mutter arbeitet.
Filmreihe: Die Gesänge der Sarah Maldoror – Ein Kino der Nähe, der kollektiven Verantwortung und des Teilens

Gedreht mit Unterstützung der algerischen Partei Nationale Befreiungsfront (FLN), legt Maldorors Debütfilm MONANGAMBEE (1969) die Gewalt des portugiesischen Kolonialsystems gegen die angolanische Unabhängigkeitsbewegung mit ungewöhnlicher Sensibilität offen, während ET LES CHIENS SE TAISAIENT (1978) ein Theaterstück über die Auflehnung gegen die Sklaverei im Musée de l’Homme in Paris inszeniert. Der poetische Dokumentarfilm LÉON G. DAMAS (1994) reflektiert Landschaften und Einflüsse, die den Dichter der Négritude umgaben. Anne-Laure Follys SARAH MALDOROR OU LA NOSTALGIE DE L’UTOPIE (1999) ist ein eindrückliches Porträt über Maldoror.

20:15 Uhr

SAMBIZANGA

Angola/Frankreich 1972. R: Sarah Maldoror. 102 Min. DCP. OmeU
Original version with English subtitles
Zu Gast: Filmkuratorin Annouchka De Andrade, die am Erhalt und der Verbreitung des Werks ihrer Mutter arbeitet.
Filmreihe: Die Gesänge der Sarah Maldoror – Ein Kino der Nähe, der kollektiven Verantwortung und des Teilens

SAMBIZANGA spielt im Jahr 1961: Der Befreiungskampf gewinnt auch in Angola an Momentum. Mit Bildern des Alltäglichen erzählt Sarah Maldoror die Suche Marias nach ihrem Ehemann Domingo – er wurde inhaftiert, weil er sich der Revolution angeschlossen hat. Dabei legt Maldoror mit Feingefühl das Alleinsein einer Frau auf einer beschwerlichen Reise offen. Marias Suche entpuppt sich als einfühlsame und kraftvolle Metapher für das Leiden des angolanischen Volkes und dessen „Entwicklung eines revolutionären Bewusstseins“ (S. Maldoror).

Samstag  11.06.2022

16:45 Uhr

VORTRAG ÜBER SARAH MALDOROR

Vortrag von Annouchka De Andrade, Sarah Maldorors Tochter (Dauer: 60 Min.)
Filmreihe: Die Gesänge der Sarah Maldoror – Ein Kino der Nähe, der kollektiven Verantwortung und des Teilens

Annouchka de Andrade setzt sich mit der „Assoziation Sarah Maldoror und Mario de Andrade“ für den Erhalt und die Verbreitung des Erbes ihrer Eltern ein. Seit über 30 Jahren arbeitet Annouchka de Andrade international zu den Schwerpunkten audiovisuelle Medien, kulturelles Erbe und Produktion.

18:00 Uhr

UN DESSERT POUR CONSTANCE


PORTRAIT D’UNE FEMME AFRICAINE (Porträt einer afrikanischen Frau)
Frankreich 1985, R: Sarah Maldoror. 4 Min. digital. OmeU
UN DESSERT POUR CONSTANCE (Constanzes Kochbuch)
Frankreich 1980. R: Sarah Maldoror. 60 Min. digital von 16mm. OmeU
Original version with English subtitles
Zu Gast: Filmkuratorin Annouchka De Andrade, die am Erhalt und der Verbreitung des Werks ihrer Mutter arbeitet.
Filmreihe: Die Gesänge der Sarah Maldoror – Ein Kino der Nähe, der kollektiven Verantwortung und des Teilens

PORTRAIT D’UNE FEMME AFRICAINE verhandelt in beeindruckend dichter Erzählweise die Situation einer in Frankreich arbeitenden senegalesischen Frau. In dem von ihr unmittelbar eingesprochenen Off-Kommentar erzählt sie von den Schwierigkeiten des Lebens in der Fremde und den Verpflichtungen gegenüber den Zurückgebliebenen in der Heimat, während die Kamera sie in ihrem Alltag filmt.

Auch der für das Fernsehen entstandene Langfilm UN DESSERT POUR CONSTANCE widmet sich der prekären Situation der afrikanischen Diaspora in Frankreich, jedoch in Gestalt einer sarkastischen und in der Darstellung menschlicher Solidarität zutiefst berührenden Komödie: Über Umwege gelangt ein Kochbuch, das die Rezepte urfranzösischer Saucen versammelt, zu Mamadou und seinen Freunden, die als Müllmänner in Paris arbeiten. Einer von ihnen ist schwer krank und die Gruppe beschließt, ihm die Rückkehr nach Afrika zu ermöglichen. Eine kulinarische Quizsendung im Fernsehen soll das benötigte Geld einbringen.

20:15 Uhr

L’HÔPITAL DE LENINGRAD

L’HÔPITAL DE LENINGRAD (Das Krankenhaus von Leningrad)
Frankreich 1982. R: Sarah Maldoror. 59 Min. DCP von 16mm. OmeU
VLADY – PEINTRE (Vlady - Maler)
Mexiko/Frankreich 1989. R: Sarah Maldoror. 24 Min. digital von 16mm, OmeU
Original version with English subtitles
Zu Gast: Filmkuratorin Annouchka De Andrade, die am Erhalt und der Verbreitung des Werks ihrer Mutter arbeitet.
Filmreihe: Die Gesänge der Sarah Maldoror – Ein Kino der Nähe, der kollektiven Verantwortung und des Teilens

Im Jahr 1932 erhält der Schriftsteller Victor Serge die Einladung, das älteste psychiatrische Krankenhaus Leningrads zu besuchen. Schon auf dem Weg dorthin beobachtet er die alltäglichen Auswirkungen des stalinistischen Regimes: Polizisten üben Gewalt gegenüber Bürger:innen aus, Wägen mit verhafteten Menschen fahren vor und singende Pioniergruppen marschieren durch die Straßen. Im Krankenhaus lernt Serge einige Opfer des sowjetischen Systems kennen, darunter den Denker Nestor Jurijew, der einen philosophischen Diskurs mit ihm beginnt. Im Zentrum seiner Gedanken steht die Überzeugung, dass erst das Überwinden der Angst – auch in Zeiten von Denunziation und willkürlichen Verhaftungen – ein freies Denken ermöglicht. Nach einer Erzählung des Schriftstellers und Revolutionärs Victor Serge inszeniert Maldoror diese Begegnung in einem langsamen Rhythmus und in melancholischen Bildern, deren bewusste graue Ödnis einzig vom Rot der kommunistischen Propaganda durchbrochen wird.

In VLADY – PEINTRE besucht Maldoror den Maler Wladimir Kibaltschitsch, kurz “Vlady” genannt, den Sohn Victor Serges, der mit seiner Familie seit 1941 im Exil in Mexiko lebt. Anhand eines von Symbolen und Anspielungen erfüllten Wandgemäldes erläutert Vlady seine künstlerische Handschrift, erinnert sich aber auch an seinen Vater, dessen Freundschaft mit Trotzki und das Aufwachsen im Exil.

Sonntag  12.06.2022

18:00 Uhr

AIMÉ CÉSAIRE – LE MASQUE DES MOTS

TOTO BISSAINTHE
Frankreich 1984. R: Sarah Maldoror. 5 Min. digital. OmeU
AIMÉ CÉSAIRE – LE MASQUE DES MOTS (Aimé Césaire - Die Maske der Worte)
Martinique 1987. R: Sarah Maldoror. 52 Min. digital. OmeU
WIFREDO LAM
Frankreich 1980. R: Sarah Maldoror. Farbe, 4 Min. digital. OmeU
REGARDS DE MEMOIRE (ROUTE D’ESCLAVE) / Blicke aus der Erinnerung (Sklavenroute)
Martinique/Haiti 1995. R: Sarah Maldoror. 27 Min. digital. OmeU
Original version with English subtitles
Zu Gast: Filmkuratorin Annouchka De Andrade, die am Erhalt und der Verbreitung des Werks ihrer Mutter arbeitet.
Filmreihe: Die Gesänge der Sarah Maldoror – Ein Kino der Nähe, der kollektiven Verantwortung und des Teilens

Maldoror präferierte das Kurzporträt als filmische Form. Davon zeugt TOTO BISSAINTHE über die gleichnamige haitianische Sängerin und enge Freundin der Regisseurin. Mehrere Filme widmete Maldoror dem Mitbegründer der Négritude, Aimé Césaire. Ausgangspunkt von AIMÉ CÉSAIRE – LE MASQUE DES MOTS ist eine Konferenz in Miami, die ihm zu Ehren veranstaltet wurde. Mittels zahlreicher Interviews u.a. mit dem Poeten Édouard Glissant und der Politikerin Madeleine de Grandmaison begibt sich REGARDS DE MÉMOIRE auf die Spuren von Sklaverei, Kolonialismus und der haitianischen Revolution.