Kristen Stewart

Von Frauke Haß

Schauspieler/innen werden ja zuweilen in einträchtiger Zeitgenossenschaft mit einem zusammen alt (sogar, wenn sie ein wenig älter sind als man selbst). Wie Jodie Foster, die in TAXI DRIVER (US 1976, R: Martin Scorsese) noch ein Kind, in ACCUSED (US/CA 1988, R: Jonathan Kaplan) eine junge vergewaltigte Frau, in THE SILENCE OF THE LAMBS (US 1991, R: Jonathan Demme) eine professionelle FBI-Agentin Anfang 30 und in CARNAGE (FR/DE/PO/SP 2011, R: Roman Polanski) eine moralinsaure Helikopter-Mutter über 50 ist. Oder wie Jeff Bridges, der in Peter Bogdanovichs THE LAST PICTURE SHOW (US 1971) noch ein hübscher Junge, in THE FISHER KING (US 1991, R: Terry Gilliam) ein Mann in den besten Jahren und in HELL OR HIGH WATER (US 2016, R: David Mackenzie) ein, naja, alter Mann geworden ist. Stets natürlich sensationell!

Aber dann gibt es auch jene, die – ups – plötzlich groß geworden sind wie Scarlett Johansson, die man in LOST IN TRANSLATION (US/JP 2003, R: Sofia Coppola), schon als „neuen“ Stern bewundert, um sogleich festzustellen, dass sie ja bereits die picklige, verwundete Göre in THE HORSE WHISPERER (US 1998, R: Robert Redford) war; oder Leo DiCaprio, der erst mit  TITANIC (US 1997, R: James Cameron) ins eigene Bewusstsein vordrang, und erst eine kleine Recherche ergab, dass der ja schon der süße kleine Bruder von Johnny Depp in WHAT’S EATING GILBERT GRAPE (US 1993, R: Lasse Hallström) war.

Oder Kristen Stewart, die die halbe Welt aus TWILIGHT (US 2008, R: Catherine Hardwicke) zu kennen schien, bevor sie aus dem Nichts am Horizont der eigenen Wahrnehmung auftauchte, erstmals in WELCOME TO THE RILEY’S (US 2010, R: Jake Scott), verstärkt in ON THE ROAD (US/FR/GB/CA/BR 2012, R: Walter Salles) und mit voller Wucht dann in CLOUDS OF SILS MARIA (DE/FR/CH 2014, R: Olivier Assayas) und PERSONAL SHOPPER (FR/DE/CR/BE 2016, R: Olivier Assayas).

Nur um schließlich festzustellen, dass sie ja schon Jodie Fosters Tochter in PANIC ROOM (US 2002, R: David Fincher) und Chris McCandless‘ On-the-Road-Freundin Tracy Tatro in INTO THE WILD (US 2007, R: Sean Penn) war.

Kristen Stewart besticht vor allem durch ihre ungeheure Präsenz und Intensität, und das gerade in jenen Rollen, in denen sie – getragen von einer Grundmelancholie – so gut wie nie lächelt und dem Leben fundamental skeptisch gegenüber tritt. Während ihre Mallory in WELCOME TO THE RILEYS diesem Muster bereits entspricht, kommt sie hier noch als rebellischer Teenager rüber, der das Leben umständehalber, aber altersbedingt auch prinzipiell abgrundtief erbärmlich empfindet. Als Assistentin von Juliette Binoche in CLOUDS OF SILS MARIA, als PERSONAL SHOPPER für das Supermodel Kyra und als Juliane Moores Tochter Lydia in STILL ALICE (US 2014, R: Richard Glatzer/Wash Westmoreland) entwickelt sie diese Persona konsequent weiter, als eine, die keinerlei Hoffnung auf ein persönliches Glück zu haben scheint (auch wenn sie es beharrlich-stoisch sucht) und immer nur  an-der-Seite-von jemandem zu stehen scheint.

Diese Darstellung einer vom Alltag gerade noch so in Schach gehaltenen, totalen Hoffnungslosigkeit vervollkommnet Kristen Stewart in Kelly Reichardt‘s Episodenfilm CERTAIN WOMEN (US 2016), wo sie sich als junge Rechtsanwältin Beth Travis selbst in ein schwarzes Loch manövriert, als sie einen bizarren Nebenjob annimmt: Weil sie daran zweifelt, ob sie sich mit ihrem Hauptjob in Livingstone noch lange über Wasser halten kann, heuert sie für einen Abendkurs im Schulrecht im vier Stunden entfernten Belfry an. Was bedeutet, dass sie die zwei mal vier Stunden Fahrt zwei Mal in der Woche bewältigen muss, um morgens wieder ihren richtigen Job antreten zu können. Die junge Farmhilfe Jamie, die zufällig in Beth‘s Kurs gerät, ist hingerissen von Beth, die in ihrer von Müdigkeit und Verzweiflung getragenen Melancholie gar nicht merkt, was für ein Trümmerfeld sie hinterlässt, als sie plötzlich auf Nimmerwiedersehen aus Belfry verschwindet.

Kristen Stewart wird heute erst 30. Wir werden hoffentlich noch viel von ihr hören und sehen. Vielleicht sogar lächelnd. Happy Birthday!

 

STILL ALICE, die TWILIGHT-Serie und AMERICAN ULTRA mit Kristen Stewart sind auf Netflix zu sehen.

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