Volker Schlöndorff: Nachruf auf Jean-Claude Carrière

Am 8. Februar ist der französische Drehbuchautor und Schriftsteller Jean-Claude Carrière in Paris gestorben. Volker Schlöndorff, der viel mit ihm zusammengearbeitet hat, hat uns seinen Nachruf zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt: Hier erinnert er sich an einen geschätzten Kollegen und Freund.

Anfang der Sechziger Jahre. Brigitte Bardot, Jeanne Moreau, Catherine Deneuve, Delphine Seyrig, das waren die Stars an unserem Himmel, als wir uns das erste Mal trafen, vor etwa 55 Jahren, Jean-Claude 30, ich 23, nicht zusammen, aber an demselben Film arbeitend: VIVA MARIA (FR/IT 1965. R: Louis Malle). Da wir in Mexiko drehten und Jean-Claude auch mit Buñuel an BELLE DE JOUR (FR 1967. R: Luis Buñuel) arbeitete, war es nur natürlich, dass er auch in Louis Malles Film Elemente von Anarchie und Surrealismus einbrachte.

Nicht gerade Garanten für kommerziellen Erfolg – aber es gibt Ausnahmen. DER DISKRETE CHARM DER BOURGEOISIE (FR/ES 1972. R: Luis Buñuel) und DIESES OBSKURE OBJEKT DER BEGIERDE (FR/ES 1977. R: Luis Buñuel) sind der beste Beweis: niemand hätte es gewagt, extrem konventionelle Handlungsstränge mit solch wilden surrealistischen Ideen zu kombinieren, und noch weniger, dieselbe Figur mit zwei verschiedenen Schauspielerinnen zu besetzen. So gelang Jean-Claude Carrière diese fruchtbare Kombination, die einzigartige Leistung: Ästhetische Avantgarde und Mainstream-Kino zugleich zu sein.

Miloš Forman war der nächste Regisseur, der sich mit ihm zusammentat, der ihn für TAKING OFF (US 1971) nach Amerika holte und mit ihm bis LOS FANTASMAS DE GOYA (ES 2006) zusammenarbeitete. Erst 15 Jahre nach dem Beginn unserer Freundschaft schrieben wir die sehr deutsche BLECHTROMMEL (DE 1979. R: Volker Schlöndorff) auf Französisch. Für unseren verstorbenen Freund und Meister Andrzei Wajda schuf er einen sehr polnischen DANTON mit Gerard Depardieu. Aber Jean-Claude kann auch ganz normales Box Office machen: LA PISCINE (FR/IT 1969. R: Jacques Deray) ist ein Klassiker für sich, die schiere körperliche Anziehungskraft von Romy Schneider und Alain Delon dampft noch nach all den Jahren.

1998 versah Jean-Claude Carrière bei einem Besuch im Deutschen Filmmuseum eine Schranktür des Volker-Schlöndorff-Archivs mit einer Skizze. Mittlerweile sind die Archivbestände in neue Räumlichkeiten umgezogen - inklusive der abmontierten Schranktür.

Die beste Zeit, die ein Regisseur haben kann, ist die Arbeit mit Jean Claude, die Freude und Aufregung jeden Morgen, wenn man sich mit ihm trifft, die Gewissheit, dass man viel schaffen, Spaß haben und ihn verlassen würde, wenn nicht als ein besserer Mensch, so doch als ein Mensch, der sich besser fühlt. Mit mehr Energie. Alle Sorgen hinter sich gelassen.

Wo ist ein Problem? – würde er fragen. Es gibt kein Problem: Tun Sie es einfach. Zweifeln Sie nicht, vertrauen Sie Ihrer Phantasie. Wenn ihm eine Idee, ein Bild, eine Replik in den Sinn kam, dann war das Grund genug, sie zu Papier zu bringen: nicht hinterfragen, nicht erklären, keine Begründungen geben. Testen Sie Ihre Idee höchstens, indem Sie eine Zeichnung anfertigen. Darin war er sehr gut. Ein echter Cartoon-Zeichner.

Jean-Claude Carrière als Cartoon-Zeichner: Seine Skizzen zur BLECHTROMMEL nahm Volker Schlöndorff in seine Drehbuchfassungen auf. Quellle: DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum, Frankfurt a.M. / Sammlung Volker Schlöndorff

Er war Gagman bei Tati! Und diese Technik der freien Assoziation ist vielleicht das Geheimnis seines schnellen und produktiven Schreibens. Ecriture automatique – fast.

Wenn Chabrol sicherlich der Filmemacher ist, der den Rekord für die Anzahl der gedrehten Filme hält (mehr als 70, glaube ich), schrieb Jean-Claude sicherlich mehr als jeder andere, ganz zu schweigen von denen, mit denen er nur assoziiert ist. Hinzu kommen Theaterstücke, Bücher und Übersetzungen. Sein persönlichster Text ist Le Vin Bourru, ein Buch über seine Kindheit, das auch seine Arbeitsweise erklärt.

Das Geheimnis: Genauso wie ein Bauer ein Feld nicht mal probeweise, mal wirklich pflügen und säen kann, schreibt Jean-Claude praktisch ohne zu radieren, zu korrigieren oder zu streichen. Er hält sich nicht auf mit einem ersten Entwurf, „nur um zu sehen, was passiert“, um dann alles ein zweites Mal zu schreiben, und gar ein drittes Mal. Nein, er denkt zuerst nach und eliminiert jedes Projekt, das ihn nicht auf Anhieb anspricht. Schon das ist eine ziemliche Disziplin, und sie sollte für unser ganzes Leben gelten. Dagegen leben die meisten Menschen erst mal wie zum Versuch, wie „um zu sehen“, in der Annahme, dass sie ein anderes Leben haben, das sie „später“ dann wirklich leben werden, in „echt“ – wie mir Jean-Claude einmal sagte, der es zweifellos von Buñuel hatte. Wenn wir wissen, dass alles endgültig ist, sobald wir es tun, und dass Streichen und Ausbessern verboten ist, alles unabänderlich ist wie für den Bauern die gewählte und gesäte Saat ist, sind wir entweder gelähmt und wagen nichts mehr zu tun, aus Angst, einen Fehler zu machen, oder wir bekommen wie Jean-Claude eine große Stärke, von Job zu Job zu gehen, ohne sich jemals wieder damit zu beschäftigen, in der Gewissheit, dass das, was getan wird, getan ist.

Shakespeare kommt einem in den Sinn. Jean-Claude war Theatermann, ein Dramatiker, seine Zusammenarbeit mit Peter Brook ist Legende. Aesop, das Mahabharata. The Man who…

Wissenschaft und sie verständlich zu machen, eine weitere seiner erstaunlichen Qualitäten: lassen Sie mich nur einige seiner Bücher nennen, über Quantenphysik, den Dalai Lama, die Inquisition, alles Spanische, das er fließend beherrschte, Buddhismus, im Gegensatz zu den meisten Franzosen nicht nur Geschichte, sondern auch Geographie, Indien, Mexiko und Iran, über Geld und den Finanzmarkt: Nichts ist zu weitläufig, um es zu umarmen, nichts zu konträr, zu gegensätzlich, um nicht vielleicht nützlich zu sein.

Mein Favorit ist Le vin bourru – seine Kindheit erzählt Werkzeug für Werkzeug, all die Gerätschaft, die Bauern und Handwerker früher hatten, für den Sohn eines kleinen Weinbauern, in den Weinbergen Südwestfrankreichs, immer wieder faszinierend. Und mit dem gleichen langsamen und sicheren Schritt wie seine Vorfahren pflügt Jean-Claude seit fast 70 Jahren die Felder des Kinos. Die Ernte war immer gut, manchmal überragend, mit einer Reihe von Meisterwerken, die ihn so lange überleben werden, wie das Kino überleben wird, und wenn es überleben wird (nicht sicher, würde er sagen), wird es wegen der Filme sein, die er schrieb.

Titelbild: Jean-Claude Carrière und Volker Schlöndorff am Set von VIVA MARIA, 1964 in Mexiko. Quelle: DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum, Frankfurt a.M. / Sammlung Volker Schlöndorff

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