BERGMAN ISLAND

BERGMAN ISLAND
FR/DE/BE/SE 2020, R: Mia Hansen-Løve
D: Vicky Krieps, Tim Roth, Mia Wasikowska, Anders Danielsen Lie, 117 Min

BERGMAN ISLAND – ein Film mit diesem Titel kann selbstverständlich nur auf Ingmar Bergmans Insel spielen. Auf Fårö, der abgeschiedenen schwedischen Insel, auf der die Regie-Legende lebte und Filme wie PERSONA (SE 1966) schuf. Hierhin schickt die französische Regisseurin Mia Hansen-Løve das Regie-Ehepaar Chris (Vicky Krieps) und Tony (Tim Roth), die nach Inspiration für ihre Drehbücher suchen. Doch eigentlich war die Reise Tonys Idee. Dem erfolgreichen Regisseur geht das Schreiben leicht von der Hand. Entscheidender für den Trip ist die „Bergman-Woche“. Wie er sind viele Bergman-Fans auf die Insel gekommen, die auch seine Filme feiern und mit ihm über Ähnlichkeiten in den Werken der beiden Filmschaffenden diskutieren.

Bergman hier, Bergman da, Bergman überall – seine 25 Jahre jüngere Ehefrau Chris kann aus dieser Faszination hingegen wenig Inspiration ziehen. Ihre Schreibblockade will sich nicht lösen, auch Ausflüge in die schöne Landschaft Fårös können nicht helfen. Sie weiß nicht so recht, in welche Richtung sie die Protagonist:innen ihrer Liebesgeschichte führen will. Tonys Desinteresse an dem Drehbuch offenbart einen Beziehungskonflikt, der allmählich zum Vorschein kommt.

Hansen-Løve erzählt bis zu diesem Zeitpunkt eine Geschichte, die allen voran den Bergman-Fans gefallen dürfte und auch den Mythos rund um Bergman zu schätzen wissen. So schläft das Ehepaar angeblich im Bett aus SZENEN EINER EHE (SE 1973). Im Bergman-Kino muss immer ein Platz für den großen Meister frei bleiben. Skurrilitäten wie Bergman-Safari und Bergman-Quiz lassen auflachen, der subtile Humor des Films kontrastiert die Bewunderung des Regisseurs.

Film im Film

Doch dann bricht Hansen-Løve in die Handlung ein, lässt Chris’ Realität mit ihrer Fiktion verschwimmen. Bei einem Spaziergang beginnt sie ihren Film zu erzählen. Mit einem sanften Schnitt begeben wir uns in den Film im Film. Mia Wasikowska und Anders Danielsen Lie spielen ein Ex-Paar, das sich nach vielen Jahren bei einer Hochzeitsfeier auf Fårö wiederbegegnet. Wie Chris sind sie hin- und hergerissen. Kann aus ihnen nochmal etwas werden? Die wenigen gemeinsamen Tage bringen keine Lösung. Nach einiger Zeit sind wir wieder bei Chris und Tony. Ob diese Geschichte ihren Film tragen könne, will Chris wissen. Tony entgegnet: „Das hängt ganz von dir ab. Du musst nur ein Ende finden, sonst nichts.“

Mit BERGMAN ISLANDS hat Hansen-Løve keine ehrfurchtsvolle Hommage gedreht, sondern einen leichtfüßigen Liebesfilm, der nichts mit Bergmans Filmschaffen gemein hat. Bei einem Abendessen wirft Chris die Frage auf, ob es möglich ist, große Kunst zu schaffen und zugleich eine Familie zu gründen. Ein Konflikt, der nicht nur Bergman verfolgte. Ihr selbstreferenzielles Werk erzählt nicht nur im Film auf mehreren Ebenen von starken Frauen, sondern verweist auch auf Hansen-Løves eigene Beziehung mit dem deutlich älteren Regisseur Oliver Assayas. Große Spannungsbögen sucht man in BERGMAN ISLAND vergeblich. Der Film mag zeitweise leer wirken. Doch spätestens im Film des Films – dessen Sinnlichkeit und Drama dank großartiger Schauspielleistungen besonders hervorzuheben sind – spürt man, dass hier etwas entdeckt werden will. Wie ein sommerlicher Tagebucheintrag atmen die Bilder und laden dazu ein, eigene Beziehungen zu reflektieren.

Verfügbar u.a. auf Amazon Prime

Streamingtipp von:

Tobias Hüser

Trailer