Über die Dankesrede

Denkt man an die Filmpreisverleihungen des letzten Jahres stellt man fest: Danke sagen reicht nicht mehr. Seit dem Weinstein-Skandal und dem Anstoß der #MeToo-Debatte stehen besonders Preisträgerinnen, die ans Rednerpult treten, unter scharfer Beobachtung. Sie sollen die große Bühne nutzen, um etwas Großes zu sagen.

Wie Oprah Winfrey, die bei der Golden Globe-Verleihung 2018, bei der sie für ihr Lebenswerk geehrt wurde, das Ende der Unterdrückung weiblicher Stimmen verkündete. Oder Frances McDormand, die in ihrer Dankesrede bei der Oscar©-Verleihung 2018, ausgezeichnet für ihre Hauptrolle in THREE BILLBOARDS OUTSIDE EBBING, MISSOURI (UK/US 2017, R: Martin McDonagh), zur Finanzierung von Projekten von Frauen aufrief und auf den „inclusion rider“ hinwies (eine Vertragsklausel, die die angemessene Repräsentation von Frauen und Minderheiten in Cast und Crew gewährleisten soll).

„Time is up“ –  auch die Zeit des Dankesagens ist vorbei, in der man ein Tränchen der Rührung verdrückte, seinen Liebsten für die Unterstützung und seinen Kolleg/innen für die Zusammenarbeit dankte, um dann glückselig winkend die Bühne zu verlassen. Wer die große Bühne betritt und noch dazu eine Frau ist, der soll bitte auch auf Missstände in der Welt oder zumindest in der Unterhaltungsindustrie hinweisen.

Wenig Verständnis wird da Auftritten wie dem Olivia Colmans bei der Golden Globe-Verleihung entgegengebracht, die Anfang Januar in Beverly Hills stattgefunden hat. Colman, prämiert für ihre Rolle in THE FAVOURITE (IRL/UK/US 2018, R: Yorgos Lanthimos), bedankte sich als erstes für die Sandwiches. Es folgte, nach vielen „ähm“s, ein Dank an „my bitches“. Nun ja. Man kann dieses (scheinbare?) Unvorbereitetsein als die charmante Demonstration ihrer Menschlichkeit ansehen – oder als eine verpasste Chance, einem großen Publikum etwas wirklich Bedeutsames zu sagen.

Doch muss sich jede Frau, die einen Preis gewinnt, zur ungleichen Bezahlung von Männern und Frauen, zur Unterrepräsentiertheit von Regisseurinnen, zu sexueller Belästigung durch Männer in Machtpositionen äußern? Natürlich nicht. Sie kann sich auch einfach bedanken und sich freuen. Oder sich für die gute Bewirtung bedanken. Das ist dann zwar nicht besonders originell (oder doch? Hat sich schon mal jemand für Häppchen bedankt?) aber es ist ihr gutes Recht.

Für die Oscar-Verleihung, die wir in der Nacht vom 24. auf den 25. Februar live auf der großen Leinwand im Deutschen Filminstitut & Filmmuseum verfolgen können, wünsche ich mir Dankesreden, die im besten Fall beides sind – inspirierend und unerwartet unterhaltsam. Tickets für die Lange Oscar©-Nacht im DFF können hier online gekauft werden.

Von Naima Wagner

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