Tropical Underground. Lecture von Lúcia Nagib zu COMO ERA GOSTOSO O MEU FRANCÊS

TROPICAL UNDERGROUND. DAS BRASILIANISCHE CINEMA MARGINAL UND DIE REVOLUTION DES KINOS

„Intermedialer Kannibalismus“
Lecture von Lúcia Nagib (University of Reading)

Veranstaltung im Kino des DFF, 8.2.2018

Wer die kulturelle Globalisierung der Gegenwart verstehen will, kann von der brasilianischen Gegenkultur der 1960er und 1970er Jahre lernen. Mit deren Verbindung von Anthropologie und Avantgarde befasst sich die Campus-Veranstaltung „Tropical Underground“, zu der neben der „Lecture & Film“-Reihe im DFF auch die Fotoausstellung „Variationen des wilden Körpers“ im Museum der Weltkulturen und weitere Veranstaltungen zwischen Oktober 2017 und Juli 2018 gehören. Die „Lecture & Film“-Reihe setzt den Akzent dabei auf das Cinema Marginal der späten 1960er und 1970er und stellt dieses auch in den Kontext des Cinema Novo und der Tropicalia-Bewegung.

„Intermedialer Kannibalismus” Lecture von Lúcia Nagib (University of Reading) in englischer Sprache

Lúcia Nagibs Vortrag stützt sich auf den Begriff der Intermedialität, um den politischen Beitrag des Films HOW TASTY WAS MY LITTLE FRENCHMAN zu untersuchen. In Pereira dos Santos‘ Film durchdringen sich mediale Formen, und mit ihnen verwischen nationale Grenzen, argumentiert Nagib. Es entsteht eine neue Dimension der Hybridität und des Transnationalismus, die in der Cinema-Novo-Bewegung bis dato nicht vorhanden war. Quelle für die fiktionale Handlung war etwa der Expeditionsbericht des deutschen Söldners Hans Staden. Auch Stücke seines Textes werden neben Zeichnungen, Briefen, Gedichten und Dekreten aus dem 16. Jahrhundert in Form von Zwischentiteln oder Kommentaren in dem Film benutzt. Häufig stehen sie im Widerspruch zu den Bildern, die gezeigt werden, und eröffnen eine weitere Ebene der Geschichte. Die mögliche politische Utopie, die in der hybriden Form des Films enthalten ist, besteht in einer übernationalen Sicht der Welt, in der Menschen, ungeachtet ihrer Herkunft oder ihres Status, zu bloßen Gefäßen ihres kulturellen Kapitals werden.

Lúcia Nagib ist Professorin für Filmwissenschaft an der University of Reading in Großbritannien. Sie leitet das internationale Forschungsprojekt „Towards an Intermedial History of Brazilian Cinema“. Zu ihren Publikationen zählen World Cinema and the Ethics of Realism (2011) und Brazil on Screen: Cinema Novo, New Cinema and Utopia (2007).

Film: COMO ERA GOSTOSO O MEU FRANCÊS How tasty was my little Frenchman
Brasilien 1971.
R: Nelson Pereira dos Santos
D: Arduíno Colassanti, Ana Maria Magalhães. 84 min. Digital. OmeU

Im Jahr 1594 gerät ein französischer Abenteurer in die Gewalt von Ureinwohnern, die ihn verspeisen wollen. Der Tag für seine Einverleibung wird festgelegt, bis dahin kann er unter Aufsicht machen, was er will. So beginnt ein Prozess der gegenseitigen Annäherung, dessen Ende aber nie in Frage steht. Frei nach Hans Stadens Berichten aus Brasilien – Die wahrhaftige Historie der wilden, nackten, grimmigen Menschenfresser- Leute (1548–1555) sowie anderen historischen Quellen entsteht eine schwarze Komödie über Anthropophagie im 16. Jahrhundert – und zugleich ein Manifest der Hybridität, das die Themen der Tropicália-Bewegung ins Kino überführt.

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