Filmtheater. Kinofotografien von Yves Marchand & Romain Meffre

Visual

26.11.2014 – 31.05.2015

Im Kino lassen die Menschen seit beinahe 120 Jahren ihren Sehnsüchten freien Lauf. Dieser magische Ort steht im Mittelpunkt der Ausstellung FILMTHEATER. Kinofotografien von Yves Marchand und Romain Meffre (26. November 2014 bis 31. Mai 2015) im Deutschen Filmmuseum Frankfurt.

Die Pariser Fotografen Yves Marchand und Romain Meffre sind fasziniert von Ruinen: Als fotografische Archäologen begeben sie sich seit 2001 auf Spurensuche in den Ruinen der modernen Industriegesellschaft und machten 2010 mit ihrem Buch „Ruins of Detroit“ Furore, das den faszinierenden Verfall der einstigen US-Auto-Boomtown auf eine sehr individuelle Art dokumentiert. In ihrer Serie „Theaters“ erforschen sie seit 2005 mit einer großformatigen Kamera alte US-Kinopaläste. In den teilweise verfallenen Gebäuden suchen sie nach Bildern, die die „Psychologie einer Ära“ einfangen.

Für Marchand und Meffre sind die alten Kinogebäude mehr als nur architektonische Überbleibsel einer längst vergangenen Zeit. Für sie sind die leerstehenden oder umgenutzten Filmtheater auch Sinnbild der „gesellschaftlichen Entwicklung der USA“. Sie stehen für die „komplexe Beziehung zwischen Kunst, Geschichte, Wirtschaft und Moderne und verdeutlichen den Wandel hin zu Massenproduktion und Globalisierung“. Aus Sicht Marchands und Meffres zeigen ihre Kinofotografien Räume, in denen „das Spektakel der Moderne“ vonstatten ging.
Das Kino entwickelte sich in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts in rasender Schnelle. In den USA entstanden zwischen 1914 und 1922 rund 4000 Kinos und die Menschen rannten den Kinobetreibern die Türen ein. Es waren die Jahre, in denen die zunehmende Industrialisierung auch dafür sorgte, dass die große Masse der US-Amerikaner nun plötzlich über so etwas wie Freizeit verfügte. Die Filmindustrie reagierte umgehend und baute Kinos: Statt dem Volk schmucklose Betonquader hinzustellen, packte sie die Menschen bei ihren Träumen und Sehnsüchten und baute ihnen Paläste. Tausendfach entstanden opulent ausgestattete, goldsatte Gebäude von unglaublicher architektonischer Pracht. Das Kino war zur Oper der einfachen Leute geworden. Hier  fühlten sich Jill und Joe Smith wie die Könige.

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Und alle, alle wollten dabei sein: Schon in den 20 er Jahren, gerade einmal drei Jahrzehnte nach der Erfindung des Kinos, weist die Statistik 90 Millionen Besucher pro Woche in den US-Kinos aus, und das bei einer Bevölkerungszahl von rund 123 Millionen. Ein gigantischer Boom, der nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs noch einmal Fahrt aufnehmen würde, um erst nach der Erfindung des Fernsehens in sich zusammenzufallen. In der Folge setzte in den 60er Jahren das große Kinosterben ein und die wunderbaren alten Filmpaläste standen leer, verfielen oder wurden umgenutzt: als Fitnessstudio, Supermarkt oder Busgarage. Marchand und Meffre fotografieren diese alten Kinos seit neun Jahren. Auf unzähligen Reisen durchmaßen sie die USA von Nord nach Süd und Ost nach West – immer auf der Suche nach alten Kinos, die sie stets zu zweit, aber mit einer Kamera fotografieren.

30 Aufnahmen der Theaters-Serie bilden den Schwerpunkt der Ausstellung FILMTHEATER im Deutschen Filmmuseum, wo die Motive erstmalig in einer Einzelschau zu sehen sind. Viele der Fotos entfalten erst auf den zweiten und dritten Blick ihre Wirkung: Bei vielen Motiven mögen flüchtige Betrachter erst einmal den Verfall sehen, in großen Placken abgeplatzte Vergoldungen, staubüberzogene Sitzbezüge, zerrissene Vorhänge, zerborstene Scheiben: Hier hat es sich definitiv ausgeglänzt. Doch dann fährt der Blick zurück aufs große Ganze und entdeckt die Zeugnisse einstiger Pracht, den Luxus, der sich in ausladenden Kronleuchtern, in wertvollen Marmorfußböden, in fein ziselierten Holzverzierungen, im schwungvollen Stuck, im leuchtenden Samt, in der schieren Größe der Häuser ausdrückt. Die Erhabenheit der Räume, deren einstiger Glanz auch nach Jahrzehnten noch zu spüren ist, kündet auch heute noch von der großen Zeit der Filmpaläste – als sei irgendwann nach der letzten Vorstellung die Zeit einfach stehengeblieben.
Die Ausstellung Filmtheater präsentiert diese so überwältigenden wie ästhetisch herausragenden Werke der Kinofotografie. Darüber hinaus lädt ein Kino im Ausstellungsraum mit einer 35mm-Filmprojektion dazu ein, sich in die deutsche Kinogeschichte zu versenken: Wochenschau-Berichte aus den 40er bis 70er Jahren dokumentieren, wie sich das Kino in Deutschland veränderte. Die Besucherinnen und Besucher können diesen Wandel in der Lounge im 3. Stock darüber hinaus auch aus einer Frankfurter Perspektive nachvollziehen: Eine kommentierte Bilderschau gibt hier Einblick in die Frankfurter Kinogeschichte, von den ersten Filmvorführungen in Varieté-Theatern und dem 1906 eröffneten ersten ortsfesten Kino des August Haslwanter bis zur neuesten Innovation, dem Ende 2012 eröffneten Premiumkino Astor an der Zeil.

Impressionen:

Impressum

Kuratorin Curator
Jessica Niebel

Filmrolle Ausstellungskino Film Reel Exhibition Cinema
Monika Haas

Ausstellung Kommunales Kino Exhibition Municipal Cinema
Stefanie Plappert

Praktikantinnen
Daria Berten, Judith Müller

Ausstellungsgestaltung Exhibition Design
mind the gap! design + Brockhaus Innenarchitektur, Frankfurt am Main
Karl-Heinz Best, Petra Brockhaus

Installation 35mm-Projektor 35mm-Projector Installation
FVT Film Veranstaltung Technik Jakisch, Hanau

Bauten Constructions
Entedimension Einrichtungen GmbH, Darmstadt

Malerarbeiten Paintwork
Marek Wlodarczyk, Frankfurt am Main

Grafikproduktion Graphics Production
Types on Foil Werbe- und Veranstaltungs GmbH, Bad Homburg

Licht Lighting
Stephan Zimmermann Lightsolutions, Oberursel

Übersetzung Translation
Stewart Tryster

Leihgeber Lenders
Gabriele und Klaus Jaeger Filmtheaterbetriebe, Frankfurt am Main
Christian Appelt, Frankfurt am Main

Ausstellungseröffnung Exhibition Opening
Felicitas Hilge

Filmreihe Film Program
Eva Salomon, Monika Haas

Rahmenprogramm Special Events
Andrea Haller

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Press and Public Relations
Frauke Haß, Jürgen Kindlmann (Website)

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