Fräulein Baums Gespür für Stoffe

von Isabelle Bastian

Wer das große Glück hat, die Kostümbildnerin Barbara Baum einmal persönlich zu treffen, wird sofort von ihrer Persönlichkeit eingenommen. Wenn sie erzählt, dann sprudeln die Erinnerungen an Begegnungen mit Filmemachern wie Rainer Werner Fassbinder, für dessen Filme sie viele Kostüme entwarf, oder an Schauspieler/innen wie Burt Lancaster, Meryl Streep oder Jeanne Moreau, die sie einkleidete, nur so aus ihr heraus.

Findet sie etwas lustig (was oft der Fall ist), dann lacht sie lauthals und lässt ihre großen Ohrringe klimpern. Sieht sie etwas, das ihr gefällt, dann blitzen ihre mit blauem Kajalstift umrandeten Augen auf. In Vorbereitung unserer Ausstellung HAUTNAH. Die Filmkostüme von Barbara Baum waren Sammlungsleiter Hans-Peter Reichmann und ich als Kurator und Kuratorin 2017/18 häufig zu Gast in ihrer Berliner Altbauwohnung, die seit mehr als 40 Jahren Zuhause und Werkstatt ist. Eines Nachmittags machten wir uns wieder einmal gemeinsam daran, Barbaras „Schätze“ zu heben, auf die wir in jeder Ecke ihrer Wohnung stießen. Ihr Arbeitsarchiv mit Kostümentwürfen, Fotos und Produktionsmaterialien befand sich seit 2015 bereits in den Sammlungen des DFF.[1]

An diesem Tag galt es, in Barbaras Stoffkammer zu stöbern, die sie wie ihren Augapfel hütete. So gut waren die textilen Objekte verstaut, dass ich eine Leiter besteigen und einen kleinen Zwischenboden von Lampen und Vasen befreien musste, um dann auf allen Vieren zu Schränken zu krabbeln, wo die Stoffe lichtgeschützt lagerten.

Ballen für Ballen, Stück für Stück reichte ich Barbara die Stoffe herunter. „Ach, das ist ja eine herrliche Spitze. Die habe ich in einem uralten Londoner Stoffgeschäft gekauft. Das gibt es heute gar nicht mehr“, sagte sie zu einem hauchzarten, transparent weißen Stück.

   

Oder zu einem anderen, sich kostbar anfühlenden metallischen Gewebe: „So ein schöner Goldlamé, den hab ich bei einer Auktion von Ufa-Resten in den 70ern gekauft. 5000 Mark hab ich mir dafür von allen möglichen Leuten geliehen. Dieser Lamé hier ist fast 100 Jahre alt.“ Zu jedem Stoff hatte Barbara eine Geschichte zu erzählen, mit jedem verband sie eine Erinnerung. Sie erzählte dann von diesem oder jenem Kostüm, welches aus dem Stoff angefertigt wurde, oder von welchen, die daraus noch entstehen sollten. „Bringt ihn ja wieder mit, davon will ich mir noch etwas nähen“, sagte sie dann und strich zärtlich über den Stoff, bevor sie ihn in einer großen Tasche behutsam für uns verstaute. Fast hatten wir das Gefühl, sie von guten Freunden zu trennen.

Barbaras Stoffleidenschaft ist allen bekannt, mit denen sie einmal zusammengearbeitet hat. Leise stöhnten ihre Assistentinnen auf, wenn Barbara sie am Ende des Tages in das x-te Stoffgeschäft schleppte und nicht eher ruhte, bis sie fanden, was Barbara suchte. Laut stöhnten dann die Produzenten auf, wenn sie Barbaras bis ins kleinste Detail kalkulierte Kostenvoranschläge erhielten und ihnen davor graute, was da auf sie zukam. „Wenn die kommt, wird’s teuer“, erinnert sich Barbara an eine Aussage, woraufhin sie energisch hinterher schiebt: „Nein, dann wurde es RICHTIG!“ Ein gutes Kostüm alleine funktioniere einfach nicht, wenn beim Stoff Kompromisse eingegangen werden mussten. „Da bleibt dann immer ein Wurm drin.“

Klar war also für uns, dass Barbara Baums Gespür für Stoffe ein zentrales Thema der Ausstellung sein sollte, neben der Präsentation des Arbeitsarchivs und der Originalkostüme, die auf Kostümhäuser in ganz Europa verteilt sind. Um uns inspirieren zu lassen, besuchten wir eine große internationale Messe für Museums- und Ausstellungstechnik. Dort trafen wir auf die Mitarbeiterinnen von Tactile Studio aus Frankreich, Spezialisten für die taktile Vermittlung von Kunstwerken. In 3D- und Reliefdruck fertigen sie tastbare Repliken an und erschaffen so besonders für blinde und sehgeschädigte Menschen Zugang zu Ausstellungsstücken, die ihnen sonst buchstäblich verborgen bleiben. Und so entstand unsere Idee: Barbara Baums Leidenschaft fürs Haptische sollte nicht nur Thema der Ausstellung, sondern gleichzeitig auch der Ausstellungsgestaltung sein. Alle Exponate sollten auch für blinde und sehgeschädigte Menschen zugänglich gemacht werden, durch taktile Objekte und Audiodeskription, die über einen Audioguide Beschreibungen liefern sollte.

Im Nachhinein ein ziemlich wagemutiges, aufregendes und lohnenswertes Experiment, da es nicht nur für unser Haus die erste Ausstellung war, die von vornherein inklusiv gestaltet wurde, sondern auch für uns als Kurator/innen, die sich zum ersten Mal intensiv mit der Thematik beschäftigten.[2] Inzwischen liegt der Evaluationsbericht zum Projekt vor, den Ann-Kathrin Rahlwes und ihr Team im Auftrag des DFF angefertigt haben.

In den nächsten Tagen wäre HAUTNAH eigentlich in Berlin in der Deutschen Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen eröffnet worden. Coronabedingt ist sie nun auf einen späteren Zeitpunkt verschoben worden. Bis dahin lässt sich die Ausstellung nun wunderbar virtuell (nach)erleben: Die Audiodeskriptionen, angefertigt von blinden und sehenden Autor/innen von audioskript, sind auf unserer Website hautnah.dff.film abrufbar. Die Texte, von Schauspielerinnen in Deutsch und Englisch eingesprochen, lassen die Ausstellung vor dem inneren Auge wieder aufleben. Sie bieten Hintergrundwissen und räumliche Orientierung, vertiefen die Ausstellungstexte und liefern zahlreiche Details zu den Kostümen, die dem bloßen Auge leicht entgehen. Dazu gibt es die taktilen Grafiken von Tactile Studio und die Fotos aus der Ausstellung von Norbert Miguletz zum interaktiven Anwählen und Durchklicken. Materialien aus dem Arbeitsarchiv finden sich dort ebenso wie Videos mit Barbara Baum selbst, die übrigens am 7. Mai ihren Geburtstag feiert. Die erste Station des virtuellen Ausstellungsrundgangs startet hier.

Auch analog haben wir ein schönes Angebot, das bequem nach Hause geliefert wird: Unser Buch FILM/STOFFE. Kostüme Barbara Baum ist auf Deutsch und auf Englisch über den DFF Museumsshop bestellbar.[3]

Viel Vergnügen mit Barbara Baum, ob analog oder digital!

 

[1] Der Ankauf des Arbeitsarchivs Barbara Baum wurde unterstützt von der Adolf und Luisa Haeuser-Stiftung für Kunst und Kulturpflege, die uns die Objekte als Dauerleihgaben überließ.

[2] An dieser Stelle gebührt der Commerzbank-Stiftung großer Dank, mit uns dieses Modellprojekt zu wagen und uns die finanziellen Mittel dafür zur Verfügung zu stellen.

[3] Beide Publikationen unterstützte die Rainer Werner Fassbinder Foundation finanziell, wofür wir ihr sehr dankbar sind.

Filmstoff für zu Hause

Kuratorin Isabelle Bastian empfiehlt einige Filme, die derzeit zum Streamen verfügbar sind, für die Barbara Baum die Kostüme machte:

BERLIN ALEXANDERPLATZ (BRD 1972, R: Rainer Werner Fassbinder)
verfügbar auf Amazon Prime

LOLA (BRD 1981, R: Rainer Werner Fassbinder)
verfügbar auf Sky

DAS MÄDCHEN ROSEMARIE (DE 1996, R: Bernd Eichinger)
verfügbar auf Netflix

FRÄULEIN SMILLAS GESPÜR FÜR SCHNEE (DE/DK/SE 1996, R: Bille August)
verfügbar auf Netflix

AIMÉE & JAGUAR (DE 1997, R: Max Färberböck)
verfügbar auf Magenta TV

DER GROSSE BAGAROZY (DE 1998, R: Bernd Eichinger)
verfügbar auf Sky

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