Berlin Alexanderplatz

Von filmportal.de-Redakteur Jan Philipp Richter

Angesichts der unzähligen Comic-Adaptionen im Kino ist es regelrecht überraschend, wenn sich dieser Tage ein*e Filmemacher*in mal nicht an eine graphic novel, sondern einen ausschließlich geschriebenen Roman herantraut – so etwas lässt sich schließlich auch verfilmen. Im Falle von Alfred Döblins Jahrhundertbuch Berlin Alexanderplatz, an dem sich zuletzt (mehrfach Filmpreisnominiert und -prämiert) Burhan Qurbani versucht hat, muss man aber genauer hinsehen, schließlich arbeitet der expressionistische Roman nicht nur mit sprachlichen Mitteln, sondern tatsächlich mitunter auch mit grafischen in Form von Piktogrammen. In jedem Fall bietet Döblins innovatives Werk mit seinen unterschiedlichen Erzählperspektiven und symbolischen Ebenen genug Ansatzpunkte für mehr als eine Verfilmung, und Qurbanis Neuinterpretation hat prominente Vorläufer.

BERLIN – ALEXANDERPLATZ (1931), Quelle DFF

Den ersten Anlauf wagte bereits 1931 Phil ‚Piel‘ Jutzi, der keine zwei Jahre nach Erscheinen des Romans in seinem ersten Tonfilm Heinrich George als Franz Biberkopf jovial auftrumpfen lässt. In seiner als Sozialdrama angelegten Verfilmung spielen die Stadt Berlin und insbesondere der titelgebende Alexanderplatz eine zentrale Rolle. Die zeitgenössischen Aufnahmen der schon damals einzigen deutschen Metropole ziehen einen in ihren Bann. Hier pulsiert das Leben, ein Strudel aus Menschen, Verkehr und Gebäuden, in dem man leicht untergehen kann. Gesang und bewegte Kamera fangen unterschiedliche Ebenen des Berliner Milieus um Biberkopf ein – ein Versuch, die Montagetechniken des Romans filmisch umzusetzen, und gleichzeitig eine Demonstration der technischen Möglichkeiten des Films zu Beginn der 1930er-Jahre. Dass es Jutzi gelingt, das an die 500 Seiten starke Buch in weniger als 90 Minuten zu erzählen, liegt auch an Döblins Mitarbeit am Drehbuch. Während die Kernhandlung unverändert bleibt, werden Figuren verdichtet, Seitenstränge ausgelassen – und manche Ambivalenzen bleiben auf der Strecke.

BERLIN ALEXANDERPLATZ (1979/80), Quelle: Bavaria Media, mit freundlicher Genehmigung der Fassbinder Foundation

Ein halbes Jahrhundert später, genau vor 40 Jahren, feierte im Rahmen der Filmfestspiele von Venedig dann die nächste Verfilmung von Berlin Alexanderplatz ihre Premiere. Ein „Film in 13 Teilen und einem Epilog“ und ein Herzensprojekt von Rainer Werner Fassbinder, das aufgrund seiner Länge von über 15,5 Stunden als TV-Produktion angelegt war. Und während die in 16mm gedrehte Miniserie nicht zuletzt aufgrund der technischen Beschränkungen des Zielmediums in der Bildsprache zurückhaltend bleibt und mit Ausnahme des Epilogs keine neuen Maßstäbe setzt, ermöglicht die lange Laufzeit eine hohe Werktreue beim Erzählen der Geschichte vom Franz Biberkopf. Fassbinder gibt seinen Figuren den Raum, den sie brauchen, und dank der bis in die kleinsten Rollen großartigen Besetzung ist es ein Erlebnis, der Charakterentwicklung zuzusehen, die ja auch in der Romanvorlage äußert komplex betrieben wird. Allen voran ist natürlich Günter Lamprecht zu nennen, der in diesem Jahr seinen 90. Geburtstag feiern konnte und den Biberkopf und seine Zerrissenheit ganz famos spielt, aber auch dessen Widersacher und Komplementärfigur Reinhold, verkörpert von Gottfried John. Bei Jutzi noch als klar geschnittener Schurke skizziert, wird er hier abgründiger, manipulativer und unberechenbarer. Auch die homoerotischen Tendenzen in der Dynamik der beiden werden deutlicher. Von Fassbinder eingesprochene Bibelverse, sowie Texttafeln, Musik und politische Reden aus dem Radio überführen die Montagetechniken des Romans in eine filmische Form. Während der Mehrteiler in den USA begeistert aufgenommen wurde, war die Rezeption in Deutschland verhaltener – womöglich weil noch nicht etabliert war, dass man auch im Fernsehen mit Tiefgang erzählen kann?

BERLIN ALEXANDERPLATZ (2018-2020) © 2019 Sommerhaus, eOne Germany, Foto: Frédéric Batier

Auf der diesjährigen Berlinale feierte dann die letzte, schon oben erwähnte Adaption des Klassikers Premiere. Qurbanis Film, der vor einigen Wochen nach coronabedingter Verzögerung endlich in die Kinos kam, greift mit seiner sowohl düsteren als auch neon-bunten Bildsprache nicht nur aktuelle Sehgewohnheiten auf, sondern verlegt gleich die ganze Geschichte in die Gegenwart: aus Franz wird Francis, ein Migrant ohne Pass aus Guinea-Bissau. Auch der hat sich geschworen, anständig zu sein, auch er wird vom Schicksal geprüft, verliert seinen Arm und kämpft gleichermaßen gegen die Kräfte, die ihn in den Abgrund ziehen wollen, wie er sich ihnen hingibt. Qurbani gelingt es jedoch, den Stoff der Vorlage, die in ihrer Verankerung in den späten 1920er-Jahren ein zentrales Zeitzeugnis der späten Weimarer Republik darstellt, glaubwürdig und mit eigener Schwerpunktsetzung in die Jetztzeit zu transponieren. Während im Original über den proletarischen Franz stets die Frage nach Klassenverhältnissen im Hintergrund steht, so ist das zentrale Thema der Neuinterpretation der Rassismus der heutigen deutschen Gesellschaft.

Was den drei Verfilmungen von Berlin Alexanderplatz jedoch gemein ist, zeigt die ungebrochene Relevanz von Alfred Döblins Roman: der Kampf gegen die inneren wie äußeren Dämonen und das Verlangen des Menschen nach einem Leben in Würde.

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