BUCHTIPP: »Die Filme der Jessica Hausner« von Sabrina Gärtner

rezensiert von Jenni Ellwanger

Beim Titel fängt es schon an: LITTLE JOE, LOVELY RITA oder auch HOTEL – knapp und irgendwie generisch betitelt die Österreicherin Jessica Hausner gern ihre Werke. Solche Titel wecken eine Vielzahl an Assoziationen, bleiben dabei aber ganz im Vagen. Ähnlich wie die Filme selbst, die nun erstmals Gegenstand einer umfassenden filmwissenschaftlichen Untersuchung geworden sind. Die Filmwissenschaftlerin und Landsmännin Hausners, Sabrina Gärtner, widmet sich in ihrer Dissertation Die Filme der Jessica Hausner deren bislang zehn Regiearbeiten. In drei Kapiteln beackert sie das Werk von der chronologischen Einzelbetrachtung der Filme (Kapitel 1) über einen „Verortungsversuch“ in der Filmszene (Kapitel 2) hin zu einer Gesamtbetrachtung unter dem Aspekt der strukturellen und motivischen Gemeinsamkeiten (Kapitel 3): kenntnis- und erkenntnisreich, lesenswert und streckenweise erstaunlich unterhaltsam.

In Kapitel 1 stellt Gärtner in chronologischer Reihenfolge zunächst alle Hausnerschen Filme einzeln vor und analysiert diese jeweils anhand ausgewählter Themenfelder mit Blick auf das Gesamtwerk.

Anhand der Kategorien „Inhalt“ – „Produktion und Filmförderung“ – „Festivals und Auszeichnungen“ – „Verwertung“ gibt dieser Abschnitt kompakte Kontextinformationen zu Entstehung und Inhalt jedes Werks, unterfüttert mit Zitaten der Regisseurin oder von Branchenkolleg/innen, und liefert damit das enzyklopädische Gerüst der Hausner-Filmografie.

Daran anschließend macht die Autorin anhand jedes Einzelfilmes ausgewählte Phänomene fest, die sie als charakteristisch für das Gesamtwerk erachtet und auf weitere Titel bezieht. Ihre Beobachtungen sind nach Eindruck der Rezensentin schlüssig, klug und nachvollziehbar, nur an ganz wenigen Stellen erscheinen sie vielleicht etwas nebensächlich, oder theoretisierend. Im Gegenteil: Das Ganze liest sich über weite Strecken sehr unterhaltsam. Es macht Spaß, sich entlang der Kurzanalysen in das hier erstmals umfassend betrachtete Werk und die Filmsprache dieser Regisseurin zu vertiefen. Einer Frau, die von der Filmkritik bislang noch allzu oft mit immer denselben männlichen Kollegen verglichen werde, anstatt als eigenständige Stimme wahrgenommen zu werden, so die Buchautorin.

Gärtners Abhandlung schafft hier auf rund 420 Seiten (ohne Anhang) Abhilfe. So beginnt das erste Kapitel mit dem Phänomen der Filmtitel. Wer einen Film von Jessica Hausner gesehen hat, kann der Autorin nur darin zustimmen, dass sich die Titel ganz gleich den Filmen fast durchweg einer eindeutigen Interpretation ‚verweigern‘, wie Gärtner schreibt. Die Message bleibt in hohem Maße offen. Bestes Beispiel ist ihr Film LOURDES über eine Heilungserfahrung an dem französischen Wallfahrtsort. Das Werk ist sowohl für seine religionskritische Haltung wie auch für seine christliche Botschaft von verschiedenen Seiten ausgezeichnet worden.

Und auch Hausners jüngstes Werk, LITTLE JOE, liefert den Betrachtenden keine eindimensionalen Antworten.
Sind die gentechnisch veränderten Pflanzen einer ambitionierten Biologin wirklich für die Veränderungen in ihrem Umfeld verantwortlich? Wer denkt und handelt hier rational, wer altrusitisch und wer egoistisch? Oder alle alles?

Was im ersten Moment irritiert – sind wir doch so an die narrativen Codes, und an die gut geölten Spannungsbögen gewöhnt, die uns vermitteln, wer oder was gut und böse, wahr und falsch ist – entpuppt sich als spannende Herausforderung, selbst Stellung zu beziehen. Die Filme werfen Fragen der Moral, des Glaubens und der Identität auf, spielen gekonnt mit Erzählcodes und Erwartungshaltungen des Publikums, nur um dieses letzten Endes in tiefer Ambivalenz zurück zu lassen. Hausner, so die Aussage des Buches, ist eine Erzählerin hintersinniger Märchen, „begründet und erklärt nicht, aber […] stellt dar“, wie der Literaturwissenschaftler Max Lüthi in Teil 3 über Märchen zitiert wird.

Teil zwei, der „Verortungsversuch“, ist naturgemäß weniger nah dran an der ‚Materie‘. Ist Teil 1 – mal mit einer Tanzperformance verglichen – das Aufwärmen, das Muskelflexen und spielerische Andeuten einzelner Figuren, und Kapitel 3 die Kür, dann ist Kapitel 2 die (wissenschaftliche) Pflicht. Hier wirft Gärtner verschiedene Schlaglichter auf den filmhistorischen Kontext von Hausners Werk: Betrachtungen zur Rezeption und „Verwertung“ in Österreich und international, zum Publikumserfolg und zur Einordnung in Filmstömungen wie die so genannte „Nouvelle Vage Viennoise“, die „Berliner Schule“, das europäsiche und gar das Weltkino. Ihre vorsichtige Verortung leitet Gärtner hier nach wissenschaftlichen Standards sauber her, begründet, belegt jeden Passus mit Quellenverweisen und wägt sorgfältig ab, was den Lesefluss in diesem Part für ein nicht-wissenschaftliches Publikum doch etwas beeinrächtigt und auf Kosten der ‚großen Erzählung‘ geht.

„Das Märchen begründet und erklärt nicht, aber es stellt dar“

Die wirklich ‚große Erzählung‘ findet dann in Teil 3 statt, in dem Sabrina Gärtner die vorangegangen Darlegungen in ihre Hauptthese überführt, nach der die filmischen Werke Hausners, ja des neuen europäischen Films insgesamt, Spielarten der klassischen Märchenerzählung seien. Was das märchenhafte an den Filmen Hausners, aber auch jener von Kollegen wie Christian Petzold und Aki Kaurismäki ausmacht, legt Gärtner in Unterkapiteln zu typischen Figuren, Strukturen und Requisiten der Märchenerzählungen dar. Die Charaktere wirken darin zum Beispiel eher typisiert und flach, während die Handlung ganz in den Vordergrund tritt, Orte und Gegenstände magische Qualitäten entwickeln.

Ist es das, was den Reiz von Jessica Hausners Filmen ausmacht?

Die Filme der Regisseurin zu mögen ist die eine Sache. Zu genießen, sich lesend in sie zu vertiefen, nochmal eine andere. Auf beides: Schauen und Lesen macht dieses Buch Lust.

 

Die Filme der Jessica Hausner. Referenzen, Kontexte, Muster

erschienen im Büchner-Verlag, Marburg, am 14. Oktober 2020.

537 Seiten
ISBN 978-3-96317-209-0 (Print)
34,00 € (Print)
ISBN 978-3-96317-739-2 (ePDF)
27,00 € (Print)

 

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