Wir können immer noch anders! Schräge Komödien für düstere Novembertage

von filmportal.de-Redakteur Patrick Seyboth

Manchmal könnte man meinen, die deutsche Komödie der letzten Jahre bestünde vor allem aus klischeehaften RomComs, dem immer gleichen Klamauk sowie ein paar wohlmeinenden „Worauf-es-im-Leben-wirklich-ankommt“-Erziehungsschwänken – alles nett und zuweilen amüsant, aber irgendwie auch harmlos. Tatsächlich gibt es jenseits der Schweigers und Schweighöfers aber auch ganz andere komische Filme aus Deutschland. Oft sprießen sie fast unbemerkt am Wegesrand, bekommen ein paar gute Kritiken, haben ein paar Tausend erfreute bis begeisterte – oder aber vor den Kopf gestoßene – Zuschauer/innen, und werden dann leider häufig auch schnell wieder vergessen. Manche aber bleiben wie ein Ausrufezeichen in der Filmlandschaft stehen.

Anfang der 1990er, in einer Phase also, als es im komischen Fach schon einmal überwiegend um Hochglanzbilder und Beziehungsfragen ging, setzte Detlev Bucks Frühwerk WIR KÖNNEN AUCH ANDERS so ein Ausrufezeichen: Ein Film, der mit seiner ganz eigenen, skurrilen Art von Humor und verschrobenen Typen überzeugte und so gar nichts mit den gängigen Komödienklischees zu schaffen hatte. Der Filmtitel bezog sich dabei nicht nur auf die zwar nicht sonderlich hellen, doch erstaunlich durchsetzungsfähigen Misfits der Handlung, sondern war durchaus als Programm (und wahlweise als Drohung oder Versprechen…) zu verstehen.

Es gibt sie auch heute noch, die Filme, die anders können und anders sind, die überraschen und ganz eigene, merkwürdige Welten mit eigenen Gesetzen erschaffen, manchmal ganz nah an unserer Wirklichkeit, und manchmal ein bisschen weiter weg oder ziemlich daneben. Eskapismus oder humorvolle Auseinandersetzung mit Ängsten und Konflikten? – Alles wichtig, ganz besonders in einem November wie diesem. Daher also im Folgenden zehn Komödien jenseits des Mainstreams: Alle aus dem vergangenen Jahrzehnt, aus jedem Jahr ein Film, in chronologischer Folge – und vollkommen willkürlich zwar inklusive TONI ERDMANN, aber ohne OH BOY.

 

EIN TICK ANDERS (2011)
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Jasna Fritzi Bauer als Teenager Eva mit „Schluckauf im Gehirn“ oder, wie es korrekt heißt, Tourette-Syndrom, liefert hier eine grandiose Show: mit derben Beschimpfungen von Passanten, unwillkürlich rausgebrülltem Hitlergruß und charmant eingestreuten Beleidigungen im Bewerbungsgespräch. Eva hat es folglich nicht leicht, aber mit dem Rückhalt ihrer ebenfalls eigenartigen Familie geht sie ihren Weg. Regisseur Andi Rogenhagen ist mit EIN TICK ANDERS ein extrem liebenswerter Film übers Anderssein gelungen, mit einem der coolsten Filmsongs überhaupt. Titel: „Arschlicht“.

 

KAPTN OSKAR (2012)
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Online verfügbar u.a. bei Sooner

Eine Beziehungskomödie à la German Mumblecore: Mit viel Improvisation, dem Charme des Momenthaften, Flüchtigen und Imperfekten erzählt Tom Lass von Oskar, gespielt von ihm selbst, der zwischen seiner wütenden Ex-Freundin Alex (Martina Schöne-Radunski) – da geht schon mal ein Zimmer in Flammen auf! – und seiner neuen Bekanntschaft Masha (Amelie Kiefer) steht. Oskar weiß nicht, was er will, und sorgt damit für Verwirrung bei allen Beteiligten. Nur die Zuschauer/innen haben ihren Spaß, dank einem ganz eigenen filmischen Flow.

 

FINSTERWORLD (2013)
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Der Film heißt FINSTERWORLD, die Filmemacherin Frauke Finsterwalder, und das ist nur eine von vielen Merkwürdigkeiten dieses Films, dessen Drehbuch Finsterwalder gemeinsam mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Christian Kracht, geschrieben hat: eine Reise durch ein sonniges Phantasie-Deutschland, bevölkert von einer illustren Schar von Figuren. Ist das eine Satire? Eine Art böser Traum? Und ist das überhaupt lustig? Auf jeden Fall gibt es einiges zu Staunen in diesem Deutschland, einem Land voller Gefühl und Grauen.

 

WORST CASE SCENARIO (2014)
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Ein Filmteam sitzt während der Fußball-EM auf einem Campingplatz in Polen fest. Der Dreh ist abgesagt, doch der Regisseur will um jeden Preis den Film machen – oder Hauptsache irgendeinen Film. Da ist Phantasie und Improvisation gefragt! Auch Franz Müllers turbulente Film-im-Film-Ensemblekomödie mit Samuel Finzi, Eva Löbau und Laura Tonke beherzigt genau diese Tugenden und macht aus einem kleinen Budget einen großen, geistreichen Spaß.

 

HEDI SCHNEIDER STECKT FEST (2015)
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In WORST CASE SCENARIO spielt sie mit, dieser Film gehört (fast) ganz ihr: Laura Tonke spielt die ein wenig skurrile Mittdreißigerin Hedi, deren Leben mit Mann und kleinem Sohn perfekt wirkt, die eines Tages aber dennoch – oder deswegen? – aus heiterem Himmel Panikattacken bekommt, heftigst und immer wieder, bis die ganze Welt ihr fremd wird. Ein ernster Stoff, von Sonja Heiss mit leichter Hand und großer Liebe für all das Seltsame und Absurde im Alltäglichen umgesetzt.

 

TONI ERDMANN (2016)
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Über Maren Ades weltweit ausgezeichneten, sogar Oscar®-nominierten Vater-Tochter-Clinch muss man nicht mehr viel sagen. Außer vielleicht: Dank der Genauigkeit der Dialoge und des Spiels von Sandra Hüller und Peter Simonischek macht der Film beim Wiedersehen mindestens genauso viel Freude wie beim ersten Mal.

 

SELBSTKRITIK EINES BÜRGERLICHEN HUNDES (2017)
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Online verfügbar bei Grandfilm

Noch einmal geht es ums Filmemachen, aber nur vordergründig: Unter dem Vorwand, für einen kommunistischen Märchenfilm zu recherchieren, macht sich der junge bourgeoise Windhund Julian – gespielt von Regisseur Julian Radlmaier – an eine Kanadierin heran. Beim Arbeiten auf einer Apfelplantage entspinnt sich dann tatsächlich so eine Art Märchen, lässig und anspielungsreich, schräg und lustvoll und politisch, doch ohne jede Besserwisserei.

 

WHATEVER HAPPENS NEXT (2018)
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In diesem ungewöhnlichen Roadmovie, dem Debütfilm von Julian Pörksen, lässt ein Mittvierziger (Sebastian Rudolph) von einem Moment auf den anderen seine bürgerliche Existenz zurück und strolcht von da an durch die Welt, schleicht sich hier ein und schnorrt sich da durch, lässt sich einfach treiben – was zu manch lustiger Konfrontation mit den „Normalen“ führt. „Eine beglückende Utopie von besseren Menschen und besseren Filmen“, schrieb die FAZ.

 

DAS MELANCHOLISCHE MÄDCHEN (2019)
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Online verfügbar beim Salzgeber Club

Auch sie lässt sich treiben: Das titelgebende Mädchen ist auf der Suche nach einem Schlafplatz, macht zwischen Yogastudio, Kunstgalerie und fremden Betten diverse Bekanntschaften und reflektiert über die Gesellschaft, den Zwang zur Selbstverwirklichung und die vorgefertigten Rollenbilder für so melancholische Mädchen wie sie. Von Susanne Heinrich in vollendeter Künstlichkeit inszeniert, treibt sich diese postmoderne Dramödie irgendwo zwischen Brecht und Fassbinder herum, zeigt aber deutlich mehr Humor.

 

ISI UND OSSI (2020)
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Online verfügbar auf Netflix

Zu guter Letzt eine Netflix-Produktion – ein kunterbunter Strauß aus Klischees: Eine Amour fou entspinnt sich da zwischen der Tochter aus reichem Heidelberger Hause (Lisa Vicari) und einem echten Mannheimer Proll (Dennis Mojen). Wirklich jedes Vorurteil über Reich und Arm, das schmucke, romantische Heidelberg und die schmuddelige und toughe Arbeiterstadt Mannheim wird hier genüsslich auf die Spitze getrieben und dann mit so viel Ironie wie Liebe auseinandergenommen. Eine Romcom mit Biss statt Kitsch.

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