goEast wird 20! Die Jubiläumsfilme im Überblick

von Jenni Ellwanger

EUROPA EUROPA heißt die Jubiläumssektion zur 20. Ausgabe von goEast – Festival des mittel- und osteuropäischen Films, das am Dienstag, 5. Mai, online startet. Es ist auch der internationale Titel des deutsch-polnisch-französischen Films HITLERJUNGE SALOMON (R: Agnieszka Holland), der 1990 einen Golden Globe gewann, aber von der deutschen Kommission skandalträchtig nicht zu den Oscars® zugelassen wurde. Regisseurin Holland und Produzent Artur Brauner (CCC) beklagten damals öffentlich die „Arroganz“ gegenüber den Themen des Films.

Anders goEast. 2001 ist das Festival angetreten, um europäische Geschichten jenseits offizieller Geschichtsschreibungen und kultureller Grenzen zu erzählen. In den Worten der Festivalgründerin und damaligen DIF-Direktorin Claudia Dillmann: „Es ist an der Zeit, sich zu öffnen, für Gedanken, Bilder, Mythen und Geschichten der östlichen Nachbarn. Für ihre Kultur. Für ihre Filme.“

20 Jahre (und etliche bewaffnete und kalte Kriegereien) später ist diese Idee aktueller und reizvoller denn je. Während ein Virus europäische Grenzen wieder zur erschreckenden Realität macht, erinnert Festivalleiterin Heleen Gerritsen: „Es gibt viel, worauf goEast stolz zurückschauen kann. Aber statt eines ,Best-Of‘ haben wir uns entschieden, uns noch mal auf den Gründungsgedanken von goEast zu besinnen und die Sektion mit zeitgenössischer Filmkunst zum Thema Europa zwischen Ost und West zu bestücken. Dabei wollten wir nicht uns selbst, sondern die Europäische Idee feiern.“

Die folgenden sechs Filme fordern ihre Zuschauer/innen heraus, locken aus der Isolation und begeistern für das Kino Mittel- und Osteuropas. Verfügbar sind sie zwischen dem 5. und 11. Mai on Demand zu je 6,50 Euro über den Streamingdienst Vimeo. Hier geht’s zum kompletten on-Demand-Programm.

Leinwand frei für EUROPA EUROPA!

FEHÉR ISTEN Underdog

R: Kornél Mundruczó
Ungarn, Deutschland, Schweden 2014. 119 Min
Ab Freitag, 8. Mai, 14 Uhr – goEast onDemand

Wer Wes Andersons ISLE OF DOGS (2018) mochte, wird das ungarische ,Original‘ lieben: Mehrere Hundert echte Hunde – großartig inszeniert ohne Special Effects – übernehmen hier die Kontrolle über Budapest: Als eines Tages das Gesetz Mischlingshunde für unerwünscht erklärt, wirft Lilis Vater Haushund Hagen auf die Straße. Doch Hagen und weitere verstoßene Vierbeiner schlagen zurück.

OĻEGS Oleg

R: Juris Kursietis
Lettland, Belgien, Litauen, Frankreich 2019 / 108 Min
Ab Mittwoch, 6. Mai, 14 Uhr – goEast onDemand

Eine andere Gruppe ,Underdogs‘ zeigt der Film OĻEGS. Nach einem Arbeitsunfall in der Schlachterei, der dem Protagonisten Oleg, lettischer Migrant in Belgien, zugeschrieben wird, verliert der seinen Job und landet in einer mafiösen Leiharbeiterfirma. Der Film beschwört in nächtlichen Schneelandschaften eine klaustrophobische Welt aus wachsender Abhängigkeit und Ohnmacht herauf. In dieser Welt der Hunde, vielmehr der Wölfe, die den europäischen Menschenhandel regieren, versucht ein Underdog, sein Menschsein zurückzuerobern.

MAREK EDELMAN … I BYŁA MIŁOŚĆ W GETCIE  Marek Edelman … und es gab Liebe im Ghetto

R: Jolanta Dylewska, Andrzej Wajda
Polen, Deutschland 2019 / 80 Min
Ab Freitag, 8. Mai, 14 Uhr – goEast onDemand

Das Menschsein unter Hunden, es zieht sich wie ein roter Faden durch die Filmauswahl der Sektion EUROPA EUROPA. Altmeister Andrzej Wajda, dem polnischen Filmchronisten des 20. Jahrhunderts, lag ein Projekt kurz vor seinem Tod am Herzen, das Ko-Regisseurin Jolanta Dylewska vollendete. Gemeinsam verfilmten sie die Erinnerungen eines der letzten Überlebenden des Aufstands im Warschauer Ghetto, Marek Edelman. Als alter Mann erzählt Edelmann unter anderem von schönen Frauen mit großen Brüsten und widmet sich ganz einer Frage, wie sie wohl nur der eigene Enkel stellen würde: Wie war die Liebe im Ghetto?

NABARVENÉ PTÁČE  The Painted Bird

R: Václav Marhoul
Tschechische Republik, Slowakei, Ukraine 2019 / 169 Min
Ab Freitag, 8. Mai, 18 Uhr – goEast onDemand

THE PAINTED BIRD ist eine europäische Geschichte, angesiedelt in einem unbestimmten osteuropäischen Land während des Zweiten Weltkriegs. Eine Geschichte unfassbarer menschlicher Grausamkeit in schönsten Schwarzweißbildern. Mindestens so niederschmetternd wie die Filme Béla Tarrs, nur anstelle 15-minütiger Sequenzen des Untergangs allen Seins jagt bei Marhoul ein bildgewaltiger Schrecken den nächsten, während ein stummer Junge als ‚unbegleiteter minderjähriger Flüchtling‘ durch die Dörfer irrt. Was sich Regisseur Václav Marhoul dabei gedacht hat, bespricht er in einem Live-Werkstattgespräch mit dem Festivalpublikum.

SKOKAN

R: Petr Václav
Tschechische Republik, Frankreich 2017 / 93 Min
Ab Freitag, 8. Mai, 14 Uhr – goEast onDemand

Protagonist/innen wie der Rom SKOKAN kommen im westeuropäischen Kino selten vor, und nie in der titelgebenden Rolle. Das spiegelt der tschechische Regisseur Petr Václav mehrfach in Skokans Geschichte, die den vormaligen Häftling an den prestigeträchtigsten Filmort Europas führen soll, nach Cannes. Dort sucht Skokan nicht nur sein Glück, sondern auch seine Ex-Freundin. Ein Roadmovie.

WESTERN

R: Valeska Grisebach
Deutschland, Bulgarien, Österreich 2017 / 121 Min
Ab Mittwoch, 6. Mai, 14 Uhr – goEast onDemand

Und dann ist da noch WESTERN, aus Sicht der Autorin und vieler anderer ungefähr das schönste, was das deutsche Kino in letzter Zeit hervorgebracht hat. Meilenweit entfernt vom öden Realismus vieler aktueller Produktionen, geht es hier in märchenhafte Grenzgebiete. Eine Gruppe deutscher Bauarbeiter soll in Bulgarien ein EU-Bauprojekt durchführen. Zwei ganz unterschiedliche Männer, Meinhard und Vincent, geraten miteinander und den Einwohner/innen in Konflikt.

Das komplette Online-Angebot

Die Filme der Sektion „EUROPA EUROPA“ werden im on-Demand-Programm ergänzt durch Highlights weiterer Sektionen, darunter die Porträtreihe zum Werk Radu Judes. Für richtiges Festivalfeeling hat sich das goEast-Team einiges einfallen lassen: Publikumsgespräche mit Filmschaffenden, eine Masterclass mit THE-PAINTED-BIRD-Regisseur Václav Marhoul, Online-Ausstellungen im virtuellen Caligari-Kino und vieles mehr. Auf echte Kinoerlebnisse will goEast dabei nicht generell verzichten – die gibt’s mit dem Wettbewerbsprogramm später im Jahr.

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