MEIN VIETNAM: Filmpremiere zu Pandemie-Zeiten

Wie es ist, auf dem 42. Filmfestival Max Ophüls eine Online-Deutschlandpremiere zu feiern

von Thi Hien Mai

Viele Filmemacher:innen kennen das: In einem Film stecken unzählige Arbeitsstunden, innerhalb derer man unaufhörlich zwischen Verzweiflung und Wut, Motivation und Euphorie changiert. Dann die gute Nachricht: „Offizielle Einladung für MEIN VIETNAM für den Wettbewerb Dokumentarfilm des 42. Filmfestivals Max Ophüls Preis.“

Done! Deutschlandpremiere im Wettbewerb Dokumentarfilm im Kasten! Wir haben uns richtig gefreut, denn unser Film wird auf dem wichtigsten Festival für den jungen deutschsprachigen Film laufen. Nachdem wir unsere Weltpremiere schon im Mai 2020 beim nordamerikanischen Dokumentarfilmfestival „Hot Docs“ in Toronto gefeiert hatten, überkam uns das Gefühl von Freude, aber auch Ernüchterung: Es ist bereits die zweite Premiere, die auf eine Online-Edition ausweichen muss. Filmfestivals leben vom persönlichen Diskurs – das Kino als Ort für regen Austausch mit anderen Filmemacher:innen und dem Publikum, und für Vernetzung in der Branche.

Andererseits: 6500 Kilometer Entfernung und eine Zeitverschiebung von sechs Stunden stellten auf diese Weise kaum ein Hindernis dar: Per Videokonferenzen und virtuelle Q&A’s konnten wir dem kanadischen Publikum unser persönliches Porträt über ein vietnamesisches Ehepaar in Deutschland (meine Eltern) näherbringen. Am Ende schaffte es MEIN VIETNAM auch ohne persönliche Begegnungen unter die Publikumslieblinge, aber wenn wir ehrlich sind, bedauern wir es sehr, die Reaktionen des Publikums auf unseren Film vor Ort wahrnehmen zu können.

Aber wir haben auch etwas verstanden: Ein Online-Festival eröffnet neue Chancen. Oftmals besuchen eher regionale Zuschauer:innen die jeweiligen Festivals vor Ort. So ist das Filmfestival Max Ophüls gut vom Publikum aus Saarbrücken besucht. Aber jetzt können es alle sehen, die in Deutschland leben. Es ist völlig egal, wo man gerade wohnt, und so ein Filmfestival ist für viele eine willkommene Abwechslung zu den bekannten Streaming-Plattformen. Die Möglichkeit, einen Festivalfilm tatsächlich während des Festivalzeitraums zu sehen, ist unter „normalen“ Umständen viel begrenzter.

MEIN VIETNAM ist zwar vor Corona entstanden, doch ist es unbeabsichtigt ein interessanter Kommentar zur aktuellen Situation geworden. Bay und Tam, das Ehepaar, um das es im Film geht, leben ein Leben im virtuellen Raum schon lange: Für sie ist es ein Versuch, die räumliche Distanz zur Heimat Vietnam zu überwinden.

Das Kino als sozialer Ort der Begegnung und des Austauschs fehlt uns sehr, aber wir können doch froh sein, dass es uns möglich ist, diese Zeit mit digitalen Lösungen zu überbrücken und so gut wie eben möglich zu gestalten. Und irgendwann kommt der Moment, in dem wir uns im Kino wieder treffen, und zusammen weinen, lachen und träumen können.

Das 42. Filmfestival Max Ophüls Preis wird am heutigen Sonntag, 17. Januar, um 19:30 per Livestream eröffnet. Online-Tickets für MEIN VIETNAM (DE 2020. R: Thi Hien Mai, Tim Ellrich) ink. vorab aufgezeichnetem Q&A sind von Montag, 18. Januar, bis Sonntag, 24. Januar, hier verfügbar. Bis zum Freitag, 22. Januar, kann für den Publikumspreis abgestimmt werden.

Ein exklusives Publikumsgespräch findet am Samstag, 23. Januar, um 13:30 Uhr statt. Voranmeldung nötig.

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