Hanns Lothar – Erinnerungen an einen lakonischen Helden des deutschen Films

Von Frauke Haß

Wenn es um das Fliegen im Film geht, womöglich aber gar um Flugkatastrophen im Film, kommt zuverlässig als erstes immer derselbe (Fernseh-)Film in den Sinn: FLUG IN GEFAHR (R: Theo Mezger) von 1964.  So ist das vermutlich mit prägenden Seherlebnissen in der Kindheit. Auch zum Tag der zivilen Luftfahrt am 7. Dezember passt der Film wie die Faust aufs Auge. Davon kann man sich erfreulicherweise auf YouTube überzeugen, wo der Film in voller Länge zu sehen ist.

Der Film, der auf einem Drehbuch von Arthur Hailey von 1956 beruht, schwelgt in wunderschönen 1960er Jahre Bildern, die davon zeugen, wie begeistert die Menschen in der ersten Zeit der zivilen Luftfahrt von diesem neuen Verkehrsmittel waren. Herrliche Aufnahmen vom Flughafen in Stuttgart, (wo der in Kanada spielende Film tatsächlich gedreht wurde) sowie aus dem Innern des anmutigen Propeller-Flugzeugs, einer DC-4, die für den Flug Maple 714 benutzt wurde, erinnern an die Pionierjahre des Passagierfliegens.

Der großartige Hanns Lothar spielt in FLUG IN GEFAHR einen supercoolen, selbstironischen Lastwagen-Vertreter, der auf einem Flug von Toronto nach Vancouver plötzlich eine gänzlich unerwartete Herausforderung zu bestehen hat: Weil beide Piloten wegen einer Fischvergiftung bewusstlos im Cockpit liegen, sucht die Stewardess verzweifelt nach einem Passagier, der womöglich Flugerfahrung hat. George Spencer war zwar zehn Jahre zuvor (im Zweiten Weltkrieg)  tatsächlich bei der Air Force, hat dort aber nur einmotorige Maschinen geflogen, selbstverständlich keine großen Passagiermaschinen.

Lothar spielt den Zufalls-Piloten mit extremer Lässigkeit, die zuweilen ans Arrogante zu grenzen scheint. Gleichzeitig scheint seine Demut vor der Aufgabe, die er kaum lösen zu können glaubt, immer wieder durch. Interessant ist die Rolle der schönen Ingmar Zeisberg als Stewardess Janet, die Spencer einmal zwar ironisch „Miss Kanada“ nennt, sich in der Folge aber voll und ganz auf ihre Nervenstärke als Co-Pilotin verlässt, die mit ihm die schwere Aufgabe, das Flugzeug sicher zu landen, meistern muss.

Pikant, dass Captain Treleaven, der Spencer vom Boden aus innerhalb von zwei Stunden beibringen muss, wie man eine DC-4 fliegt, von Günther Neutze, dem großen Bruder von Hanns Lothar gespielt wird, den er ja in dieser Rolle gewissermaßen auch verkörpert. Neutze hat das letzte Wort in diesem großartigen kleinen deutschen Film der 1960er Jahre (Achtung, Spoiler!), als er mit gespielter Strenge sagt: „Hallo Spencer, das war wahrscheinlich die miserabelste Landung seit Bestehen dieses Flughafens (…).“ Und dann: „Bleiben Sie, wo Sie sind, George, wir kommen zu Ihnen, wir kommen.“

Hanns Lothar verkörpert in diesem Film einen ganz bestimmten Typus Schauspieler im bundesdeutschen Nachkriegsfilm: Der lakonische, jungenhafte Deutsche, der ein am US-Vorbild geschultes Gegenbild sein will zum zackigen Nazi-Schnarrer. Lustig, dass es ausgerechnet Hanns Lothar war, der in Billy Wilders Screwball Komödie ONE, TWO, THREE (US 1961) Schlemmer spielte, den nazigedrillten Sekretär des deutschen Coca-Cola Bosses McNamara (James Cagney), der bei jeder Gelegenheit reflexartig die Hacken zusammenschlägt.

Wer nach FLUG IN GEFAHR auf den Geschmack gekommen ist, kann sich gleich noch einen zweiten tollen 1960er Jahre-Luftfahrt-Film anschauen: Will Trempers DIE ENDLOSE NACHT (BRD 1963), einer der frühen Filme mit Hannelore Elsner, die sich eine Nacht auf dem Tempelhofer Flughafen um die Ohren schlagen muss.

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