Maximilian Schell zum 90. Geburtstag am 8. Dezember 2020

»Rückzug und Exhibition« [1]
Begegnungen mit Maximilian Schell

Von Hans-Peter Reichmann

»Was ist wichtiger – die lebenden Menschen oder die toten Kunstwerke?
Die toten Kunstwerke bleiben lebendig –
die lebenden Menschen werden eines Tages tot sein.«[2]

Auf der Familienalm, seinem Refugium – abgeschieden, verborgen, naturnah – inmitten der Kärntner Landschaft, konnte ich Maximilian Schell zwischen 2005 und 2013 mehrfach treffen.

Die erste persönliche Begegnung mit dem Weltstar fand in der Wohnküche der Münzers statt. Gusti Münzer, Bäuerin und mit ihrem Mann Verwalterin des weitläufigen Besitzes am Berg, hatte für den Herrn Schell und seinen Gast aus der Stadt eine zünftige Mahlzeit aufgetischt. Wir wollten über den künstlerischen Nachlass von Maria Schell sprechen, die am 26. April 2005 in ihrem Haus auf der Stündlalm gestorben war.

Marias Sohn Oliver hatte Kartons mit Dokumenten in dem Wohn-und Schlafraum zurechtgestellt, in dem seine Mutter ihre letzten Lebensjahre verbrachte. Nun sollten die Zeugnisse ihrer Karriere erschlossen, archiviert und gesichert werden, das Private vor Ort verbleiben. Im Deutschen Filmmuseum wollten wir eine monografische Ausstellung über die Schauspielerin zeigen. Aller Besitz gehörte Maximilian Schell. Er hatte die nicht geringen Verbindlichkeiten seiner älteren Schwester ausgeglichen, finanziert durch den Verkauf von Werken seiner Kunstsammlung. Jeder Termin, jede Einsichtnahme, auch die finale Auswahl wurde mit ihm abgesprochen. Oliver Schell war in jenen Tagen die Kontaktperson zu seinem Onkel, war Hinweis- und Auskunftsgeber, Quelle für die Zuordnung der Schriftstücke, Fotografien und Objekte. Hatte er doch als Regieassistent bereits vieles für den Film MEINE SCHWESTER MARIA (DE/AT/CH 2001/02, R: Maximilian Schell) über seine Mutter recherchiert.

»Die Alm ist mein Anfang und mein Ende.«[3]

Für den Abend lud mich Maximilian Schell in die historische Jagdhütte, die er bewohnte, zu einem Glas Saft ein. Sein Arbeits- und Aufenthaltsraum darin war eine schlicht möblierte Bauernstube mit Faxgerät. Darin Papierstapel, Manuskripte, Bücher, Erinnerungsstücke – an einem Haken hing ein blau-weißer Fanschal der Grasshoppers Zürich. Draußen vor der Tür seiner Eremitage, auf der schlichten Holzbank, hatte er seinen Ort der Ruhe, mit einem grandiosen Panoramablick. Nun bin ich also alleine mit diesem Monument internationaler Filmgeschichte – mir war recht flau. Schell sprach von seinen Freundschaften mit Friedrich Dürrenmatt, Montgomery »Monty« Clift und Václav Havel, gab Anekdoten über Kollegen zum Besten, imitierte dabei gekonnt, neben anderen, den verehrten Fritz Kortner. Erzählte von Projekten für Bühne und Film. Wir sprachen über Stanley Kubrick, zu dessen Werk ich gerade eine Ausstellung kuratiert hatte. Hochinteressiert fragte er nach den detailreichen Recherchen Kubricks zu dessen Langzeitprojekt über Napoleon Bonaparte und dem legendären Karteikartenschrank, in dem der Regisseur sämtliche Daten zu Ereignissen und Personen über Aufstieg und Fall des Regenten erfasst hat. Er selbst arbeite aktuell an einem Drehbuch mit dem Titel Beethoven und Napoleon – Genie und Wahnsinn. Inhalt sei die Auseinander­setzung des deutschen Komponisten (1770–1827) mit dem französischen Kaiser (1769–1821) – die sich jedoch nie persönlich begegneten: »Ein großes Vorhaben, in das ich mein Herz und viel Energie stecke … Ein wunderbarer Stoff …« [4] Maximilian Schell jonglierte gekonnt mit Wissen und Geschichten aus der Welt des Theaters, des Films, der Literatur, der Malerei und immer wieder der Musik. Zwischendurch schilderte er das Ver­gnügen, an geheimen Stellen in seinem Wald Schwammerln und Walderdbeeren zu sammeln.

Auch dort oben auf der Alm – dem »Ort seines Lebens« – die der Familie seit Generationen als Erholungs- und Zufluchtsort diente, hatte der Film-, Theater- und Fernsehstar Maximilian Schell seinen charismatischen Auftritt. In frühen Jahren auch mal in Lederhosen, später meist im dunklen Anzug, Hemd und obligatorischem Künstlerschal. Kein Zweifel, hier war er der Hausherr, dies war sein Hoheitsgebiet. Seine Persönlichkeit füllte Räume und bei meinen Besuchen herrschte eine ganz besondere, achtsame Stimmung. Er schien auf dem gesamten Gelände anwesend, auch wenn er unterwegs oder drüben in seinem Wohnbereich, einem Anbau hinter der alten Hütte, war. [5]

Antworten auf spätere Anfragen an sein Faxgerät kamen erst, nachdem sein Sekretariat drängend nachhakte. Ihn direkt ans Telefon zu bekommen, war ein Erfolg. Einer Vertragsunterschrift wich er aus – zögerte die Verbindlichkeit heraus – zuletzt beim eigenen Testament, bis es zu spät war …

Unten das Dorf, Preitenegg: mit 1078 m die höchst gelegene Gemeinde im Bezirk Wolfsberg, Kärnten. Beinahe 1000 Einwohner, 1288 erstmals urkundlich erwähnt. Hier findet der Gast »Ruhe und Erholung in einer wunderschönen Landschaft mit hoher Luftgüte und viel Sonnenschein«[6]. Die Preitenegger schützten die Privatsphäre ihres prominenten Nachbarn und Ehrenbürgers, verwiesen Fremde, die nach dem Weg zur »Schell-Alm« fragten, nicht immer auf den richtigen Weg. Gerne begrüßten sie den Herrn Professor, wenn er zu ihren Festen, seinen Jubiläen oder auch nur zum Essen nach unten ins Dorf kam. Eine Gemeinschaft auf Gegenseitigkeit. Im Landgasthaus Hanslwirt hatte Maximilian Schell seinen Stammplatz. Hier sind auf dem Kirchhof auch seine Mutter und seine große Schwester Maria beigesetzt – hier hielt er Hochzeit mit Iva, seiner zweiten Ehefrau, war Ehrenmitglied der örtlichen Freiwilligen Feuerwehr, dort hat die Gemeinde ihm zu Ehren einen kleinen, feinen Museumsraum eingerichtet.

»Ich habe eigentlich gar keinen Beruf. Ich wandere durch das Leben und alle Bereiche der Kunst.«[7]

Maximilian Schell der vielseitige Künstler: Schauspieler, Regisseur, Autor und Produzent, talentierte Pianist, Maler und Zeichner, Kenner der Nachkriegs- und zeitgenössischen Kunst und leidenschaftlicher Sammler von Autografen bedeutender Persönlichkeiten. Sein Werkverzeichnis umfasst die Beteiligung an über 200 Spiel- und Dokumentarfilmen, Fernsehproduktionen, TV-Serien, Bühnenstücken, Opern, Operetten – zahlreich sind seine Projekte. Vielfach war er Erzähler und Rezitator oder lieh, als Kommentator aus dem Off, seine Stimme für Dokumentationen. Neben dem Academy Award (Oscar®) als bester Hauptdarsteller in JUDGMENT AT NUREMBERG (Das Urteil von Nürnberg, us 1961, R: Stanley Kramer) – insgesamt war er als Schauspieler dreimal für einen Oscar nominiert [8] – erhielt Schell zahlreiche Auszeichnungen, darunter zwei Golden Globes, mehrere Deutsche Filmpreise, den Bambi, das Bundesverdienstkreuz I. Klasse der Bundesrepublik Deutschland und das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst sowie diverse Ehrenpreise für sein Lebenswerk.

Schell war einer der wenigen deutschsprachigen Schauspieler, die in Europa und in den USA Erfolg hatten: »Die Österreicher sagen immer, wenn ich etwas Schlechtes machte: der Deutsche. Die Deutschen sagten immer, wenn ich etwas Schlechtes machte: der Schweizer. Und die Schweizer sagten immer, wenn ich etwas Schlechtes machte: der Österreicher. Das Gegenteil galt, wenn mir was Gutes gelang.«[9] In Hollywood war er der Europäer, in Europa der Oscar-prämierte Hollywoodstar.

Filmbälle, Galas, Preisverleihungen, Eröffnungen – eingeladen, um den Weltstar, den »Oscarpreisträger« zu repräsentieren. Seine Anwesenheit machte jeden Empfang zum Ereignis. Hier war Schell auch Darsteller seiner selbst, manchmal auch nur dessen, was sich die Leute von einem (ehemaligen) Hollywoodstar erwarteten. Dort vertrat er formvollendet den Mythos des Vergangenen. Mit der very important person, dem Künstler Maximilian Schell – meist in weiblicher Begleitung, war Staat zu machen: Internationalität, Weltläufigkeit, Glamour, Esprit – lebende Film- und Theatergeschichte, »das Gesicht einer Ära«[10]. Immer der ganz große Auftritt, gerne auch auf dem roten Teppich … Ob er sich in dieser Umgebung immer wohl fühlte?

Sicher war sich Schell, auf den der Begriff des »Frauenschwarms« zutraf, seines guten Aussehens, setzte die Wirkung seiner Persönlichkeit auf andere ein, manchmal wenig gentlemanlike. Seine Worte konnten scharfzüngig sein und leicht die Schmerzgrenze der Adressaten erreichen – auch verließ er wiederholt den gebührenden Abstand zu seinem weiblichen Gegenüber.

»Für den Oscar nominiert zu werden ist eine Auszeichnung, mit ihm ausgezeichnet zu werden ist Glück! Heute steht mein Oscar im Film-Museum in Frankfurt.«[11]

Als er anlässlich der Eröffnung unserer Maria Schell-Ausstellung im Februar 2007 am Frankfurter Flughafen ankam, begleitet von seiner Hausdame und Sekretärin Frau Eichen, setzte er eine seiner verbalen Revier-Markierungen: An der Gepäckausgabe hatte ihn etwas geärgert, und dies musste er augenblicklich ausgleichen, indem er die Scheibe im Fond der Limousine, in der ich ihn abholte, herunterließ und mehrfach »Ich hasse Frankfurt!« den verdutzten Passanten entgegen donnerte. Diese Bekundung sollte sich jedoch nicht im Geringsten bestätigen.

Die Pressekonferenz und die abendliche Eröffnung absolvierte er gekonnt und im besten Sinne professionell. Er war der Ehrengast, jedoch sollte hier und jetzt seine große Schwester Maria im Mittelpunkt stehen: »In jeder Zeit finden wir Personen, die die Zeit prägen – und es sind merkwürdigerweise weniger die Politiker – als die Figuren der Kunst und der Philosophie – dass Maria dazugehört macht mich stolz und zuversichtlich – und gibt auch meinem Leben einen Sinn.« [12]

Ein weiteres Mal besucht hat Maximilian Schell das Haus am Schaumainkai im August 2011 zur Eröffnung des umgebauten Filmmuseums. Hier war er jetzt der beschriebene VIP auf dem roten Teppich, mit dem Mann und Frau sich gerne ablichten lassen wollten. In der neuen Dauerausstellung stand als Highlight-Exponat sein Oscar®, im Kino des Museums sprach er über seinen Film MARLENE (BRD/FR/CS 1983/84).

Noch zweimal trafen wir uns danach persönlich. Einmal in einem Fernsehstudio: Mit Iva war er Gast der Talkshow Kölner Treff und erhielt als Überraschung seinen (»unseren«) Oscar® nochmal überreicht. Und dann wieder auf der Alm: Nun sprachen wir nicht über Dritte, sondern über den Vertrag zur Übernahme seines eigenen, filmbezogenen Nachlasses. Es war keine einfache Verhandlung in Anwesenheit eines Anwalts – fest stand, dass die Dokumente seiner künstlerischen Karriere nach Frankfurt am Main ins Museumsarchiv kommen sollten. Die Konditionen konnten wir nicht mehr direkt final abschließen. In der Nacht zum 1. Februar 2014 starb Maximilian Schell in einem Innsbrucker Krankenhaus. Das nicht mehr unterschriebene Testament lag auf dem Nachttisch neben ihm.

Die Trauerfeier fand am 8. Februar in Preitenegg statt. Paparazzi sämtlicher Gazetten richteten ihre Objektive auf die Kärntner Gemeinde. Alle waren sie gekommen, um bei leichtem Schneeregen Abschied zu nehmen: die Familie Schell, Weggefährten, beinahe alle Preitenegger und offizielle Vertreter der Gemeinde. Die Freiwillige Feuerwehr stand Ehrenspalier. Nach den Reden vor dem Gemeindehaus, fuhr der Leichenwagen über einen Teppich aus Blütenblättern dunkelroter Rosen davon – eine würdevolle, standesgemäße Inszenierung.

Oben auf seiner Alm, in der Nähe der Jagdhütte, eingelassen in einen großen Findling, befindet sich nun seine Urne – gegen Diebstahl gesichert mit einem schmiedeeisernen Gitter. Ausgerichtet ist Maximilian Schells letzte Ruhestätte mit Blick ins obere Lavanttal.

 

Wer mehr über Maximilian Schell erfahren möchte: Der Katalog „Maximilian Schell“ erschien zur gleichnamigen Ausstellung vor einem Jahr und ist ein tolles Geschenk zu Weihnachten.

 

Maximilian Schell

Begleitband zur Ausstellung

39,80 Euro
Deutsch: ISBN 978-3-88799-105-0
Englisch: ISBN 978-3-88799-110-4

 Begleitband

Anmerkungen:

1 Maximilian Schell: Der Rebell. Eine Erzählung. München: C. Bertelsmann 1997. Klappentext.

2 Maximilian Schell: Ich fliege über dunkle Täler. Erinnerungen. Hamburg: Hoffmann und Campe 2012, S. 191.

3 Maximilian Schell in Bettina Friedl, Martina Schmerlaib: Maximilian Schell: »Die Alm ist mein Anfang und mein Ende.« In: Kleine Zeitung, 27.08.2012.

4 Drehbuch im Nachlass Maximilian Schell, DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum, Frankfurt am Main.

5 Erst bei einem späteren Besuch entdeckte ich, was sich dort noch so alles befand. Im Anbau hatten unter anderem sein Steinway-Flügel, eine High-End Musikanlage und auch ein Hallenbad mit Whirlpool Platz.

6 Homepage der Gemeinde, www.preitenegg.gv.at [29.09.2019].

7 Jürgen Ruf: Oscarpreisträger Maximilian Schell wird 80. Dpa, 07.12.2010.

8 Auch drei seiner Regiearbeiten wurden für den Oscar nominiert: FIRST LOVE (Bester fremdsprachiger Film), DER FUSSGÄNGER (Bester fremdsprachiger Film), MARLENE (Bester Dokumentarfilm).

9 Schell 2012, S. 243f.

10 Nachruf auf Maximilian Schell: Bayerischer Rundfunk, 01.02.2014.

11 Schell 2012, S. 251.

12 Maximiian Schells Vorwort zum Ausstellungskatalog. In: Maja Keppler, Hans-Peter Reichmann (Red.): Maria Schell. Deutsches Filmmuseum, Frankfurt am Main 2007.

 

Der Text erschien erstmals im Ausstellungskatalog MAXIMILIAN SCHELL anlässlich der Ausstellung Maximilian Schell, im DFF (10.12.2019 bis 28. Juni 2020).

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