Ein Platz an der Höhensonne

von David Kleingers

Wenn möglich zu Hause zu bleiben, das ist in diesen Tagen eine vornehme Pflicht und medizinische Notwendigkeit. Neben Home Office und den sonstigen Pflichten eines auf die eigenen vier Wände zusammengeschrumpften Alltags gilt es, sich irgendwie die Zeit zu vertreiben. In Zeiten von Online-Shopping und Lieferservice kann ein Blick in die bundesdeutsche Konsum- und Werbegeschichte nicht nur unterhalten, sondern gleich in vielerlei Hinsicht erhellend sein: Denn schon immer gab es Produkte, die Menschen den Weg vor die Haustür ersparen, und die Vorzüge der Außenwelt in die Wohnung bringen wollten.

Das DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum hält mit dem ihm anvertrauten Archiv der Insel-Film GmbH einen der größten und bedeutenden Bestände der deutschen Werbeproduktion, der von den Anfängen der Bundesrepublik bis zur Wiedervereinigung reicht.

Ein „leuchtendes“ Beispiel liefert etwa ein Werbefilm der Firma Osram aus dem Jahr 1959. Darin stellt das Unternehmen mit viel dramaturgischem Aufwand die Osram Ultra Vitalux vor, eine Höhensonne für den Heimgebrauch. Doch sehen Sie selbst:

Mit Klick zum Video auf filmportal.de

 

Natürlich wirkt die Szenerie auf ein heutiges Publikum zunächst liebenswert surreal: Da macht sich der arglose Gustav durch Sturm und Regen auf, um eine musterhafte Kleinfamilie zu besuchen, die den erstaunten Gast fröhlich und sommerlich entblößt empfängt. Denn während draußen unwirtliches Wetter wütet, hat sich das heimische Wohnzimmer dank der Osram Ultra Vitalux in einen sonnigen Naherholungsbereich inklusive Strandball verwandelt.

Ebenso eigentümlich rührig wirken die mit sonorer Off-Stimme vorgetragenen Vorzüge der technischen Innovation, die mit ihrem Quarzbrenner ein „Strahlungsgemisch” erzeuge – eine schöne Wortschöpfung, die 2020 eher beunruhigend diffus klingt – und neben eitel Sonnenschein auch Schutz vor rachitischen Erkrankungen biete und ein gesundes Wachstum fördere.

Das vortreffliche Bild des Familienvaters, der sich nach Feierabend mit nacktem Oberkörper und der obligatorischen Zigarette im Mund zurücklehnt und die künstliche Höhensonne genießt, erheitert und scheint aus der Zeit gefallen. Es illustriert perfekt Befindlichkeiten und Sehnsüchte der Wirtschaftswunderjahre, in denen sich technischer Fortschrittsglaube, das Versprechen von erreichbarem Wohlstand und der Rückzug ins Private auf besondere Art vermählten.

 

Doch womöglich ist dieses angestrebte Ideal einer bundesrepublikanischen Komfortzone gar nicht so weit entfernt vom heutigen Cocooning, nicht nur in Zeiten von Corona. Denn was die Höhensonne in den fünfziger Jahren leistete, bieten heute Versandhäuser, Lieferdienste und das Internet – sie ersparen den Schritt nach draußen in eine potenziell ungemütliche Welt.

Werbung ist somit nicht nur ein kostbares und oft kurioses Zeitdokument, sie bietet uns auch Einblicke in unsere eigene Mentalitäts- und Alltagsgeschichte. Eine kleine Auswahl der Insel-Produktionen, einschließlich des Osram-Werbefilms, präsentiert das DFF bereits auf seiner zentralen Internetplattform filmportal.de.

Das DFF plant, seinen Bestand der Insel-Film GmbH in den kommenden Jahren systematisch zu digitalisieren, wissenschaftlich zu erschließen und öffentlich zugänglich zu machen. Das Ergebnis wäre eine einzigartige audiovisuelle Chronik deutscher Alltagswelten, die sich nicht zuletzt in ihren begehrten Produkten manifestieren. Und selbst wenn die konkreten Sehnsüchte 2020 anderen Dingen gelten mögen, im Grunde suchen wir bis heute einen Platz an der Höhensonne.

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