„Im Kino das Gefühl haben, die erste oder zweite Heimat wiederzuentdecken“

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Der folgende Beitrag ist erschienen in: DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum (Hrsg): Perspektiven Frühkindlicher Filmbildung, Themenheft 1 Filmästhetik und Kinomagie – Erfahrungen mit dem MiniFilmclub, S. 19-26.

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Filmbildung und Interkultur im MiniFilmclub Ein Gespräch

Von Alejandro Bachmann

Das folgende Gespräch ist das verschriftlichte Ergebnis eines rund zweistündigen Meetings via Zoom am 8. Mai 2020. Es soll einen Einblick in die Arbeit des MiniFilmclubs geben und dabei einen Fokus auf die interkulturelle Dimension dieses Filmbildungsprojekts legen. Es geht darum, welche Prozesse ganz allgemein in Vorbereitung und Durchführung eines solchen Projekts stattfinden, in den Strukturen seiner Organisation wie auch in den Details der konkreten Vermittlungsarbeit mit Kindern dieses Alters – von der Auswahl der Filme bis hin zum Umgang und Sprechen miteinander. Einen besonderen Schwerpunkt bildet dabei die Frage, inwieweit die Realität einer Migrationsgesellschaft sich nicht nur im MiniFilmclub abbildet, sondern auch aktiv von ihm mitgedacht und -gestaltet wird.

Teilnehmende:

Alejandro Bachmann (AB)
Vermittler, Autor, Kurator, Moderator des Gesprächs

Aida Ben Achour (ABA)
Outreach Managerin und interkulturelle Trainerin im DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum

Daniela Dietrich (DD)
Leitung der Museumspädagogik im DFF

Bettina Marsden (BM)
Dipl.-Sozialpädagogin und Gruppenanalytikerin, Pädagogin in der Kita Grüne Soße

Britta Yook (BY)
Filmvermittlerin und Mitarbeiterin der Abteilung Filmbildung und -vermittlung im DFF, Koordination des Projekts MiniFilmclub

 

AB  Zu Beginn würde mich interessieren, inwieweit eine interkulturelle Haltung, die ich jetzt mal grob als das Mitdenken migrationsgesellschaftlicher Realitäten auf institutioneller, didaktisch-vermittelnder, kommunikativer Ebene umschreiben würde, um Momente der Begegnung herzustellen, schon ganz am Anfang des Projekts stand? Und wenn dem so war, woher diese kam: Hat das mit der allgemeinen Ausrichtung des DFF zu tun, welche Rolle spielt der Standort Frankfurt, welche die Zusammenstellung der Gruppen in der Grünen Soße, eine der beiden Kitas, mit denen ihr das Projekt zu Beginn entwickelt habt?

DD  Das Filmmuseum, das 1984 eröffnet wurde, hatte eigentlich von Anfang an den Anspruch, ein Museum für alle zu sein, weil ja auch der Film ein Medium ist, das in fast allen gesellschaftlichen Kontexten eine Rolle spielt. Im Grunde haben wir ja nur Fachleute als Besucher*innen, denn jede*r bringt ja sein eigenes Wissen zum Thema Film mit. Und das unterscheidet ein Filmmuseum auch von anderen Museen. Ich habe mich auch immer dagegen gesträubt, ein spezielles Programm für Senior*innen zu machen oder so etwas, alles richtet sich eben an „den Besucher“ und „die Besucherin“, egal wie alt, oder aus welchem Land er oder sie kommt. Diese Grundhaltung ist in den MiniFilmclub mit eingegangen. In Frankfurt sind in jeder Schulklasse Menschen aus ganz unterschiedlichen Ländern. Wenn man sich in einer Führung durch das Haus dialogisch begegnet und über Filme spricht, wird das immer auch sichtbar.

BM  In der Grünen Soße ist das vergleichbar. Wir sind eine inklusive Kita, Diversität ist immer ein Thema und es geht immer auch um Integration und Inklusion. Wir sind auch teamgeleitet, um unterschiedliche Realitäten einer Gruppe in die Arbeit einfließen zu lassen und darauf zu vertrauen, dass die Themen, die da sind, in ihrer Vielfalt zum Vorschein kommen. Aus der Kita heraus und in der Zusammenarbeit mit dem DFF noch verstärkt, kommen also schon mal
sehr unterschiedliche Perspektiven zusammen. Das führt dann auch sehr schnell dazu, dass man beispielsweise Filme herausgesucht hat, die ohne Sprache funktionieren. Das lag sicher aber auch daran, dass wir einige Kinder haben, die nicht sprechen können und damit die ästhetische Rezeptionserfahrung im Vordergrund stehen sollte.

AB  Was ihr beschrieben habt, würden wohl die meisten Museen und auch viele Bildungsinstitutionen von sich sagen: Wir wollen alle ansprechen, wir wollen niemanden ausschließen, Kunst kann als Medium sehr gut zwischen Menschen mit unterschiedlichsten Kontexten vermitteln. Und dennoch gibt es ja den Befund, dass viele Kulturinstitutionen diese Öffnung ja gerade nicht real umsetzen, es nicht schaffen, bestimmte Gruppen anzusprechen. Menschen mit Migrationshintergrund, mit Fluchterfahrungen, aus einer muslimischen Community kommen weniger häufig oder gar nicht in Kunstmuseen und Kulturinstitutionen einerseits, ihre Perspektiven auf Kunst und Kultur sind deutlich unterrepräsentiert in Ausstellungen, Publikationen andererseits. Die Gründe dafür können vielseitig sein, haben aber sicher damit zu tun, dass es nicht ausreicht zu sagen „Wir sind für alle da“, sondern dass man aktiv dazu beitragen muss, dass Begegnung stattfindet, unter den Gästen der Institution, innerhalb der ausgestellten Kunstwerke, in den Vermittlungsformaten. Nun weiß ich, dass dies im MiniFilmclub tatsächlich stattfindet und frage mich, was habt ihr ganz konkret, also jenseits der grundsätzlichen Haltung, dazu beigetragen?

DD  Nach dem Start des Projekts mit der Grünen Soße und einer anderen städtischen Kita haben wir dezidiert auch Kitas erreichen wollen, die einen gewissen Förderbedarf haben und die aus Teilen der Stadt kommen, über die man früher mal gesagt hat, sie seien „bildungsfern“, von denen man sagt, sie finden nicht so selbstverständlich den Weg ins Museum. Neben dieser bewussten Entscheidung ist dann auch die enge Zusammenarbeit mit der Kita wichtig. Diese ist nicht bloß unser Gast, sie ist unser Partner in einem gemeinsamen Projekt.

BY  Wir binden beispielsweise die pädagogischen Kräfte aus den teilnehmenden Kitas in das Projekt ein, indem wir sie in einer eintägigen Fortbildung mit dem Projekt vertraut machen. Und als nächsten Schritt binden wir dann die Eltern der Kinder ein, laden also alle Eltern zu einem Elternabend ins Kino des DFF ein. Am Anfang haben wir dann gemerkt, dass bei manchen Kitas nicht viele Eltern kamen. Deswegen bieten jetzt Kitas während der Elternabende eine Kinderbetreuung an, damit die Eltern sich frei nehmen können, um ins Museum zu kommen. Teilweise fahren dann auch die Erzieher*innen mit den Eltern zum Filmmuseum, um diese Distanzüberwindung zu begleiten. Da geht es um solche Dinge, bis hin zu Kleinigkeiten, dass die Tickets für den Nahverkehr übernommen werden und die Familien gleichzeitig beim gemeinsamen Fahren lernen, wie man als Familie ein Gruppenticket kauft.

BM  Das war auch ein „Learning by Doing“. Bei einer Kita wie der Lavendula, in der Nordweststadt, also eher am Rand von Frankfurt, mit einem sehr hohen Migrationsanteil und Familien, die unter schwierigen sozioökonomischen Bedingungen leben, ist beim ersten Elternabend niemand gekommen. Da mussten wir ganz konkret „Übergangsräume“ schaffen, um das mal mit Winnicott zu sagen. Da waren wir also zweimal vor Ort, haben persönlich mit den Eltern gesprochen. Es bedeutet einfach auch, dass es aufwendiger ist, dass man passgenauere Brücken schlagen muss. In der Kita vor Ort haben wir die Kollegin Samah Affani und ihr Team. Da kommen verschiedene sprachliche Hintergründe und Nationalitäten zueinander, wodurch auch ein besonderer persönlicher Bezug zu den Eltern hergestellt werden kann. Sie sprechen die Eltern persönlich an, begleiten sie, damit sie sich trauen oder einfach nur den Weg zu uns finden.

AB  Das scheinen mir entscheidende Punkte: Was muss man den Eltern aus diesen Kitas vermitteln? Welches Gefühl muss vermittelt werden, welche Sicherheit muss entstehen, welche Informationen müssen fließen, damit genau dieser Schritt zu einer Begegnung passiert?

BY  Es ist ganz wichtig für den Bildungserfolg, gerade bei kleinen Kindern, dass das von den Familien auch mitgetragen wird. Die Kinder machen im Museum ganz neue Erfahrungen und es ist wichtig, dass sie sich auch mit ihren Eltern darüber austauschen können. Der MiniFilmclub ist deswegen auch so umfangreich und kleinteilig, bis hin zum Abschlussfest, wo die Kinder ihren Eltern vor Ort das Museum und die Ergebnisse, die entstanden sind, zeigen. Ganz wichtig ist also grundsätzlich eine gewisse Transparenz. Die Eltern müssen wissen, was das Projekt ausmacht, was die Kinder erleben werden. Beim Medium Film gibt es bei Eltern auch immer wieder Widerstände.

BM  Ohne Eltern keine Kinder. Es ist eben eine Erziehungspartnerschaft. In den Stadtteilen mit besonderem Förderbedarf ist es dann oft auch noch etwas schwieriger, weil ein großer Fachkräftemangel herrscht. Das ist ein Problem für den MiniFilmclub. Erstmal haben wir also bei den Erzieher*innen angesetzt und geguckt, haben die eigentlich die Kapazität, so ein vielschichtiges Projekt mitzumachen, mitzutragen.

Und wie Britta auch sagt, gab es und gibt es Vorurteile gegenüber dem Medium Film und Ängste davor, wie wir es einsetzen, sodass die Eltern erstmal die Filme, die wir ausgewählt haben, sehen müssen. Oder jemand war mit seinem Kind noch nie im Kino und möchte diesen Moment, das erste Mal ins Kino zu gehen, gerne mit dem Kind alleine erleben, anstatt das an die Institution abzugeben.

ABA  Ich glaube, du meintest ja auch, dass es eines etwas erhöhten Kommunikationsaufwands bedarf, der im Fall der Kita in der Nordweststadt vor allem über die Multiplikatorin Samah Affani funktioniert. Diese Kita ist – wie es so schön heißt – eine Kita mit besonderem Förderbedarf, weil sie nun mal in einem multikulturellen Stadtteil sitzt, der ein Stück weit marginalisiert ist, dadurch dass er – anders als das Westend oder Sachsenhausen – einen sehr hohen Anteil an Bewohner*innen mit Migrations- und Fluchterfahrungen hat, und damit eine verstärkte Face-to-Face-Arbeit und eine intensive individuelle Begleitung der Eltern benötigt. Das hat auch, aber nicht nur, damit zu tun, dass diese Eltern nicht der deutschen Sprache mächtig sind. Damit ist es wichtig, in der Kommunikation mit ihnen jemand zu haben, der*die als Sprachmittler*in eben auch erklärt, worum es geht. Es ist also nicht so, dass die Eltern quasi per se Vorbehalte hätten, es geht eher um eine Distanz in der Kommunikation, die überwunden werden muss, um ins DFF zu kommen und darum, das Gefühl zu haben, im DFF willkommen zu sein. Und so etwas funktioniert ganz konkret über Multiplikator*innen, in diesem Fall eben über Samah. Die Abwesenheit einer gemeinsamen Sprache ist der Raum, der überwunden werden muss, um die Eltern zu erreichen und so auch die Kinder. Dieser Aspekt ist immer wieder auch zentral. So haben wir auch Formulare zum MiniFilmclub in andere Sprachen übersetzt. Die Eltern können diese dann selbstbewusst in ihrer eigenen Sprache ausfüllen, werden in ihrer Selbstständigkeit gestärkt und eine Vertrauensbasis zum DFF wird geschaffen.

AB  Könnt ihr diese Arbeit von Samah Affani, der Multiplikatorin, etwas genauer beschreiben? Sie scheint mir entscheidend zu sein für das Überwinden dieser Distanz.

ABA  Samah Affani ist Erzieherin in dieser Kita mit den Schwerpunkten interkulturelle Öffnung und Inklusion von Familien verschiedenster Nationalitäten. Sie hat selbst eine Migrationsbiografie, möglicherweise mit Fluchthintergrund. Sie teilt mit vielen Familien dort einen Erfahrungshintergrund und eine Sprache und hat eben auch eine pädagogische Ausbildung, ein abgeschlossenes Studium „Soziale Arbeit“. Sie kann den Eltern dieses Angebot unterbreiten, auch wenn sie sprachlich noch nicht so weit in der Gesellschaft angekommen sind und dadurch oft auch einsam sind. Man muss sich klar machen, dass es vor allem die Mütter sind, die da angesprochen werden müssen. Und die sind dann der Sprache wiederum nicht mächtig, weil sie ihren Alltag vor allem zu Hause, vielleicht auch noch beim Einkauf verbringen, ihn der Versorgung der Familie widmen. Es gibt in diesem Fall konkret auch einen Verein, der sich einzig und allein den Frauen widmet, wo die Frauen sich treffen und austauschen. Vieles funktioniert in diesen Kontexten, wenn man mit Migrant*innen arbeitet, klassisch wie in der Entwicklungsarbeit über Frauen. Dort wird das Vertrauen gewonnen. Samahs Rolle ist in einem solchen Kontext nicht zu unterschätzen.

Es hilft, wenn man diese Dinge manchmal drastisch und überspitzt beschreibt: Es gibt in diesen Teilen der Stadt Häuser, in denen 30 bis 40 Parteien leben und Menschen, die dort leben, kommen dann in dieses relativ luxuriös anmutende Frankfurt, nach Sachsenhausen, ins DFF, zu einem Haus, das in einem solchen Kontext schon auch etwas abschreckend wirken kann, weil es elitär ist, eine alte Villa eben. Das hat ein bisschen etwas von einem Abenteuer, mit der U-Bahn an das andere Ende der Stadt zu kommen und dann dort einzutreten und willkommen zu sein. Das ist in so einem Kontext etwas Besonderes.

BM  Samah hat genau das ja auch wirklich sehr schön begleitet: Als sie den Ausflug zum DFF das erste Mal gemacht haben, haben sie am Main ein Picknick mit den Kindern und den Familien veranstaltet, haben diesen Teil der Stadt mal langsam für sich besetzt, mit ihren Speisen. So werden langsam, stückweise Brücken geschlagen. Ich glaube, dass wir unglaublich viel davon lernen können.

AB  Das scheint mir zentral zu sein – was ihr da beschreibt zeigt ja, der Aufwand ist wirklich groß und dann ist auch der Austausch groß. Aber es ist eben weitaus mehr als das Heraussuchen der Adresse eines Kindergartens in einem „Problembezirk“ – es bedeutet, Kontakt zum Kindergarten aufzubauen, über den Kindergarten Kontakt zu den Eltern aufzubauen, über die Eltern zu den Kindern und das alles über eine gewisse Distanz hinweg, die von Fragen der Einteilung der Stadt in Zentrum und Ränder, über Sprachbarrieren et cetera geprägt sind. Im Prinzip geht es ja, wenn ich das richtig verstanden habe, um Setzungen, die man als vertrauensbildende Maßnahmen bezeichnen könnte.

Und zum anderen scheint mir wichtig, dass wir diese Konstellation nicht nur in eine Richtung denken: Es geht ja nicht nur darum, wie ihr eure Arbeit interkulturell ausrichtet, sondern in genau demselben Maße darum, wie die Begegnung – mit muslimischen Familien, mit Flüchtlingen aus Syrien, mit der zweiten oder dritten Generation einer türkischen Gastarbeiterfamilie, den Kindern beruflich aus China hergezogener Eltern – eure Arbeit, euer Selbstverständnis, euren Begriff und eure Praxis von Filmbildung verändert.

DD  Mir fällt da zuerst etwas im Kontext der Filmbildungsarbeit mit älteren Kindern ein: Bei unserer Jugendfilmjury haben sich Jugendliche gemeldet und wir haben ihnen jede Woche einen Film im Kino gezeigt und diesen dann diskutiert. Da ist uns aufgefallen, dass ein Junge mit Migrationshintergrund ganz anders auf DIE NACHT DES JÄGERS (Charles Laughton, US 1955) geblickt hat, dass ihn der religiöse Fanatismus der Hauptfigur ganz anders berührt hat, was dann auch das Sprechen der ganzen Gruppe stärker darauf gebracht hat. Bei den jüngeren Kindern fällt mir so etwas nicht so stark auf, vielleicht auch, weil die Filme, die wir zeigen, nicht in dieser Art kontrovers sind. Die haben oft einfach mit den basalen Dingen des Kinos zu tun, mit Bewegung, mit Licht, mit Rhythmus und somit mit den eigenen, unmittelbaren Erfahrungen.

AB  Ein wenig verlassen wir ja jetzt die Ebene des Organisatorischen und Strukturellen und kommen zur konkreten Arbeit mit den Kindern, im Kino oder in der Kita bei den Aktiveinheiten. Ist das tatsächlich so, dass da, in der Altersgruppe und in der Begeg- nung mit eher experimentellen, abstrakten filmischen Formen diese Unterschiede – der Biografie, der Erfahrungen, der Sprache – nicht mehr so eine Rolle spielen?

BM  Es gibt beim MiniFilmclub sehr viele Dialoganlässe, um einander besser zu verstehen. Ein Beispiel, was ich immer sehr schön finde, ereignete sich bei der Einheit, die wir „Kinomagie“ genannt haben und bei der es um Grundelemente des Kinos geht, um das In-Bewegung-Setzen von Einzelbildern, um die Illusion des Films zu erzeugen. Dann gucken wir ja DIE ANKUNFT EINES ZUGES AUF DEM BAHNHOF IN LA CIOTAT (Brüder Lumière, FR 1896) an. Maha, die damals ungefähr fünf Jahre alt war, sieht dann den Film und als sie gefragt wird, was denn vielleicht die Unterschiede zu heute sein könnten, sagt sie: „Früher war die Welt schwarz-weiß, heute ist sie bunt, das ist viel schöner. Früher konnten sich die Men- schen nicht auseinanderhalten, weil alle schwarz-weiß waren.“ Solche Prozesse werden im Sehen der Filme angeregt und bieten unglaubliche Dialoganlässe, in denen es darum geht, die Welt zu verstehen – in Schwarz-Weiß, bunt und entlang der Frage, was daran schöner ist, wenn die Diversität der Welt sichtbar ist. Das ist dann nicht mehr nur Medienpädagogik oder Filmbildung, wo man erklären würde, dass das eben früher mit dem Aufzeichnen von Farben nicht ging. So etwas passiert im MiniFilmclub andauernd.

AB  Aida sprach vorhin über die Sprachbarrieren, die besonders bei der Einbindung der Eltern in den MiniFilmclub zu überwinden sind. Spielen diese bei der Arbeit mit den Kindern dann auch noch eine Rolle?

BM  Also Kinder lernen ja unglaublich schnell die deutsche Sprache und sind im Vorschulalter der deutschen Sprache schon so gut mächtig, dass wir sehr gut mit ihnen kommunizieren können. Natürlich ist nicht alles Sprache. Und dieses Erklärende über Sprache ist nicht das, was unser erster pädagogischer Ansatz ist, sondern die Kinder selber sprechen, agieren, szenisch verstehen und auswerten lassen … das steht eher im Fokus. Sprache eher im Sinne des Sichausdrückens als des Erklärens.

BY  Ich habe immer wieder auch Gruppen, in denen Kinder sind, die noch nicht so gute Sprachkenntnisse haben, die zum Beispiel gerade erst nach Deutschland gekommen sind. Da geht es erst einmal darum, die Filme ganz unmittelbar zu erleben, das funktioniert dann auch, weil die meisten Filme ja abstrakt sind und nicht über Sprache funktionieren. Und im Nachhinein stellen wir auch erst mal sehr einfache Fragen: Was habt ihr gesehen? Oder: Was habt ihr gehört? Und da können sich im Grunde alle Kinder einbringen. Welche Farben habt ihr in einem Film von Norman McLaren gesehen, war das jetzt Rot oder Gelb oder Grün? Damit finden die Kinder einen einfachen Zugang und auch einen Anlass, sich zu artikulieren und auszuprobieren, auch sprachlich. Und in den Aktiveinheiten geht es ja dann auch darum, sich den Filmen ganz sinnlich, körperlich anzunähern. Viele Kinder tanzen auch zu den Filmen, rufen herein, tauschen sich aus.

BM  Ich glaube, auch wichtig ist, dass im Team des MiniFilmclubs eben jemand wie Samah ist oder auch jemand wie ich, und da ja auch unglaublich viel Kommunikation stattfinden muss, weil es eben viel zu verhandeln gibt, das fremd ist – für mich und auch für sie. Und das auch erstmal anzuerkennen, dass sie eben mit anderen inneren Landkarten auf die Welt schaut und auch auf den MiniFilmclub schaut, auf die Art und Weise, wie sie zu der Erziehung ihrer Kita-Kinder beiträgt. Das ist schon sehr komplex und in keinster Weise eindimensional. Es erfordert viel echte Auseinandersetzung, die auch von Spannungen geprägt sein kann und in keiner Weise nur beschwichtigend ist, würde ich sagen. Das finde ich eben in der Arbeit mit Kindern, mit den Eltern, mit dem DFF und mit den Erzieher*innen, die am MiniFilmclub beteiligt sind, unglaublich wichtig; dass es nicht so ein Den-Deckel-Draufsetzen ist, sondern dass eine echte Auseinandersetzung stattfindet, die auch schwierig ist und in der man natürlich auch Fehler macht. Sehr viele Fehler sogar. Und schön wäre es, wenn man diese Fehler möglichst häufig erkennt und dann eben auch darauf reagieren kann.

AB  Das ist ein dauerhafter Prozess und hat eher mit einer Haltung zu tun, die man der Sache gegenüber einnimmt, als mit irgendwelchen Formeln, nach denen man das abarbeitet. Vor dem Hintergrund eurer Beschreibungen würde ich es vielleicht so sagen: Es gibt durchaus so etwas wie ein Gerüst, bestimmte Prozesse und Abläufe, die man nicht überspringen kann, weil man sonst gar nicht an den Punkt kommt, wo diese Haltung zum Tragen kommt und wieder und wieder ausprobiert werden kann, im direkten Kontakt mit den Kindern, in der Bildungssituation. Mir gefällt in dem Zusammenhang sehr der Begriff der „inneren Landkarten“. Zum einen impliziert das ja Fragen der Orientierung und Ausrichtung, die individuell bei jedem anders sein können, die aber auch von Fragen der Kommunikation, der Migrationser- fahrung, also größeren gesellschaftlichen Zusammen- hängen geprägt sind. Zum anderen verweist der Begriff aber auch auf etwas anderes, das ihr erwähnt habt, nämlich dass ihr gerne mit abstrakten Filmen arbeitet: Diese sind produktive Bildungsgegenstände, denen man begegnet, weil sie durch ihre Abstraktion sehr das Individuelle in jedem Einzelnen, die Spezifika jeder inneren Karte hervorrufen können. Mir leuchtet das ein, dass diese abstrakten Arbeiten bei Kindern sehr relevant sind, aber vielleicht auch vor dem Hintergrund einer interkulturellen Filmbildung nochmal an Bedeutung gewinnen, weil sie die ästhetische Erfahrung jenseits von Klischees – des Abge- bildeten, der Narrationen, der Charakterentwicklung – ermöglichen.

Und dann gibt es ja doch auch Filme, die durchaus mit den konkreten Realitäten der Welt in Berührung kommen und über die ich genau deswegen auch gerne sprechen würde: Ganz konkret denke ich an LES KIRIKI – ACROBATES JAPONAIS (Segundo de Chomón, F 1907) und WHEN CITIES FLY (Khaled Mzher, JO / DE 2017). Beide Filme sind nicht abstrakt, sondern beziehen sich sehr konkret auf soziale und politische Realitäten. Bei LES KIRIKI ist das die Tatsache, dass die Akrobat*innen in dem Film Masken tragen, die man als Klischee oder auch Persiflage eines asiatischen Gesichtes lesen kann, wobei man im selben Atemzug auch sagen könnte, dass sie den Masken aus dem Nō-Theater nachempfunden sind. Das ist schwer zu entscheiden. In WHEN CITIES FLY geht es ja auch um soziale Realitäten – um jene Menschen, die von ihren Dächern Drachen steigen lassen und von den Kindern, die am Boden, inmitten von Ruinen, Papiertüten steigen lassen. Unabhängig davon, was genau man darin sehen möchte, wird hier eine Realität, eine nicht-westliche, soziale Realität sichtbar. Das ist jetzt mal die Perspektive eines Erwachsenen auf diesen Film, eines Erwachsenen, der sich fragt, wie das vor dem Hintergrund einer interkulturellen Filmbildung einzuschätzen ist. War das jemals bei den Kindern, die diese Filme gesehen haben, ein Thema und wenn ja, in welcher Form? Und wie geht ihr konkret mit diesen Zusammenhängen um?

BM  Interessant ist die Auswahl der Filme, die du jetzt getroffen hast. Viel häufiger tauchen diese Themen, dieser Bezug zu gesellschaftlichen Realitäten bei SPIEL MIT STEINEN (Jan Švankmajer, AT 1965) auf, weil es eben ein Spiel mit schwarzen und weißen Steinen ist. Das kommt, glaube ich, aus dem Bedürfnis der Kinder, ihre Identität, ihre Lebenswelt an diese Filme anzubinden, und sie verbinden das sofort mit der Realität verschiedener Hautfarben. Bei LES KIRIKI wiederum ist die Identifikation ganz deutlich und durchgängig, ähnlich wie bei Pippi Langstrumpf, dass der oder die Kleinste am stärksten ist. Aber ich habe mich tatsächlich auch gefragt, wie ein Kind mit asiatischem Phänotyp den Film wahrnehmen würde. Diese Thematiken treten ja nicht nur im MiniFilmclub auf, die Frage der Verkleidung an Fasching – als was darf man sich verkleiden, was ist stereotyp, was ist rassistisch und wie geht man damit um – ist auch so ein Moment. Das ist ein weites und sehr schwieriges Feld, ich habe da keine eindeutige Antwort.

Und bei WHEN CITIES FLY ist dieser direkte Blick auf die Kinder, dieses direkte Angucken, fast wie eine unmittelbare Begegnung, in der etwas aus dem Film in den Kinoraum hinüberdringt, ein zentraler Moment. Da diskutieren wir natürlich mehr über Verschiedenheiten …

AB  Kannst du das mit den Verschiedenheiten ein wenig ausführen? Wie sprechen Kinder über den Film, welche Rolle spielen Verschiedenheiten?

BM  Kinder sagen nach dem Ansehen von Filmen: „Der bin ich.“ Oder: „Die bin ich.“ Bei VIRTUOS VIRTUELL (Maja Oschmann, Thomas Stellmach, DE 2013): „Das bin ich, die Linie!“ Bei WHEN CITIES FLY erlebe ich das so, dass sie das erst beim zweiten oder dritten Mal tun. Weil es eben auch konkrete Menschen sind, ist es nicht ganz so leicht, sich zu identifizieren. In der Kita Lavendula gibt es zum Beispiel die Geschichte, dass die Kinder dann die Plastiktüten mit in dieser Region bekannten Designs erkannt und sie später aus dem Sommerurlaub mitgebracht haben. In der Kita Grüne Soße haben nicht so viele Kinder so einen Bezugspunkt gefunden, sie finden eher die Stadt schön, weil sie ihnen in dieser Form fremd ist. Und dann gibt es Dinge, die ihnen gar nicht fremd sind, das Spiel mit ganz einfachen Materialien zum Beispiel. Aber dass sie mehr Spielzeug haben, das ist schon auch ein Thema, dafür gibt es ein Bewusstsein.

BY  Bei WHEN CITIES FLY und den Kindern aus der Kita Lavendula hatte ich das Gefühl, dass sie sich darin sehr stark wiedererkannt haben, weil sie eine andere Verbindung mit so einer Stadt haben. Kinder haben gesagt: „Das ist doch in Marokko.“ An dem Tag waren aber auch Kinder aus Jordanien da und die Kinder aus dem Herkunftsland haben gesagt: “Nein, das ist in Jordanien, ich kenne die Stadt.“ Es war für sie sehr schön, dass sie im Kino des DFF das Gefühl hatten, so etwas wie eine erste oder zweite Heimat wiederentdecken zu können. Der Film hat den Kindern sehr große Freude bereitet, sie haben sich in ihrer Identität gestärkt gefühlt und waren stolz, dass in ihrem Land so ein Film gedreht wurde und dann im Kino des DFF zu sehen war. Ein Kind hat den Film mit nach Hause genommen, um ihn seinen Eltern zu zeigen. Das hat der Film generell sehr stark: diese Idee, man schaut Menschen an und wird angeschaut, dieses lebendige Blicken, das die Kinder sehr intensiv erlebt haben. In der Pause sprachen wir dann noch ganz viel über Reisen und andere Städte und Länder. Und als die Kinder dann auch noch diese Tüten aus dem Urlaub mitgebracht haben, hatte man so das Gefühl, dass der Film seinen Weg in die Familie gefunden hat, dass es da eine sehr hohe Wertschätzung des Films, der Erfahrung durch die Kinder gab.

DD  Als wir den Film bei „Großes Kino, kleines Kino“ im Arsenal – Institut für Film und Videokunst gesehen haben, waren wir sehr fasziniert, auch weil der Film so einfach ist, weil es um Kinder geht und weil man mit ihnen über das Kino Kontakt aufnimmt. Solche Überlegungen sind wichtig, wenn wir Filme für den MiniFilmclub aussuchen.

Und dann geht es auch darum, dass die Filme in ihrer Gesamtheit zueinander passen, dass sie eine Vielseitigkeit abbilden. Deswegen haben wir in der ersten Edition auch einen Stummfilm aufgenommen. Und LES KIRIKI hat uns überzeugt, weil es so ein wunderbarer Filmtrick ist, bei dem eine unmögliche Welt entstehen kann. Erst über „360°“ wurde uns dieser kritische Blick als eine andere Perspektive bewusst. Und ich glaube, ich teile ihn noch immer nicht. Ich sehe da eine große Wertschätzung für die japanischen Turner*innen. Wir haben jetzt angefangen, das zu kontextualisieren, indem wir geschaut haben: Was war das Japanbild um 1900, wie ist der Impressionismus, Van Gogh, wie ist die Kunst allgemein mit Japan umgegangen? Jetzt überlegen wir, wie wir diese Kontexte mit dem Film verbinden können. Aber die Diskussion unter den Kindern war nie irritiert von dieser Darstellung, es ging immer um die Faszination für diese Kraft des Kleinsten.

BY  Auch in der Aktiveinheit arbeiten wir in gewisser Weise an der Entschlüsselung dieses Tricks, der aber trotzdem für die Kinder faszinierend bleibt. Wir machen dann Fotos von den Kindern, auf denen sie sich zu akrobatischen Kunststücken zusammen oder übereinander legen und somit so stark wirken wie die Akrobat*innen im Film. Bei mir selbst ist es auch so, dass mir erst durch das Projekt 360° dieser Blick für das Klischee bewusster geworden ist. Ich frage mich immer mehr, ob es Sinn macht, und wenn ja, wie wir die Kinder dafür sensibilisieren. Denn es einfach nur zu erwähnen, wäre zu oberflächlich, man muss es sich erarbeiten. Ich habe da noch keine endgültige Antwort gefunden.

BM  Ich denke, dass uns die Kinder zeigen werden, wenn das ein Thema ist. Und wenn sie es tun, müssen wir das aufnehmen. Und weil die Gruppen der Grünen Soße divers sind, ist die Wahrscheinlichkeit schon gegeben. Rassistische Stereotype sind im Kita-Alltag andauernd vorhanden, wir haben dauernd mit Ausschlüssen zu tun.

ABA  WHEN CITIES FLY habe ich bisher nur einmal gesehen. Als Eindruck ist mir vor allem geblieben, dass es sehr fröhliche Kinder sind. Das spielerische Moment mit den Plastiktüten zeigt ein gewisses Maß an Kreativität, das nicht unbedingt selbstverständlich ist. Es gibt diesen Gestus: „Wir machen aus dem, was wir haben, das Beste! Wir sehen in dieser Tüte einen Drachen!“ Insofern finde ich es einen sehr berührenden Film. Die Stadt mag vielleicht ein wenig trist aussehen, so wie alle großen Städte in der MENA-Region, aber durch den Wind hat das etwas sehr Bewegliches, etwas Flirrendes. Diese komplett andere Perspektive auf die Stadt, das ist für Kinder schon ein Kinoerlebnis – darüber kann man sich unterhalten.

Bei LES KIRIKI sehe ich aber schon primär dieses Klischee und für mich geht es dann um die Frage: Wann bekomme ich die Geschichte des „albernen Asiaten“ zum ersten Mal erzählt und wie oft wird es mir im Laufe meines Heranwachsens nochmal begegnen? Das geht ja dann weiter über Kinderlieder – „Ching Chang Chong, Chinese sein nicht dumm!“ oder „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“. Ich erinnere mich an meine eigene Kindheit, und an die Figur Hop Sing in BONANZA, eine höchst alberne Person. Es ist eben die Dichte des Narrativs, das die Diskriminierung am Ende ausmacht. Und nicht speziell dieser eine Film. Und die Frage ist: Möchte ich mit diesem Narrativ anfangen?

Welche Geschichte wird mir von wem zuerst erzählt? Und wo begegnet mir diese Erzählung immer wieder? All die anderen Aspekte des Films finde ich auch sehr spannend und ich verstehe, warum man ihn zeigt. Ich glaube aber, dass Kinder sehr wohl Machtstrukturen von Anfang an wahrnehmen, und wenn sie einen asiatischen Phänotyp haben, werden sie irgendwann merken, dass sie doch ein wenig anders behandelt werden.

DD  Aber ich finde sie nicht lächerlich. Ich finde sie stark, sie können ja etwas. Und es ist eben ein Film von 1907 und somit auch einfach ein Zeitdokument. Sollen wir sie dann nicht mehr zeigen? Nur weil sie ein Narrativ erzählen? Das ist auch eine problematische Entscheidung, gerade als Filmerbe-Institution!

ABA  Nicht alles, was man erbt, ist toll.

DD  Aber das bedeutet nicht, dass man das dann wegtut. Dann schreibt man ja Geschichte um.

AB  Einerseits ist da Aidas sehr berechtigte Frage: Möchte ich die Instanz sein, die so ein Narrativ beginnt? Dann ist da Danielas ebenso zentraler Einwand: Es kann nicht sein, dass Geschichte umgeschrieben wird und natürlich ist das Frühe Kino voll von genau diesen Bildern, voll von kulturellen Klischees, die aus dem Varieté, der Unterhaltungsindustrie vor dem Kino, übernommen wurden. Und dann könnte man aufnehmen, was Britta sagt: Die Kinder thematisieren das ja nicht, für sie ist das ja nicht sichtbar.

ABA  Wir sprechen in der interkulturellen Arbeit durchaus von „unconscious biases“, also dass wir sehr wohl ein Unterbewusstsein haben, das geprägt ist von Diskriminierung, und das fängt eben sehr früh an. Das sind Dinge, die uns nicht bewusst sind, die aber in unserem Unterbewussten fest und tief verankert sind. Deswegen muss man sich im Klaren sein, dass nicht alles, was man erbt, einfach so weitergegeben werden kann, dass das kritisch beleuchtet werden muss.

BM  Das Unterbewusste von Kindergruppen ist ja immer auch stark von Aggressionen geprägt: Das als fremd Wahrgenommene macht Angst, provoziert zum Ausschluss. Für mich wäre eben erst mal wichtig, dass man die ganzen Gefühle, die dahinterstehen erkennt und auch benennt und darüber in Diskussion kommt. Es gibt immer, an allen unseren MiniFilmclub-Filmen Dinge, die das Unterbewusste ansprechen – das Thema Sexualität, die Verschlingungsangst bei SPIEL MIT STEINEN ist ein wahnsinnig großes zum Beispiel. Das liegt auch daran, dass die Filme – auch die abstrakten – eben einen irren Bedeutungsüberschuss haben. Ich würde da immer vom kompetenten Kind ausgehen und sagen: Wir nehmen das Unterbewusste und diskutieren das, erleben das.

AB  Für mich stellt sich in diesem konkreten Fall bei LES KIRIKI im Kontext des MiniFilmclubs die Frage noch mal anders, weil ich mich frage, wie ich das, was wir hier besprechen, für Kinder reflektierbar machen kann. Bei einem 14-jährigen Jugendlichen wüsste ich für mich, wie ich das sprachlich fassen kann, damit die Komplexität der Fragestellung, die der Film stellt, greifbar ist. Bei einem drei- bis fünfjährigen Kind wäre ich zumindest überfordert, wie man es bespricht.

DD  Aber das ist ja das, was Bettina sagt – wir schauen, was aus der Gruppe kommt. Wir wollen ja wissen, was die Kinder sehen, hören, wie sie mit dem Film umgehen … das ist ja auch unser Interesse daran. Wir haben ja nicht den Anspruch zu belehren. Die sollen den Film sehen und damit in ihrer Welt etwas machen, auf ihrer eigenen inneren Landkarte.

BM  Ich finde, dass man Kinder da generell unglaublich unterschätzt. Wenn man mit Kindern in eine echte Auseinandersetzung geht, mit ihren Lebenswelten und ihrer Sicht auf die Welt, kann man von ihnen unglaublich viel lernen, auch weil darunter die gleichen Gefühle liegen wie bei Erwachsenen. Natürlich muss man eine Sprache finden, wie man mit Kindern solche Sachen thematisiert. Oder man muss eben aufnehmen, wie sie das thematisieren. Es ist also ein Konflikt, vor dem wir da stehen mit LES KIRIKI, und diesen Konflikt zu thematisieren, wäre auch meine Herangehensweise. Vermutlich ist der Konflikt nicht einfach so zu überwinden, sondern wir müssen ihn aushalten, um uns im Hier und Jetzt neu zu positionieren.

Alejandro Bachmann ist Kulturarbeiter mit Schwerpunkten im Vermitteln von und Schreiben über Film sowie in der Zusammenstellung von Filmprogrammen (mit Fokus auf dokumentarischen und experimentellen Formen). Seit 2015 ist er Teil der Auswahlkommission im Bereich Dokumentarfilm derDiagonale – Festival des österreichischen Films, seit 2019 Mitglied der Auswahlkommission der Duisburger Filmwoche. Herausgeber u.a. von „Räume in der Zeit. Die Dokumentarfilme von Nikolaus Geyrhalter“ (Wien: Sonderzahl 2015) und Co-Herausgebervon „Echos. Zum dokumentarischen Werk Werner Herzogs“ (Berlin: Vorwerk 8 2018).

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