Best of Festivalfilme 2020

Von Naima Wagner

2020 war ein schwieriges Jahr für Filmfestivals. Doch auch wenn viele Filme nicht, wie es ihnen gebührt, auf der großen Kinoleinwand zu sehen waren, so lässt sich am Jahresende doch wieder auf einige überaus sehenswerte Filme zurückblicken. Eine kleine Auswahl.

THE FORTY-YEAR-OLD VERSION (US 2020, R: Radha Blank)
Sundance Film Festival, Januar 2020

Filmstill The 40-Year-Old Version

Das in schwarz-weiß gefilmte Spielfilmdebüt der New Yorker Drehbuchautorin und Regisseurin Radha Blank (die Regie führte, das Drehbuch schrieb und die Hauptrolle spielte) feierte beim Sundance Film Festival im Januar 2020 seine Premiere, im Oktober wurde es dann ins Programm des Streamingdiensts Netflix aufgenommen.

Der nahende 40. Geburtstag und die Trophäe „30 under 30“, erinnert die 39-jährige Bühnenautorin Radha aus dem New Yorker Stadtteil Harlem täglich daran, dass der große Erfolg seit einigen Jahren auf sich warten lässt. Sie unterrichtet eine Theatergruppe, während sie zugleich versucht, ihr neues Stück auf die Bühne zu bringen. Mitten in diesem Dilemma entdeckt sie ihre Leidenschaft für das Rappen wieder und versucht, sich als RadhaMUSprime neu zu erfinden.

THE FORTY-YEAR-OLD VERSION ist die wohl originellste Midlife-Crisis-Komödie aller Zeiten: Sie erzählt ehrlich, selbstironisch und vor allem unglaublich witzig von einer Heldin, die mit ihrem Alter, dem Verlauf ihrer Karriere und ihrem Wunsch nach künstlerischer Selbstverwirklichung hadert und wirft zugleich einen scharf beobachtenden Blick auf ernste Themen wie Trauerbewältigung, Alter, Gentrifizierung und die Darstellung Schwarzer Geschichten in der Kunst.

Zu den Streamingtipps

NEVER LOOK AT THE SUN (FR 2019, R: Baloji)
Internationale Kurzfilmtage Oberhausen, Mai 2020

Filmstill Never Look at the Sun

Ein Highlight des Internationalen Wettbewerbs der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen war der Kurzfilm NEVER LOOK AT THE SUN des kongolesisch-belgischen Hip-Hop-Künstlers und Filmemachers Baloji, der bei den Kurzfilmtagen mit ZOMBIES (BE/CD 2019) im vergangenen Jahr den Hauptpreis gewann.

Der diesjährige Beitrag ist, wie ZOMBIES, nicht nur unglaublich stylisch (im Abspann wird das „Glam Team“ und diverse Modemarken genannt), sondern verbindet wie dieser auch atemberaubende Bilder mit eindringlicher Musik, sodass man sich zeitweise in einem Musikvideo glaubt. In NEVER LOOK AT THE SUN, der auch den Titel DEFINE BEAUTY trägt, geht es um (schwarze) Hautfarbe, um Schönheit, um Stärke. Der fünfminütige Film beginnt mit den Bildern einer Frau in einem Badezimmer, die Off-Stimme spricht die ersten Zeilen eines Gedichts: „We are told that you should never look at the Sun. It’s beauty of furious violence of light, beyond our meagre abilities“.

Ein „aus Schwierigkeiten geborener Triumph“, so nannte die Jury den Vorgänger ZOMBIES in ihrer Urteilsbegründung 2019 – das trifft wohl auch auf NEVER LOOK AT THE SUN zu.

Zum Festivalblog: Die 66. Internationalen Kurzfilmtage online

MY SWEET GRAPPA RAMEDIES (JP 2019 R: Akiko Oku)
Nippon Connection, Juni 2020

Nippon Connection, das weltweit größte Festival für japanisches Kino, feierte sein 20. Jubiläum von 9. bis 14. Juni online. MY SWEET GRAPPA RAMEDIES war Teil des Programmschwerpunkts „Female Futures? – neue Frauenbilder in Japan“, der sich mit Frauen vor unter hinter der Kamera beschäftigte.

Es ist das berührende Porträt einer Frau, die auf der Suche nach dem Glück in kleinen Schritten Veränderungen in ihrem Leben zulässt. Yoshiko ist um die 40 und lebt allein. Ihre Stimme aus dem Off erzählt sie von den kleinen Dingen ihres Alltags. In manchen Momenten scheint sie sich selbst zu genügen, in anderen wirkt sie zutiefst einsam. In vielen kleinen, wunderbaren Szenen, die von den Tagebucheinträgen begleitet werden, lernt man sie als einen nach innen gekehrten, liebevollen Menschen kennen und erfährt von ihrem tiefen Bedauern, nie Mutter geworden zu sein. Dann verspürt Yoshiko allmählich den Wunsch nach Veränderung und lässt ihre fröhliche Kollegin Wakabayashi und den mehr als 20 Jahre jüngeren Okamoto in ihr Leben.

MY SWEET GRAPPA RAMEDIES ist ein poetisches Werk, melancholisch und doch von einer gewissen Leichtigkeit, das von seinem feinen Humor, seiner wundervollen Hauptdarstellerin und den schönen, um sie arrangierten Bildern lebt.

Zum Filmblog „Nippon Connetction: Ein kleiner Blick ins Festivalprogramm“

ÊXTASE (Ecstasy, BR/US 2020, R: Moara Passoni)
LUCAS – Internationales Festival für junge Filmfans, September 2020

Der LUCAS-Gewinnerfilm ÊXTASE war der mit Abstand experimentellste Film im Wettbewerb 16+ | Youngsters und zugleich der Film, der wohl am stärksten nach der großen Leinwand verlangte.

Der Film, ein assoziatives Essay zwischen Dokumentation und Fiktion, ist das Debüt der in New York lebenden, brasilianischen Filmemacherin Moara Passoni. Im Mittelpunkt steht eine namenlos bleibende Protagonistin, deren Stimme als Voice-over den 80-minütigen Bilderrausch begleitet. In diesem vereinen sich inszenierte und dokumentarisch wirkende Szenen, historische Nachrichtenbilder und Fotos. Zu sehen sind Stationen einer Biografie, die sich jedoch nur am Rande des Blickfeldes abzuspielen scheinen. Im Fokus steht die lebensbedrohliche Essstörung, die zu jeder Zeit Gedanken und Gefühle der Erzählenden beherrscht.

Die faszinierenden Bilder erzählen von Leid und Weiblichkeit, von Körperbildern, Schönheitsidealen, sozialem Druck und gesellschaftlichen Tabus, wobei der Film die Themen am Individuum und zugleich mit universeller Gültigkeit verhandelt. Er verzichtet dabei auf erwartbare Bilder und auf Dialoge. Überwältigend wird so der Eindruck von Einsamkeit im Angesicht der Krankheit, der die Protagonistin ganz allein ausgeliefert ist. Ein mutiger, außergewöhnlich inszenierter Film, herausfordernd, erschütternd und unbedingt sehenswert.

Zum Filmblog „LUCAS-Nachlese: BABYTEETH, L’AGNELLO, ÊXTASE“

NEVER RARELY SOMETIMES ALWAYS (Niemals Selten Manchmal Immer, US 2020, R: Eliza Hittman)
Sundance Film Festival, Januar 2020 / Berlinale, Februar 2020 / LUCAS – Internationales Festival für junge Filmfans, September 2020

Bei der 43. Ausgabe des LUCAS-Festivals drehte sich in der Sektion 16+ | Youngsters alles um starke, junge Frauen, ihre Suche nach dem eigenen Weg und ihren Kampf für ein selbstbestimmtes Leben. So auch NEVER RARELY SOMETIMES ALWAYS, der am 1. Oktober in den deutschen Kinos startete.

Die 17-jährige Autumn (großartig gespielt von Sidney Flanigan, die ihr Debüt als Schauspielerin gibt) ist schwanger. Sie will kein Kind, doch für einen Schwangerschaftsabbruch braucht sie in Pennsylvania als Minderjährige die Zustimmung der Eltern. So macht sie sich mit ihrer Cousine Skylar, die dafür kurzerhand einige Dollar aus der Supermarktkasse gestohlen hat, auf den Weg nach New York, um den Eingriff vornehmen zu lassen.

Der unsentimental und zugleich einfühlsam erzählte Film zeichnet nicht nur den beschwerlichen und schmerzhaften Prozess eines Schwangerschaftsabbruchs nach, sondern verhandelt auch die Zumutungen des Alltags, mit denen die beiden jungen Frauen konfrontiert sind: Wo sie auch sind, sind sie männlichen Blicken und Übergriffigkeiten ausgesetzt. Dennoch verurteilt der Film nicht. In einem fast dokumentarischen Stil erzählt er, stets ganz nah an seiner Protagonistin, von der Verbundenheit der beiden jungen Frauen und ihren Strategien, mit den Widrigkeiten der Welt umzugehen.

Zur ausführlichen Filmkritik „LUCAS-Nachlese: Never Rarely Sometimes Always“

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