Festivalblog: Die 66. Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen online

Von Naima Wagner

Vor drei Wochen verkündeten die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen, dass die 66. Ausgabe des Festivals mit rund 350 Filmen online gehen wird. Diskussionen und Gespräche mit Filmemacher/innen sollen das Filmstreaming-Angebot ergänzen und tägliche DJ-Sets für abendliche Feierlaune in den eigenen vier Wänden sorgen. Die Eröffnung am 13. Mai um 19:30 Uhr und die Preisverleihung am 18. Mai um 19:30 Uhr sind über die Website der Kurzfilmtage für alle Online-Besucher/innen frei zugänglich. Für das übrige Programm wird ein Festivalpass (9,99 Euro) benötigt.

Das Programm

Zum Programm gehören neben den fünf Wettbewerben – dem internationalen, dem deutschen, dem NRW- und dem Kinder- und Jugendfilm-Wettbewerb sowie dem Wettbewerb um den MuVi-Preis für das beste deutsche Musikvideo – viele weitere Sektionen. In den „Profilen“ stellen die Kurzfilmtage die Filmemacher/innen Susannah Gent (Großbritannien), Philbert Aimé Mbabazi Sharangabo (Ruanda/Schweiz) und Maya Schweizer (Deutschland) vor, deren Arbeit sich mit der kurzen Form beschäftigt. In der Sektion, die der Archivierung und Restaurierung von experimentellen Filmen gewidmet ist, stellen das St. Peterburger Cyland Video Archive und die Warschauer Fundacja Arton ihre Arbeit vor.

Drei neue Programmreihen feiern ihre Premiere online. Im Documentary Spotlight zeigen europäische Filmfestivals ein Best of ihrer Beiträge, in diesem Jahr DocLisboa und das kosovarische Dokufest. Der Länderfokus, der neuere Kurzfilmproduktionen eines europäischen Landes vorführt, nimmt Portugal in den Blick. In der Reihe „Das Goethe-Institut präsentiert“, in der jedes Jahr eines der deutschen Auslandsinstitute die Kultur- und Kurzfilmszene seines Gastgeberlandes vorstellt, macht das Goethe-Institut in Nairobi mit der Präsentation des Kollektivs The Nest den Anfang.

Die Online-Ausgabe

Aufgrund der Coronakrise sind die Filme erstmals nicht im Festivalkino, dem Lichtburg Filmpalast in Oberhausen, zu sehen, sondern online. „Als Ausnahmelösung in einer Ausnahmesituation ist es eine hervorragende Lösung“, schrieb die taz. Im Interview mit der FAZ erklärte Festivalleiter Lars Henrik Gass: „Die Option, einfach den Stecker zu ziehen, bestand für uns nicht. Wir waren einfach neugierig auf das Risiko und sahen uns auch in der Verantwortung für die Filmemacherinnen und Filmemacher“. Das freut all diejenigen, die trotz oder gerade wegen der aktuellen Situation nicht auf die Kurzfilmtage verzichten wollen – und auch diejenigen, die die Veranstaltung normalerweise nicht besuchen können. „Wir möchten ein ganz neues Publikum erreichen“, so Gass. Überlegungen im Hinblick auf Streaming bestanden schon vor der Krise, die dann eine schnelle Umsetzung verlangte. Tatsächlich wirkt die Plattform, über die man die Filme nach dem Erwerb des Festivalpasses aufrufen kann, übersichtlich und angenehm in der Bedienung. Der Festivalpass ist mit 9,99 Euro erstaunlich günstig. „Das ist ein symbolischer Preis und auch ein ironischer Preis, denn er bezieht sich auf die Preisgestaltung der einschlägig bekannten Streaming-Plattformen“, so Gass im Interview.

Festivalblog

13. Mai, 1. Festivaltag: Eröffnung & Jugendfilm-Wettbewerb 16+

Der Abend naht, die Vorfreude wächst – wenn auch nur die Vorfreude auf einen Filmabend auf der Couch. Dann ist es endlich 19:30 Uhr und die Eröffnung beginnt: Das Bild des leeren Kinosaals und die Stimme des Moderators Peter G. Dirmeier empfängt die Online-Festivalbesucher/innen. Vor der Tür des Kinos stehend begrüßt der Oberhausener Oberbürgermeister Daniel Schranz, gefolgt von dem vor dem Hintergrund des leeren Kinos sprechenden Staatssekretär Klaus Kaiser vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft NRW, bei dessen Vortrag man sich doch ein klein wenig mehr Euphorie gewünscht hätte. Danach stimmt der etwas enigmatische filmische Beitrag des Festivalleiters höchstpersönlich auf das Festivalprogramm ein. Kurz vor dessen Ende ist zu lesen: „Failure is not the worst thing to fear under these circumstances.“ Die rund 300 Zuschauer/innen, die die Eröffnung live verfolgen, lernen in kurzen Statements einige Mitglieder des Festivalteams kennen, bevor der Moderator zum Abschluss den beinah zu erwartenden Home-Office-bezogenen Gag liefert und in Oben-hui-unten-pfui-Outfit auf seiner Couch Platz nimmt.

Dann geht’s gut gelaunt los – sollte es zumindest. Denn prompt ist der Zugriff auf die Streaming-Plattform nicht möglich, auf der von 20 Uhr an für 48 Stunden die ersten Programme – Internationaler Wettbewerb I, Deutscher Wettbewerb I, Jugendfilm-Wettbewerb 16+ sowie das Programm mit Preisträger-Filmen anderer Festivals – freigeschaltet sein sollten. „It seems our Festival Hub is down, very embarrassing right at the start“, schreibt das Kurzfilmtage-Team auf seiner Facebook-Seite und man fühlt mit. „Have you tried turning it off and on again?“, scherzt ein Nutzer und auch sonst scheint das Online-Publikum frohen Mutes zu bleiben. Man übt sich in Geduld – und dem Versuch, den Zustand der vorfreudigen Aufregung aufrechtzuerhalten – und gegen 22:30 Uhr ist es schließlich soweit: Der Festival Hub ist wieder erreichbar!

Nun bleibt nur noch Zeit für ein Programm und die Wahl fällt auf den Jugendfilm-Wettbewerb 16+. Mit 39 Filmen aus 25 Ländern geht die beliebte Kinder- und Jugendfilm-Sektion online an den Start.

Den Anfang macht CHRISTY (IR 2019, R: Brendan Canty): Der Schulabbrecher Christy hat ein Bewerbungsgespräch für einen Job auf dem Bau und macht sich auf den Weg, aufgeregt, mit knallroter Bomberjacke über dem gebügelten Hemd, den von seinem Bruder erstellten Lebenslauf in der Hand. Der Film balanciert großartig zwischen der Heiterkeit des jugendlichen Protagonisten und seiner scherzenden Kumpels und dem Schwermut einer geahnten Perspektivlosigkeit eines jungen Menschen ohne Ausbildung in der irischen Kleinstadt.

Auch WAN RU YAN HUO (Like Fireworks, TW 2019, R: Ting-wei Chang) hat einen wunderbar melancholischen Unterton: Der taiwanesische Film, der zwei Freundinnen auf einem Streifzug durch die abendliche Stadt begleitet, lässt einem mit dem bittersüßen Gefühl eines schönen Sommertages zurück, der so nie wieder kommen wird. Die eine wird bald die Universität besuchen und eine Frage hängt wie eine dunkle Wolke über den beiden: Werden sie in zehn Jahren immernoch beste Freundinnen sein?

DUNGAREES (GB 2019, R: Abel Rubinstein) erzählt intim und fröhlich zugleich einen Moment im Leben eines jungen Paares – Blake, Transgender und Cane, Cisgender. Auch TURNING (GB 2019, R: Linnéa Haviland), der kürzeste Beitrag, findet – allerdings sehr experimentelle, teils Animation und Found Footage kombininierende – Bilder für die Erfahrungen mit Sexualität und der Suche nach Identität junger Menschen. Im anschließenden Filmgespräch via Zoom berichtet die Filmemacherin von dem kreativen Produktionsprozess des Filmes. Beim Zusehen bemerkt man: Man hat sich in den letzten Wochen an den leicht untersichtigen und unscharfen Anblick von Gesprächspartner/innen gewöhnt.

Der Animationsfilm FREEZE FRAME (DE 2019, R: Soetkin Verstegen) präsentiert eine völlig andere Geschichte und rückt dabei vor allem den Ton in den Vordergrund: Unter dem Knirschen und Knacken des Eises versuchen Arbeiter, Eisblöcke zu konservieren, während im Inneren der Blöcke Tiere zu rätselhaftem Leben erwachen.

Der abstrakte SOUS LA CANOPÉE (Under the Canopy, FR 2019, R: Bastien Dupriez) zeigt eine andere, spannende Facette der kurzen Form: Ähnlich wie Norman McLarens und Evelyn Lambarts Experimentalfilm BEGONE DULL CARE von 1949, zeigt er direkt auf analoges Filmmaterial gemalte und gekratzte Formen und Muster, die eine bemerkenswerte Symbiose mit der Musik eingehen.

Der letzte und längste Beitrag, der thailändische Debütfilm I’M NOT YOUR F***ING STEREOTYPE (TH 2019, R: Hesome Chemamah), setzt seine Protagonistin in den Fokus – und das ganz buchstäblich. In einem auf einen kreisrunden Auschnitt beschränkten Bildausschnitt verfolgt man den Alltag von Maryam. Die streng muslimisch erzogene Jugendliche, die ein Hidschab trägt, kommt an eine neue Schule und ist mit allerlei Vorurteilen und Stereotypen konfrontiert, die sie schließlich zu einer radikalen Entscheidung bewegen. Im anschließenden Filmgespräch spricht der Regisseur über die Idee zu seinem Film, die aus der eigenen Erfahrung geboren wurde: Der aus dem mehrheitlich muslimischen Süden Thailands stammende Chemamah kam für das Studium nach Bangkok.

Ein toller Auftakt für die diesjährigen Kurzfilmtage! Auf uns warten noch sechs weitere Festivaltage, vollgepackt mit allem, was man sich nur auf der Leinwand – oder dem Monitor – wünschen kann.

14. Mai, 2. Festivaltag: Internationaler Wettbewerb 3

Der Eindruck, der vom dritten Programm des internationalen Wettbewerbs bleibt, ist vor allem der des Kontrasts. In den insgesamt rund 85 Filmminuten staunt man über die Vielfalt der Möglichkeiten des Bewegtbildes: Zufällig entstandene Aufnahmen wilder Tiere in Borneo, Straßenszenen in Manila, Panoramen kanadischer Landschaften, ein zahnärztlicher Eingriff in Schwarz-Weiß, ein kolumbisches Gangstarap-Musikvideo, dokumentarische Schilderungen von Arbeitsbedingungen und ein Wasserexperiment zwischen Animation, Puppenspiel und Realfilm.

Zu Beginn des Programms wird schmerzlich bewusst, was dem Zuschauenden des Online-Festivals fehlt: die vollständige Konzentration auf den Film und die Abwesenheit aller denkbaren Ablenkungen, die völlige Hingabe bei der Betrachtung der blickfeldausfüllenden Bilder auf der Kinoleinwand. Der erste Film, CAMERA TRAP (MY 2019, R: Chris Chong Chan Fui), beginnt mit einer Schwarz-Weiß-Collage aus Stadtfotografien und von Edward Muybridge chronofotografisch erzeugten Tierbildern. Dann sind wilde Tiere zu sehen, die in Fotofallen im Regenwald Borneos gegangen und mit erschrockenem oder gar feindselig wirkendem Antlitz auf Fotos gebannt sind. Ein experimenteller Einstieg!

Der effektvollste Kontrast besteht sicher zwischen HEAVY METAL DETOX (AU 2019, R: Josef Dabernig), der mit eleganten Schwarz-Weiß-Bildern und überhöhend wirkender Orgelmusik wortlos die Entfernung von Zahnfüllungen des Regisseurs selbst begleitet, und PLATA O PLOMO (CO 2019, R: Nadia Granados), der Stereotypen der Männlichkeit, der Rapmusik und der häufig mit Gewalt und Drogengeschäften assoziierten kolumbianischen Gesellschaft in Gestalt eines Musikvideos vorführt.

Das Highlight des Programms ist zweifellos: der Kurzfilm NEVER LOOK AT THE SUN (FR 2019) des kongolesisch-belgischen Hip-Hop-Künstlers und Filmemachers Baloji, der bei den Kurzfilmtagen mit ZOMBIES (BE/CD 2019) im letzten Jahr den Hauptpreis gewann. ZOMBIES erzählt mit eindrucksvollen Bildern Kinshasas und pulsierender Tanzmusik von unserer untrennbar gewordenen Beziehung zu Handy und Social Media. Der diesjährige Beitrag ist nicht nur wieder unglaublich stylisch (im Abspann wird das „Glam Team“ und diverse Modemarken genannt), sondern verbindet auch erneut atemberaubende Bilder mit eindringlicher Musik, sodass man sich zeitweise in einem Musikvideo glaubt. In NEVER LOOK AT THE SUN (FR 2019), der auch den Titel DEFINE BEAUTY trägt, geht es um (schwarze) Hautfarbe, um Schönheit, um Stärke. Der fünfminütige Film beginnt mit den Bildern einer Frau in einem Badezimmer, die Off-Stimme spricht die ersten Zeilen eines Gedichts: „We are told that you should never look at the Sun. It’s beauty of furious violence of light, beyond our meagre abilities“. Ein „aus Schwierigkeiten geborener Triumph“, so nannte die Jury den Vorgänger ZOMBIES in ihrer Urteilsbegründung 2019 – das trifft wohl auch auf NEVER LOOK AT THE SUN zu.

15. Mai, 3. Festivaltag: Documentary Spotlight – Dokufest

Documentary Spotlight ist eine der neuen Sektionen der Kurzfilmtage, die nun online ihre Premiere feiert. Zwei europäische Filmfestivals, in diesem Jahr das Dokumentarfilmfestival DocLisboa in Lissabon und das Dokumentar- und Kurzfilmfestival DokuFest in Prizren, Kosovo, wurden eingeladen, ihre interessantesten Dokumentarfilme zu präsentieren.

DokuFest, das größte Filmfestival im Kosovo, präsentiert in Kinos und improvisierten Vorführorten in Prizren, der zweitgrößten Stadt und einem kulturellen Zentrum im Kosovo, jährlich mehr als 200 Filme aus der ganzen Welt. Dokumentarische Fotoausstellungen, Diskussionen, Master Classes und Musikveranstaltungen begleiten das neuntägige Festival.

Das von dem Gründer und künstlerischen Direktor des DokuFests Veton Nurkollari kuratierte Programm bei den Kurzfilmtagen umfasst fünf dokumentarische Arbeiten, die die Möglichkeiten der dokumentarischen Form ausloten.

Der erste Film NË MES (In Between, XK 2019, R: Samir Karahoda), der auch Teil des diesjährigen Festivalprogramms von goEast ist, erzählt von Familien im Kosovo, die über viele Länder verstreut leben und, als Zeichen ihrer Zusammengehörigkeit und eines gerecht aufgeteilten Vermögens, identische Häuser bauen. Ein auf traurige Weise rührendes Porträt.

STACIONI (Station, XK 2017, R: Leart Rama) ist den Menschen gewidmet, die in der bergigen Gegend rund um den Fierza-See, dem größten Stausee Albaniens leben, deren einziges Transportmittel eine Fähre ist. Schweigsam verfolgt er das kleine Boot und die ein- und aussteigenden Menschen.

In I SIGNED THE PETITION (GB/DE/CH 2018, R: Mahdi Fleifel) steht dagegen ein Dialog im Mittelpunkt: Zwei Freunde sprechen am Telefon über die Entscheidung des einen, die Petition zu unterschreiben, in der die Band Radiohead gebeten wird, nicht in Israel aufzutreten, während der Zuschauende Bilder aus dem Inneren einer Wohnung sieht.

INTERREGNUM präsentiert Archivmaterial von Beerdigungen kommunistischer Diktatoren. Zu sehen sind große Versammlungen und lange Trauermärsche, im Wechsel mit Nahaufnahmen trauernder Menschen, alles unterlegt von einem bedrückenden Sound.

Der abschließende Film FARPÕES BALDIOS (Barbs, Wastelands, PT 2017, R: Marta Mateus), den der Programmkurator einleitend einen der besten Kurzfilme der letzten Jahre nannte, erzählt mit eindrucksvollen, sorgfältig inszenierten Bildern und Szenen von der Geschichte und dem Alltag der Landarbeiter in Portugal.

Gerade in diesem letzten Beitrag kommen die Möglichkeiten der dokumentarischen Form zum Ausdruck, die auch mit fiktiven Elementen arbeiten und spannende, hybride Filme hervorbringen kann. Dennoch freut man sich nach rund 80 Filmminuten, in denen man kein lächelndes Gesicht gesehen hat, auf ein paar fröhlichere Filme – wie in dem Familienprogramm, dem Kinderfilm-Wettbewerb 3+.

16. Mai, 4. Festivaltag: Kinderfilm-Wettbewerb 3+

Wie sieht Festivalkino für die Allerjüngsten aus? Für junge Filmliebhaber/innen eignet sich die kurze Form grundsätzlich schon mal sehr gut: Die geringe Länge – bei den Kurzfilmtagen ist sie auf maximal 35 Minuten beschränkt – erhöht die Chance, dass es für die Dauer eines Films gelingt, dass die Kleinen auf dem Kinosessel sitzen bleiben und ihre Augen auf die Leinwand richten. Ob das den Kurzfilmen dieses Jahr auch im Heimkino gelingt? Kurzfilme erzählen zudem ihre Geschichte oft verdichtet, sie lassen Nebensächliches weg und konzentrieren sich ganz auf eine Idee – und diese erreicht, ob sie nun inhaltlicher oder formaler Natur ist, auch die aufmerksamen jungen Zuschauer/innen.

Für Kinder von drei Jahren an präsentieren die Kurzfilmtage innerhalb des Kinder- und Jugendfilm-Wettbewerbs das etwa halbstündige Programm 3+. Wie jedes Jahr gelingt es dem Festival, ein abwechslungsreiches Programm für die ganze Familie zusammenzustellen, dass nicht nur die Jüngsten unterhält.

Der entzückend animierte DER KLEINE VOGEL UND DIE BIENEN (CH 2020, R: Lena von Döhren) erzählt von einem neugierigen Vogel, einer kugelrunden, brummenden Biene und einem hungrigen Wolf. Im anschließenden Filmgespräch erfährt der Zuschauende nicht nur, dass es sich bereits um das vierte Abenteuer des kleinen Vogels handelt, sondern auch, dass der vierminütige Film etwa ein Jahr Arbeit gefordert hat.

Es folgt der nepalesische Film JUNU KO JUTTA (The Shoe of a Little Girl, NP 2019, R: Kedar Shrestha), der die fünfjährige Junu begleitet. Sie steht auf, wäscht sich, kleidet sich an und schlüpft in ihre Schuhe – und wann immer sie das tut, sitzt der rechte Schuh am linken Fuß und der linke Schuh am rechten Fuß. Der Film lässt sich ganz auf die Perspektive des Mädchens ein: Der Zuschauende sieht zu, wie sie selbst ihren Alltag gestaltet, wie sie Dinge tut, die ihr Spaß machen und Probleme, die ihr täglich begegnen, zu lösen versucht. Dem Regisseur, der seine Arbeit als Theaterregisseur in Nepal begann, war ebendies besonders wichtig, wie man im Filmgespräch erfährt. Ein herzerwärmender kleiner Film, der nicht nur aufgrund der bezaubernden kleinen Protagonistin ein Favorit im Kinderprogramm der Kurzfilmtage bleibt!

Der nur zweieinhalbminütige ČUOJANASAT (Instruments!, NO 2019, R: Ann Holmgren) wirkt dagegen erst einmal ziemlich schräg: Nacheinander werden verschiedene, von einer verkleideten Person in einer Schneekugel gespielte Instrumente vorgestellt, wobei sich zwischen den Instrumenten das Bild jedes Mal kaleidoskopartig auflöst. Skurril und etwas überdreht wirkt der Film, dessen interessanter Aspekt sich erst im Filmgespräch erschließt: Es handelt sich um samische Vokabeln, also Wörter in einer Sprache, die im Norden Skandinaviens von etwa 24 000 Menschen, darunter auch die aus Norwegen stammende Regisseurin, gesprochen wird.

Der französische Animationsfilm CŒUR FONDANT (Melting Heart Cake, FR 2019, R: Benoît Chieux) schließt das Programm ab. Er erzählt von einem Maulwurfsmädchen, das einem Freund einen Geburtstagskuchen vorbeibringen möchte und sich dazu in einen Wald wagt, in dem es, so warnt ihre Weggefährtin, die Spinne, einen bärtigen Riesen geben soll. Dieser stellt sich als völlig ungefährlich heraus: In seinem gewaltigen Bart gewährt er den Waldtieren Unterschlupf. Dass es plötzlich zu einer wilden Party in einem Bart kommt, ist eine etwas seltsame, auf jeden Fall unerwartete Wendung in der Geschichte des Films, dessen Machart (bei der Animation kommen verschiedene Materialien wie Filz, Knöpfe, Papier zum Einsatz) ebenfalls etwas gewöhnungsbedürftig ist – eine Einschätzung, die die Jury der ECFA (European Children’s Film Association) offenbar nicht teilt, die den Film für den ECFA Short Film Award nominiert hat.

17. Mai, 5. Festivaltag: MuVi International

Seit mehr als zwanzig Jahren zeigen die Kurzfilmtage eine Auswahl visuell außergewöhnlicher Musikvideos. Mit dem MuVi-Preis für das beste deutsche Musikvideo, für den aktuelle Musikvideos mit in Deutschland ansässiger Regie oder Produktion nominiert werden, präsentieren sie den weltweit ersten Festivalpreis für Musikvideos.

Auch MuVi International präsentiert Entdeckungen in diesem Genre, das sich durch eine besondere Verbindung von Bild und Ton auszeichnet. Nicht alle Musikvideos, die die große visuelle Freiheit kreativ nutzen, vermitteln den tieferen Sinn ihres Liedes, manche lassen den Zuschauenden auch mit einem großen Fragezeichen zurück – Faszination und Irritation liegen hier nah beieinander. Eine kleine Auswahl.

„Turn it up, we giving a show / But can you rock it like rocket fuel?“ ROCKET FUEL (UK/UA, R: Sam Pilling) von DJ Shadow und dem Hip-Hop-Duo De La Soul imaginiert die ersten Schritte auf dem Mond als wüste Prügelei. Houston dreht durch uns selbst Stanley Kubrick hinter der Kamera ist machtlos. Ein grandioses Musikvideo, dem es gelingt, seinen Song zur vollen Wirkung zu verhelfen und dabei großartig zu unterhalten.

TROUBLE IN PARADISE (CA 2019, R: Mia Donovan) des Singer-Songwriters Rufus Wainwright schlägt ruhigere Töne an und erzählt in Gestalt einer an die Vogue-Chefredakteurin Anna Wintour angelehnte Kunstfigur von dem Drang, ein Bild seiner selbst zu erschaffen: „There’s always trouble in paradise / Don’t matter if you’re good or bad or mean or awfully nice.“

AIR BNB (US 2019, R: Kim Gordon)  von Sonic-Youth-Sängerin Kim Gordon macht aus der Not eine Tugend: Für ein Musikvideo fehlte das Budget, so liest der Zuschauende, deshalb erscheint das, was eigentlich passiert wäre, Zeile für Zeile auf dem schwarzen Bild. Tatsächlich folgt man den Beschreibungen gebannt und nimmt das Lied und seinen Text erstaunlich fokussiert wahr. Nicht visuell überwältigend, dafür originell!

FIRE IS COMING (GB 2019, R: Steven Ellison, David Firth)  von Flying Lotus und Regisseur David Lynch lässt einen dagegen völlig ratlos zurück. Man sieht in Tierfelle gekleidete Kinder in einer Wohnung, hinein kommt ein Wolf im Rollstuhl, der das Maul öffnet und das Gesicht von David Lynch erscheinen lässt. Lynch spricht, wie so oft, in Rätseln und lässt einen mit der Frage zurück: Was habe ich da gerade gesehen? An das Lied selbst erinnert man sich kaum.

Zwischen Faszination und Irritation bewegt sich auch I SPENT TOO MUCH TIME OUTSIDE (US 2019, R: Steffen Jørgensen, Will Benedict, LabelLower Floor Music) von Wolf Eyes, einer experimentellen US-amerikanischen Musikgruppe. Zu sehen sind Bilder seltsamer Wesen zwischen menschlicher, tierischer und außerirdischer Lebensform, die dem STAR-WARS-Universum entstiegen zu sein scheinen, eines tanzenden Balletttänzers, sich öffnender Blüten und surrealer Landschaften. Sinnstiftung scheint auch hier nicht oberste Priorität zu haben.

Bei VERY NOISE (FR 2020, R:  Meat Dept.) von Igorrr, einem Projekt des französischen Musikers Gautier Serre, gesellen sich beim Zuschauenden zu den Empfindungen von Faszination und Irritation noch ein Anflug von Ekel und das Bedürfnis zu lachen hinzu. Das Video versucht, Berichte von Herzinfarktpatienten in Bilder zu übersetzen – und das sieht wild aus: Ein fleischartig aussehendes, rasant tanzendes Wesen, ein wahnwitzig Motorrad fahrender älterer Herr, ein über der Stadt schwebendes, riesiges Gehirn. Nach zweieinhalb Minuten ist die Bewegtbild gewordene Neurose vorbei.

18. Mai, 6. Festivaltag: Preisverleihung

Am Abend des 18. Mai 2020 gingen die 66. Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen zu Ende.

Mit dem Großen Preis der Stadt Oberhausen im internationalen Wettbewerb wurde A MONTH OF SINGLE FRAMES der US-amerikanischen Filmemacherin Lynne Sachs ausgezeichnet. Die Arbeit, die, so die Jury, „die edelste Funktion der Kunst erfüllt, nämlich zwischen Menschen […] eine emotionale Verbindung herzustellen“, erhielt den wichtigsten Preis der Kurzfilmtage „für die Fähigkeit, Poesie und Komplexität in einfachen Dingen zu finden, für seine tiefe Liebe zum Leben und zu den Menschen“. Infos zu allen prämierten Filmen sowie die Jurybegründungen finden sich auf der Website der Kurzfilmtage.

Die Preisträger-Filme stehen noch bis Mittwoch, 9 Uhr über den Festival Hub zur Verfügung. Bis dann können Kurzfilmfans auch noch mit Lieblingsfilmen des Kurzfilmtage-Teams aus dem diesjährigen Programm Abschied nehmen.

Danke…

für sechs tolle Festivaltage! Wenn auch nicht im Kino, so haben wir doch magische Filmmomente erlebt, waren fasziniert und bewegt, irritiert und amüsiert, wurden zum Nachdenken angeregt und nicht zuletzt großartig unterhalten.

Zuschauer/innen in knapp 100 Ländern, so teilte das Festival mit, sahen die Festivalfilme online. Mehr als 2.500 Festivalpässe in rund 60 Länder wurden verkauft. Es scheint, als sei das Vorhaben geglückt, mit der Online-Ausgabe ein neues Publikum erreichen, das Festivalleiter Gass im Interview mit der FAZ formuliert hatte. Zwar steht dieser Erfolg im Vergleich zu den rund 18.000 Eintritten, die die Kurzfilmtage 2019 verzeichnen konnten, wohl in keinem angemessenen Verhältnis zu der Arbeit des Festival-Teams. Doch gab dieses Jahr, in dem alles anders ist, dem Team die Gelegenheit, wertvolle Erfahrungen zu sammeln, aus denen es in den kommenden Jahren im Hinblick auf die Frage nach einer Erweiterung des Festivals ins Digitale schöpfen können wird.

Wir freuen uns auf die 67. Internationalen Kurzfilmtage im Frühling 2021. Wir sehen uns in Oberhausen!

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