LUCAS-Nachlese: NEVER RARELY SOMETIMES ALWAYS

Von Naima Wagner

Bei der 43. Ausgabe des LUCAS-Festivals drehte sich in der Sektion 16+ | Youngsters alles um starke, junge Frauen, ihre Suche nach dem eigenen Weg und ihren Kampf für ein selbstbestimmtes Leben.

So auch in NEVER RARELY SOMETIMES ALWAYS (Niemals Selten Manchmal Immer, US 2020, R: Eliza Hittman), ein Film, über den bereits Anfang des Jahres viel gesprochen wurde, nachdem er im Januar beim Sundance Film Festival seine Premiere feierte und im Februar im Berlinale-Wettbewerb gezeigt und mit dem Silbernen Bären prämiert wurde. Gestern, am 1. Oktober, startete der Film in den deutschen Kinos.

Die 17-jährige Autumn (großartig gespielt von Sidney Flanigan, die ihr Debüt als Schauspielerin gibt) ist schwanger. Sie will kein Kind, doch für einen Schwangerschaftsabbruch braucht sie in Pennsylvania als Minderjährige die Zustimmung der Eltern. So macht sie sich mit ihrer Cousine Skylar, die dafür kurzerhand einige Dollar aus der Supermarktkasse gestohlen hat, auf den Weg nach New York, um den Eingriff vornehmen zu lassen.

Die gerade stattfindenden Debatten in den USA verleihen dem Film besondere Aktualität. Während Konservative schon länger ein schärferes Abtreibungsrecht fordern, könnte sich nun auch der Supreme Court in dieser Frage neu positionieren, wenn die von US-Präsident Trump nominierte Konservative Juristin Amy Coney Barrett, eine erklärte Abtreibungsgegnerin, zur Nachfolgerin der jüngst verstorbenen liberalen Richterin Ruth Bader Ginsburg wird und so auf viele Jahre eine konservative Mehrheit am höchsten Gericht der USA sichern würde.

Der Film begleitet seine junge Protagonistin auf einem schwierigen Weg. Schwierig ist dabei nicht so sehr die Entscheidung für den Schwangerschaftsabbruch, denn diese trifft Autumn ohne zu zögern: Sie ist nicht bereit, Mutter zu sein – das steht fest. Ihre Frage nach einem Abbruch beantwortet die Frauenärztin milde lächelnd mit einem Video, das Schwangerschaftsabbruch zum Mord erklärt.

Wieder zu Hause, kramt Autumn eine Sicherheitsnadel hervor und pierct sich die Nase, wie um sich und der Welt zu beweisen, dass sie allein über ihren Körper entscheidet. Ihrer Cousine Skylar, die wie Autumn in einem Supermarkt arbeitet, gefällt das neue Piercing.

Mit einem riesigen Koffer, der im Laufe der Reise immer schwerer zu werden scheint, machen sich Autumn und Skylar schließlich auf den Weg nach New York – eine schier endlose Reise in die fremde Großstadt, in der die Gesetze liberaler sind. Die Regisseurin, selbst New Yorkerin, zeichnet ein trostloses Bild der Metropole, in der sich die jungen Frauen die Nächte um die Ohren schlagen, weil das Geld nicht für ein Hotel reicht.

Der Film erzählt nicht nur von dem beschwerlichen und schmerzhaften Prozess eines Schwangerschaftsabbruchs – von der Entscheidung bis zum eigentlichen Eingriff –, sondern verhandelt auch die Zumutungen des Alltags, mit denen die beiden jungen Frauen konfrontiert sind. Wo sie auch sind, sind sie männlichen Blicken und Übergriffigkeiten ausgesetzt.

Auch wenn der Film zuspitzt, beschreibt er doch Bekanntes: ein unangemessener Spruch an der Supermarktkasse, eine ungewollte Hand auf dem Oberschenkel – Momente, wie sie die meisten Frauen schon einmal erlebt haben. Dennoch verurteilt der Film nicht. In einem fast dokumentarischen Stil erzählt er von der Verbundenheit der beiden jungen Frauen und ihren Strategien, mit den Widrigkeiten der Welt umzugehen.

Wie seine schweigsame Protagonistin verliert auch der Film nicht viele Worte und deutet vieles nur an. Die Frage nach dem Vater bleibt offen, mehr noch, sie wird gar nicht gestellt. Denn die Geschichte dreht sich ganz um Autumn, deren Verletzlichkeit, verborgen hinter einer verschlossenen Miene, in der so sensibel wie eindringlich erzählten titelgebenden Szene schließlich offenbar wird.

Hier kommt auch die Kameraarbeit zu ihrem Höhepunkt: Kamerafrau Hélène Louvart gelingt es, stets ganz nah an der Protagonistin zu bleiben. Sie porträtierte schon bei Hittmans letztem Spielfilm BEACH RATS (US 2017) einen jungen Menschen in einer schwierigen Lebenslage und dokumentierte mit poetischen Bildern prekäre Lebensverhältnisse, Vergnügungssucht und Einsamkeit. Wie BEACH RATS erzählt auch NEVER RARELY SOMETIMES ALWAYS von Themen, die eines unsentimentalen und zugleich einfühlsamen Blickes bedürfen. Es ist zweifellos einer der Kinofilme, die man dieses Jahr gesehen haben sollte.

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