Jackie Chan – Silent Comedy auf Kantonesisch

Von Antonio Mariani

Lässt sich kantonesischer Humor mit US-amerikanischem Stummfilm verbinden? Klingt haarsträubend, doch im Kino von Jackie Chan, wo die Schwerkraft aufgehoben wird, Grenzen des menschlichen Körpers überwunden werden, ist auch diese Kombination möglich.

Der Tod Bruce Lees im Jahr 1973 hinterließ eine große Lücke in der Filmindustrie. Jackie Chan gehörte damals zu den vielen aufstrebenden Schauspielern in Hongkong, die sich mit anonymen, schnell heruntergekurbelten Filmen durchschlugen. Damals galt Jackie Chan als Kassengift, das Publikum mochte ihn zunächst nicht besonders. Doch Produzent Ng See-Yuen, Geschäftsführer von Seasonal Films, erkannte Jackies außergewöhnliche Präsenz. Er besetzte ihn in der Hauptrolle des Films DIE SCHLANGE IM SCHATTEN DES ADLERS (HK 1978, R: Yuen Woo-Ping), der Filmfans weltweit noch heute begeistert. Von da an wollten die Kinogänger/innen mehr von Jackie sehen. Allerdings erwies sich der Erfolg als nicht konstant. Also wandte Jackie sich an Leonard Ho von Golden Harvest und trug ihm seine Idee vor: Ein ambitionierter, aufwendiger Film, ein neues Szenario, weg vom China des 18. Jahrhunderts, weg von den Duellen vor dem Hintergrund des Konflikts zwischen Ching- und Ming-Dynastie. Diesmal sollte das Hongkong zu Beginn des 19. Jahrhunderts zum Leben erweckt werden. Die Kampfkunst trat ein wenig zurück, um organischer Teil einer Geschichte zu werden, in der Humor und Stunts betont wurden. Die Formel ging auf: Mit DER SUPERFIGHTER (1983) erzielte die Firma einen völlig unvorhersehbaren Rekord an den Kinokassen. Und das mit einem Film ohne Green Screen, ohne Spezialeffekte und ohne kaschierende Schnitttechniken.

Der wichtigste Lehrmeister für Jackie Chan war übrigens Buster Keaton. Die berühmtesten Szenen in Jackies Filmen sind häufig Hommagen an das US-amerikanische Kino. Erfolgreich bediente Jackie Chan sich auch der Collage der Genres Verwechslungskomödie (in bester Howard Hawks Tradition) und dem Actionfilm. Akrobatische Meisterleistungen kombiniert Jackie Chan mit harten Kämpfen, die durch Witz gedämpft werden.

In einer Sequenz des Films PROJECT A (Der Superfighter) schafft er es sogar, gleich allen Meistern der silent comedy die Ehre zu erweisen: Buster Keaton (THREE AGES Drei Zeitalter, US 1923, R: Edward F. Cline, Buster Keaton), Harold Lloyd (SAFETY LAST! Ausgerechnet Wolkenkratzer!, US 1923, R: Fred C. Newmeyer, Sam Taylor) und Charlie Chaplin (MODERN TIMES Moderne Zeiten, US 1936, R: Charles Chaplin). Dies gelingt ihm mit dem herausragenden Stunt am Kowloon-Canton Railway Uhrenturm. Jackie klettert auf die Spitze eines Fahnenmasts vor dem Turm und springt von dort durch ein Fenster ins Innere des Uhrwerks, dessen Zahnräder sogar auch noch Teil einer Kampfchoreographie werden (Chaplin lässt grüßen!). Um seinen Verfolgern zu entkommen, klettert er über das Dach wieder nach draußen, wird gestoßen und muss sich an den Zeigern der Uhr festhalten. Der ursprüngliche Einfall mit der Uhr aus dem Lloyd-Film „Ausgerechnet Wolkenkratzer!“ des Jahres 1923 ist nicht weniger beachtlich und bescherte jenem den Titel „King of Daredevil Comedy“. Für Lloyds Version des Stunts schöpfte das Team das Maximum der technischen Möglichkeiten von damals aus. Einige Sequenzen wurden in großer Höhe mit einer Sicherheitsplattform gedreht. Gefilmt wurde von verschiedenen Dächern, aus mehreren Winkeln, mit dem Ziel, die überwältigendsten Bilder des Stunts einzufangen.

Um überzeugend zu sein, musste der Stunt direkt vor der Kamera stattfinden, ohne Montage, davon war Jackie Chan wie Lloyd und Keaton, überzeugt. Jackie berichtete, dass er große Angst davor hatte, den Stunt auszuführen. Er schlug vor, dass er solange am Zeiger hängen würde, wie seine Kraft es zuließ und er sich einfach nicht mehr halten konnte. Der Fall aus 20 Metern Höhe sollte von Markisen, die an der Wand angebracht waren, gebremst werden. Während der ersten Probe stellte man fest, dass Jackie nicht schwer genug war, um den Stoff zu durchbrechen. Er würde abprallen und auf dem Boden hart aufschlagen. Also schlitzten die Set-Leute die Markisen in der Mitte auf und nähten sie mit dünnem Faden wieder zu. Sieben Tage lang probte er, bevor er es wagte. Im Nachhinein fragt man sich als Kinogast, ob diese lebensgefährlichen Sequenzen wirklich unverzichtbar waren? Jedenfalls macht es Lust, sich mal wieder einer Epoche des US-Kinos zu nähern, die ein wenig aus dem Blick geraten ist: Die 1920er und 1930er Jahre mit den Meistern Keaton, Lloyd und Chaplin.

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