Blick zurück auf… Julius Neubronner

Von Kristina Rose

Als das Kino noch in den Kinderschuhen steckte, entwickelte der Kronberger Apotheker Julius Neubronner eine besondere Faszination für Film und Fotografie. Bereits 1903 erwarb er seine erste Kamera. Er dokumentierte Paraden und Umzüge, das alltägliche Leben in Kronberg und Umgebung, sein Familienleben sowie kleine Sketche. Im Filmarchiv des DFF werden viele seiner Filme und Fragmente bewahrt und können als Digitalisate, etwa auf filmportal.de online erkundet werden.
Diese Filme sind nicht nur deshalb faszinierend, weil sie aus der Frühzeit des Films stammen und ein einzigartiges, bewegtes Zeitdokument der Region darstellen. Sie sind es auch, weil sie das Besondere so selbstverständlich mit dem Alltäglichen verbinden, wie es nur der Amateurfilm kann. Heute ist die bildliche Dokumentation des Alltags für jede/n selbstverständlich. Auf Handys und Festplatten verwahrt beinahe jede/r unzählige Fotos und Videos von Familienfeiern, Partys, den Kindern und Enkelkindern, Events oder Konzerten. Auf Instagram und anderen Plattformen tummeln sich ganze Tierscharen. Zu sehen, dass ein Kronberger Apotheker genau dasselbe vor mehr als einhundert Jahren tat – wenn auch mit ganz anderen Mitteln – ist ungeheuer interessant.
Auch in Neubronners Filmen sind viele Tiere (insbesondere Dackel!), tanzende Menschen und Leute, die für die Kamera gerne zeigen (wollen), was sie so können, zu sehen. In diversen Filmen über das Eislaufen, Schlitten- oder Skifahren führen die Protagonist/innen immer wieder kleine Tricks und Kunsttücke vor – wie diese Herren:

oder diese eleganten Eisläufer/innen

In Heuernte (DE 19??, R: Julius Neubronner) toben die kleinen Jungen wild in den Heubergen herum, während die Erwachsenen hinter ihnen die Ernte auf einen Pferdekarren verladen. Dieser Film verbindet auf sehr schöne Weise das Alltägliche der landwirtschaftlichen Arbeit mit dem Besonderen, nämlich der Anwesenheit einer Kamera.

Hier ist ein bedeutender Unterschied zum heutigen Umgang mit Film- und Video im Alltag festzustellen. Dass diese Ereignisse und Momente in Kronberg damals mit einer Kamera festgehalten wurden, war und ist etwas Besonderes. In seinem Aufsatz „The Cinema of Attractions. Early Film, Its Spectator ans the Avant Garde“ erörtert der Filmhistoriker Tom Gunning genau diesen Umstand. In vielen frühen Filmproduktionen ist einerseits „die Inszenierung des Spektakels“ dem Plot untergeordnet. Andererseits war das Kino selbst die Attraktion und anstelle der Filme wurden oft die technischen Gerätschaften, die sie in die Welt brachten, beworben. Die Kinoaufführung eines Films selbst wird Tom Gunning zufolge so zum einmaligen Spektakel.

Auch der direkte Blick der Protagonist/innen in die Kamera, welcher heute ein Fehltritt ist, sofern er nicht bewusst als Stilmittel eingesetzt wird, ist in frühen Filmproduktionen häufig zu finden. Die Kontaktaufnahme mit den Kinobesucher/innen sei Zeichen eines Kinos, das die fiktive Welt vor der Kamera aufbreche.

Am deutlichsten wird dies in Neubronners szenischen Filmen, die auf einer Bühne in seinem Garten inszeniert wurden. Filmtricks ermöglichen magische und fantastische Elemente, wie in  Julius Neubronner zaubert (DE 1904, R: Julius Neubronner). Ganz bewusst blickt der Hauptdarsteller während seiner Vorführung immer wieder zum imaginerten Publikum.

Aber es gibt auch die Menschen in seinen dokumentarischen Filmen, die gerade vor der Kamera bei einem Eislaufkunststück hingefallen sind und sich mit dem Blick Richtung Kameralinse etwas beschämt bewusst werden, dass dies alles aufgezeichnet wurde. Oder jene, die einfach nur interessiert die Kamera anschauen. Sie alle setzen uns an die Stelle des Apothekers hinter der Kamera und sehen heute uns im Kino an. Und wir blicken mit ebenso viel Neugier zurück.
Mehr Informationen zu Julius Neubronner und eine Übersicht seiner Filme gibt es auf filmportal.de.

Quelle der Zitate: Tom Gunning: „Das Kino der Attraktionen. Das frühe Kino, seine Zuschauer und die Avantgarde“, in: Meteor, No. 4, 1996

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