Von hier

Filme als Archive der Migrationsgesellschaft

Filmarchive schreiben Geschichte. Aber wessen Geschichte und für wen? Die Filmreihe Von hier nimmt das 60-jährige Jubiläum des Anwerbeabkommens zwischen der Türkei und der Bundesrepublik Deutschland zum Anlass, mit 12 Filmprogrammen die Wechselbeziehungen zwischen Filmproduktion, Archivierung und migratorischen Bewegungen zu untersuchen.

Filme wie Kenan Ormanlars GASTARBEITER AUS DER TÜRKEI, King Ampaws THEY CALL IT LOVE, Bogdan Žižićs in Frankfurt gedrehte Werke NICHT HINAUSLEHNEN und GASTARBAJTER oder EMPFÄNGER UNBEKANNT von Sohrab Shahid Saless stellen Klischeebilder von Fremde und Zugehörigkeit ebenso infrage wie etablierte Kategorisierungen deutscher Filmgeschichte. Zu den Wiederentdeckungen der Reihe gehören der Kurzfilm BLACK IS BLACK von King Ampaw sowie einige Arbeiten, die Želimir Žilnik 1974 und 1975 in der BRD gedreht hat und die hier nun seit Langem wieder zu sehen sind. Aktuelle Filme wie Aysun Bademsoys SPUREN – DIE OPFER DES NSU oder die Kollektivarbeit DUNKELFELD schlagen eine Brücke in die Gegenwart, eröffnen einen Blick auf rassistische Genealogien in Deutschland und fordern dazu auf, diese zu überwinden.

Ein Doppelprogramm und zwei Diskussionsveranstaltungen laden dazu ein, mit verschiedenen Akteur:innen über Archivierung und Zugänglichmachung, Erinnerung und Musealisierung zu diskutieren. Mareike Bernien und Merle Kröger stellen in der Reihe ihr Archiv-Projekt „Die fünfte Wand“ zur NDR-Redakteurin und Moderatorin Navina Sundaram vor.

Die von Tobias Hering (freier Kurator) und Björn Schmitt (DFF) kuratierte Reihe gibt Einblick in die Vielfältigkeit der Perspektiven und eröffnet so einen Diskussionsraum, in dem Ambivalenzen ausgehalten werden können. Die einzelnen Filme des Programms deuten dabei auf eine Grundkonstellation heutiger Gesellschaften hin, die es wertzuschätzen und zu verteidigen gilt.

Gefördert vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst und im Programm 360° – Fonds für Kulturen der neuen Stadtgesellschaft der Kulturstiftung des Bundes

In Kooperation mit

    Logo: Remake Frankfurter Frauen Filmtage

360° - Fonds für Kulturen der neuen Stadtgesellschaft

Bitte beachten Sie folgende Hinweise:

Donnerstag  09.09.2021

20:00 Uhr

NE NAGINJI SE VAN

Nicht hinauslehnen
Jugoslawien 1977. R: Bogdan Žižić. D: Ivo Gregurević, Fabijan Šovagović, Mira Banjac. 104 Min. 35mm. DF (DEFA-Fassung)
Vorfilm: GASTARBEITER TRUMBETAŠ
Jugoslawien 1977. R: Bogdan Žižić. Dokumentarfilm. 16 Min. Digital
Filmreihe: Von hier
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Der im April dieses Jahres verstorbene Bogdan Žižić drehte 1977 zwei Filme in Frankfurt, die auf sehr unterschiedliche Weise vom Leben der jugoslawischen „Gastarbeiter:innen" handeln. Der Spielfilm NE NAGINJI SE VAN erzählt die Geschichte eines jungen Kroaten, der sich vom prahlerischen Auftreten eines nach Deutschland ausgewanderten Nachbarn beeindrucken lässt und beschließt, sein Glück als „Gastarbeiter" zu versuchen. Er kommt nach Frankfurt, wo er zwar rasch in die jugoslawische Community integriert wird, aber auch ebenso schnell seine Illusionen über das vermeintliche Paradies Deutschland verliert. Während NICHT HINAUSLEHNEN in der BRD offenbar nicht in die Kinos kam, wurde er in der DDR in einer von der DEFA hergestellten deutschen Fassung 1980 im Fernsehen gezeigt und auch im Kino ausgewertet. Gezeigt wird diese film- und zeitgeschichtlich interessante Fassung, die neben der synchronisierten Spur auch den Originalton enthält und so die verschiedenen im Film gesprochenen Dialekte weiterhin hörbar belässt. Den Kroaten Drago Trumbetaš, der 1966 als Industriearbeiter nach Frankfurt gekommen war und später als Grafiker, Maler und Illustrator bekannt wurde, stellt der kurze Dokumentarfilm GASTARBAJTER vor, der als Vorfilm zu sehen ist.

Freitag  10.09.2021

20:15 Uhr

THEY CALL IT LOVE

BR Deutschland 1970, R: King Ampaw. D: William Donald Powell, Michael Gahr, Brigitte Harrer. 70 Min. DCP
Vorfilm: BLACK IS BLACK
BRD 1968. R: King Ampaw. 12 Min. Digital
Einführung: Tobias Hering
Filmreihe: Von hier
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Nach der Unabhängigkeit Ghanas war King Ampaw 1962 zunächst in die befreundete DDR gekommen, wo er ein Regiestudium an der Filmhochschule in Babelsberg begann. Nach einem Militärputsch kündigte Ghana jedoch seine Ausbildungsverträge mit sozialistischen Ländern. Ampaw wechselte an die Wiener Akademie für Musik und Darstellende Kunst, wo es eine Filmklasse gab und er sich mit Wolf Vostell und Rainer Werner Fassbinder anfreundete. Als in München 1966 die erste Filmhochschule in der BRD gegründet wurde, bewarben sich Ampaw und Fassbinder - letzterer bekanntlich erfolglos, King Ampaw wurde in die erste Regieklasse aufgenommen. Sein Abschlussfilm THEY CALL IT LOVE dürfte (nach Ibrahim Shaddads JAGDPARTIE, DDR 1964) der zweite Spielfilm gewesen sein, den ein Filmemacher afrikanischer Herkunft in Deutschland gedreht hat. Protagonist des Films ist ein amerikanischer Ex-GI, der sich als Bluesmusiker in einer Münchner Hotelbar verdingt. Bereits Ampaws zuvor entstandener Kurzfilm BLACK IS BLACK ging von ähnlichen persönlichen Erfahrungen aus. Nach dem Abschluss des Studiums arbeitete Ampaw noch einige Jahre für Film- und Fernsehproduktionen in Deutschland und ging 1977 nach Ghana zurück, wo er eine eigene Produktionsfirma gründete.

Samstag  11.09.2021

18:00 Uhr

DIE FÜNFTE WAND

Projektvorstellung und Diskussion
Zu Gast: Merle Kröger, Mareike Bernien
Filmreihe: Von hier
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Navina Sundaram war bei ihrem ersten TV-Auftritt im NDR im Jahr 1964 eine Sensation: Eine Inderin im deutschen Fernsehen? Als politische Redakteurin und Auslandskorrespondentin? Unvorstellbar! – Wie lesen sich 50 Jahre bundesdeutsche Zeitgeschichte mit den Augen einer Frau, die sich in einer von Männern und Mehrheitsgesellschaft dominierten Welt Sichtbarkeit im doppelten Sinne erkämpfen musste? Seit 2017 recherchieren Merle Kröger und Mareike Bernien zu den Filmen, Reportagen und Magazinbeiträgen, die Navina Sundaram für den NDR gedreht hat. Gemeinsam mit der Filmemacherin haben sie sich um die Zugänglichmachung und Restaurierung des öffentlich-rechtlich archivierten Materials bemüht. Das Projekt mit dem Titel „Die fünfte Wand" hat sein Ziel erreicht: Merle Kröger und Mareike Bernien werden die kürzlich gelaunchte Online-Plattform vorstellen, die Navina Sundarams TV-Beiträge als vollständigen Werkkomplex vorstellt und öffentlich zugänglich macht. In der mittellangen Reportage DARSHAN SINGH WILL IN LEVERKUSEN BLEIBEN geht es um die heute kaum mehr erinnerte Odyssee der aus Uganda vertriebenen Inder, die Anfang der 1980er Jahre in der BRD politisches Asyl beantragten. Navina Sundaram gelingt es hier, dem Fernsehpublikum vorbei an Stereotypen und Vorurteilen eine hochkomplexe politische Situation zu vermitteln und dabei als eigene Stimme in einer laufenden Debatte hörbar zu bleiben.

Sonntag  12.09.2021

15:00 Uhr

GEDENKEN / ARCHIV I

Filmarchive der Migrationsgesellschaft I
Kurzfilmprogramm und Diskussion
Gäste: Merle Kröger, Mareike Bernien, Moderation: Gaby Babić
u.a. mit:
GASTARBEITER AUS DER TÜRKEI
BR Deutschland 1969. R: Kenan Ormanlar. Dokumentarfilm. 12 Min. Digital
WIR SIND SINTIKINDER UND KEINE ZIGEUNER
BR Deutschland 1981. R: Katrin Seybold, Melanie Spitta. 16mm. 21 Min
ICH BIN EIN KANAKE
Deutschland 1991. R: Thomas Draeger 16mm. 28 Min
Filmreihe: Von hier
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Eine Auswahl aus verschiedenen Archiven repräsentiert den heterogenen Filmbestand, auf den man bei der Recherche zum „Thema Migration" typischerweise stößt: Lehrfilme, Fernsehreportagen, unabhängig oder im Auftrag von karitativen Organisationen produzierte Aufklärungsfilme; teils paternalistische Darstellungen, die einem „Reden über" verhaftet sind, aber auch Filme, die Machtkonstellationen und Autorenschaften kritisch hinterfragen oder ironisch zu brechen versuchen. Das Programm spannt einen zeitgeschichtlichen Bogen von Kenan Ormanlars GASTARBEITER AUS DER TÜRKEI, der als der erste von einem türkischen Filmemacher in Deutschland gedrehte Film über Arbeitsmigration gilt, hin zu Thomas Draegers ICH BIN EIN KANAKE, in dem sich der vielleicht 13-jährige Michel in eine ihm fremde Welt verirrt: Berlin-Kreuzberg, 1990. Zeitlich dazwischen liegen drei Filme, die mit unterschiedlichen Strategien versuchen, denjenigen „eine Stimme zu geben", die als Fremde oder der Dominanzgesellschaft Abtrünnige diskriminiert werden.

In Kooperation mit Kinothek Asta Nielsen

18:00 Uhr

GEDENKEN / ARCHIV II

Filmarchive der Migrationsgesellschaft II
Kurzfilmprogramm und Diskussion
Gäste: Merle Kröger, Mareike Bernien, Cana Bilir-Meier (online), Moderation: Gaby Babić
SEMRA ERTAN
Österreich/Deutschland 2013 R: Cana Bilir-Meier. 7 Min. Digital
THIS MAKES ME WANT TO PREDICT THE PAST
Deutschland/Österreich 2019 R: Cana Bilir-Meier. 16 Min. Digital
DUNKELFELD
Deutschland 2020 R: Marian Mayland, Patrick Lohse, Ole-Kristian Heyer. 17 Min. DCP
TIEFENSCHÄRFE
Deutschland 2017 R: Mareike Bernien, Alex Gerbaulet. 14 Min. DCP
Filmreihe: Von hier
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Der zweite Teil dieses dem Filmarchiv gewidmeten Abends stellt vier zeitgenössische künstlerische Arbeiten vor, die rassistischer Gewalt filmisch und diskursiv entgegentreten. Insofern es hierin auch um Möglichkeiten kollektiven Gedenkens geht, kommen sie dabei zu neuen Archivbegriffen und -praktiken. In SEMRA ERTAN konfrontiert sich Cana Bilir-Meier mit der Selbsttötung ihrer Tante, der Dichterin Semra Ertan, die sich 1982 in Hamburg aus Protest gegen Ausländerfeindlichkeit in der BRD öffentlich in Brand setzte. Auch in dem sechs Jahre später entstandenen THIS MAKES ME WANT TO PREDICT THE PAST folgt die Filmemacherin einer biografischen Spur: Der Film greift das Theaterprojekt Düsler Ülkesi (Land der Träume) auf, an dem ihre Mutter 1982 in München mitwirkte und das einen Generationendialog zwischen türkischen Migrant:innen inszenierte. TIEFENSCHÄRFE führt an Tatorte des NSU in Nürnberg, an denen von den Taten kaum mehr etwas zeugt, dafür aber der Kampf des Gedenkens gegen das Verleugnen bereits Spuren hinterlässt. DUNKELFELD entstand nach der um Jahrzehnte verspäteten Aufklärung eines rassistischen Anschlags in Duisburg als Teil eines von einem breiten Netzwerk getragenen Revisions- und Gedenkprozesses.

In Kooperation mitKinothek Asta Nielsen

Dienstag  14.09.2021

20:30 Uhr

DIESE SPONTANE ARBEITSNIEDERLEGUNG WAR NICHT GEPLANT

BR Deutschland 1982. R: Yüksel Ugurlu, Thomas Giefer, Karl Baumgartner. 42 Min, Beta-SP.
Vorfilm: ALAMANYA, ALAMANYA – GERMANIA, GERMANIA
BR Deutschland 1979. R: Hans Andreas Guttner. 24 Min. 35mm
Zu Gast: Yüksel Ugurlu, Thomas Giefer
Filmreihe: Von hier
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In DIESE SPONTANE ARBEITSNIEDERLEGUNG WAR NICHT GEPLANT blicken Yüksel Ugurlu, Thomas Giefer und Karl Baumgartner neun Jahre nach einem „Wilden Streik“, der in der Mehrheit von türkischen Arbeiter:innen bei Ford in Köln getragen wurde, zurück auf die Ereignisse und ihre Folgen. Archivmaterialien und Gespräche mit ehemaligen Streikenden zeigen dabei einerseits, mit welcher Härte die Betriebsleitung und Ordnungskräfte gegen die Proteste im Jahr 1973 vorgingen – kurz vor dem von der Bundesrepublik ausgerufenen „Anwerbestopp“. Andererseits nimmt DIESE SPONTANE ARBEITSNIEDERLEGUNG WAR NICHT GEPLANT aber auch verschiedene Formen der Solidarisierung in den Blick und macht deutlich, welche Energien sowie Potenziale durch das Ereignis freigelegt wurden. Hans A. Guttners 1979 in Oberhausen prämierter Kurzfilm ALAMANYA, ALAMANYA – GERMANIA, GERMANIA verbindet lyrische Erfahrungscollagen und Statements von Arbeitsmigrant:innen mit assoziativen Beobachtungen der Reise, Arbeit und Wohnungssituation. Sowohl in ALAMANYA, ALAMANYA als auch in BANDSTRASSE wird die Frage, wer für wen spricht, implizit oder explizit thematisiert – im Fall von Hans A. Guttners Film ist sie zudem ein Teil der Aufführungsgeschichte des Films, der im Nachgang seiner Premiere in Oberhausen kontrovers diskutiert wurde: „Die Filmbewertungsstelle (verweigerte) dem Film ein Prädikat mit der Behauptung, diese Texte seien von mir geschrieben worden, da Migranten sich niemals so ausdrücken könnten. Als ich nachwies, dass die Texte wirklich von Migranten stammten, gab es gleich ein BESONDERS WERTVOLL.“ (Hans A. Guttner)

In Kooperation mit Internationale Kurzfilmtage Oberhausen

Mittwoch  15.09.2021

18:00 Uhr

EKMEK PARASI

Geld fürs Brot
Deutschland 1994, R: Serap Berrakkarasu, Gisela Tuchtenhagen. Dokumentarfilm. 100 Min. DCP
Einführung: Gaby Babić
Filmreihe: Von hier
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„Das Gemüse kommt aus dem Garten hinterm Haus, der Fisch kommt aus der Dose und das Geld fürs Brot aus der Fabrik. Dieses Geldes wegen kamen sie her. Frauen aus der Türkei, Frauen aus Mecklenburg – gemeinsam stehen sie am Fließband einer Lübecker Fischfabrik. Braungefärbte Hände, penetrant haftender Fischgeruch, schmerzende Arme und Rücken. Würde diese Arbeit von Männern gemacht, wäre sie längst schon automatisiert. Aber Frauenarbeit ist billig, und die Frauen beklagen sich nicht. Sie haben gelernt zu arbeiten, und das ist auch ihr Stolz.“ (Katalog der Nordischen Filmtage Lübeck 1994) „Es ist Serap Berrakkarasu gelungen, ein Vertrauensverhältnis herzustellen, weil sie sich den Frauen mit Gefühl und großem Interesse nähert – und weil sie ihre Sprache spricht. EKMEK PARASI – GELD FÜRS BROT ist ein Film in deutscher und türkischer Sprache. Auch daraus bezieht er seinen Reiz und seine Authentizität. Typische Frauenarbeit war immer kommunikativ. Es ist das Verdienst von Serap Berakkarasu und Gisela Tuchtenhagen, diese Kommunikation aufgenommen und in ihrer Direktheit und Spontaneität für den Film bewahrt zu haben. Am Ende werden die Filmemacherinnen von den Frauen in der Fischfabrik verabschiedet wie Kolleginnen: Ein schönes Wochenende!“ (Linde Fröhlich)

Eine Vorführung in Kooperation mit Remake. Frankfurter Frauen Film Tage. Das Festival wird von der Kinothek Asta Nielsen veranstaltet und findet vom 23.–28.11.2021 statt. „, … weil nur zählt, was Geld einbringt‘ – Frauen, Arbeit und Film“ ist das Schwerpunktthema der dritten Festivalausgabe. Remake On Location erweitert das Festival um Vorführungen vor und nach den Festivaltagen.

Samstag  18.09.2021

15:30 Uhr

PODIUMSDISKUSSION: KINO, GESCHICHTE UND ARCHIVE DER MIGRATIONSGESELLSCHAFT

Zu Gast: Aurora Rodonò (Rautenstrauch-Joest-Museum Köln, freie Kulturarbeiterin und Dozentin) Ceren Türkmen (Soziologin, Initiative Duisburg 1984), Martha Prassiadou (Migrationsberatung, Diakonie Hessen), Christine Kopf (DFF)
Filmreihe: Von hier
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Eine Podiumsdiskussion soll mit Akteur:innen aus verschiedenen Feldern Fragen im Zusammenhang mit der Idee von Filmen als Archive der Migrationsgesellschaft aufgreifen und in einem breiteren Kontext diskutieren: Was gehört zur „deutschen“ Geschichte und wer legt dies fest? Wieso sind „migrantische“ Erinnerungen auch heute noch seltener Teil des kollektiven Gedächtnisses und warum bedarf es spezieller Jubiläen für ein Gedenken? Wie können sich Archive und Museen öffnen, um der Vergangenheit und Gegenwart der Gesellschaft Rechnung zu tragen, und wie sieht die konkrete Arbeit mit Initiativen und Gruppen aus?
Es diskutieren Aurora Rodonò (Rautenstrauch-Joest-Museum Köln, freie Kulturarbeiterin und Dozentin), Ceren Türkmen (Soziologin, Initiative Duisburg 1984), Martha Prassiadou (Migrationsberatung, Diakonie Hessen) und Christine Kopf (Leitung Filmbildung/Co-Leitung Strategische Entwicklung, DFF).

18:00 Uhr

EMPFÄNGER UNBEKANNT

BR Deutschland 1983. R: Sohrab Shadid Saless. 83 Min.
Zu Gast: Bert Schmidt
Filmreihe: Von hier
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Sohrab Shahid Saless studierte in den 1960er Jahren in Wien und Paris und wanderte 1974 aus politischen Gründen aus dem Iran in die BRD aus. Hier entstanden 13 Regiearbeiten, jede einzelne einem Produktions- und Fördersystem abgerungen, das ihm keine Geschenke zu machen gedachte: „Da ich ‚Aus‘-Länder bin, darf ich nicht produzieren. Ich muß einen Produzenten finden, der mir die Ehre erweist und mit mir arbeitet.“ (S. Saless).
Sein in Wiesbaden und Berlin gedrehter Film EMPFÄNGER UNBEKANNT, vom Regisseur angelegt als „Plädoyer gegen Fremdenhass“, erzählt von einer Frau, die ihre Familie verlässt und eine Beziehung mit einem türkischen Arbeitsmigranten beginnt. Die Reaktion ihres Mannes und des gesellschaftlichen Umfelds offenbaren eine beängstigende Kälte, die der Film mit einer allgemeineren Bestandsaufnahme der „deutschen“ Gesellschaft kurzschließt. Provokativ zeigt EMPFÄNGER UNBEKANNT unausgesprochene Kontinuitäten des Rassismus von der Zeit des Nationalsozialismus bis in die Gegenwart der BRD und scheint wenig Hoffnung für die als „Fremde“ ausgegrenzten Menschen zu haben. Zu Gast im DFF ist Bert Schmidt, der viele Jahre mit Saless zusammengearbeitet hat.

Dienstag  21.09.2021

18:00 Uhr

OYOYO / MAN SA YAY

OYOYO
DDR 1980. R: Chetna Vora. Dokumentarfilm. 45 Min. DCP
MAN SA YAY
Ich, deine Mutter

BR Deutschland/Senegal 1980. R: Safi Faye, D: Moussa J. Sarr, Yay Sokhna, Yvonne Nafi. 59 Min. Digital. DF
Filmreihe: Von hier
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Die Inderin Chetna Vora kam 1976 an die Filmhochschule Babelsberg und lernte dort ihren späteren Lebenspartner, den Filmemacher Lars Barthel kennen. Um das rebellische Paar bildete sich ein kreatives Umfeld, zu dem auch der Kameramann Thomas Plenert und die Cutterin Gudrun Plenert gehörten. In OYOYO erzählen Studierende aus Chile, Guinea-Bissau, der Mongolischen Sowjetrepublik, Kuba und Bulgarien in selten zu sehender Offenheit, was sie in die DDR geführt hat und wie sie sich ihre Zukunft vorstellen. Der Filmtitel bezieht sich auf ein kreolisches Lied, das von der Freiheit handelt und das die Gänge des Studentenwohnheims durchweht. Chetna Vora starb 1987 auf einer Indienreise. Die Senegalesin Safi Faye ist durch Jean Rouch zum Filmemachen gekommen. Nach einem Ethnologie-Studium in Paris behandelten ihre ersten, vom ZDF koproduzierten Filme das Leben bäuerlicher Gemeinschaften im Senegal. 1979 kam Faye für einen Video-Workshop an die Freie Universität Berlin und blieb anschließend mit einem daad-Stipendium in der Stadt. In dieser Zeit entstand der Spielfilm MAN SA YAY, der das Leben eines senegalesischen Studenten in Berlin schildert. Die regelmäßigen Briefe seiner Mutter konfrontieren ihn mit Erwartungen, die er kaum erfüllen kann.

Samstag  25.09.2021

20:15 Uhr

SPUREN - DIE OPFER DES NSU

Deutschland 2019. R: Aysun Bademsoy. Dokumentarfilm. 81 min. DCP
Zu Gast: Aysun Bademsoy (Online-Gespräch), Marie-Hélène Gutberlet
In Kooperation mit: deutsche fremde nachbarschaft
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Zwischen 2000 und 2007 wurden zehn Menschen durch die rechtsextreme Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) ermordet. Lange nach den Taten wurden die Ermittlungen hauptsächlich im Umfeld der Angehörigen der Ermordeten geführt und diese dadurch zu Opfern von Verdächtigungen sowie rassistischer Berichterstattung. Nach einem gescheiterten Bankraub und der sogenannten Selbstenttarnung des NSU begann im Jahr 2013 der Prozess gegen die Überlebende des Trios sowie vier mutmaßliche Helfer. Der Prozess endete 2018, von einem Abschluss kann bis heute keinesfalls die Rede sein. Aysun Bademsoys SPUREN – DIE OPFER DES NSU setzt oberflächlichen, reißerischen Haltungen und einem „Reden über“ genaue Beobachtungen und vor allem die Bereitschaft entgegen, den Familien und Freunden der Opfer zuzuhören. Ihr Dokumentarfilm blickt auf Spuren der Verbrechen, die die deutsche Gesellschaft bis heute durchziehen.
Im Anschluss an die Filmvorführung spricht Marie-Hélène Gutberlet, Professorin für Film and der Hochschule für Gestaltung in Offenbach, mit Aysun Bademsoy. Die Vorführung ist angelegt als Ausblick auf das Projekt deutsche fremde nachbarschaft, das im kommenden Jahr Screenings und andere Aktivitäten in und um Hanau entwickelt.

Sonntag  26.09.2021

18:00 Uhr

KURZFILMPROGRAMM ŽELIMIR ŽILNIK

USTANAK U JASKU Uprising in Yazak
Jugoslawien 1973. R: Želimir Žilnik. Dokumentarfilm. 18 Min. Digital
ANTRAG
BR Deutschland 1974. R: Želimir Žilnik. Dokumentarfilm. 10 Min. 16mm
INVENTUR METZSTRASSE
BR Deutschland 1975. R: Želimir Žilnik. Dokumentarfilm. 9 Min. Digital
HAUSORDNUNG
BR Deutschland 1975. R: Želimir Žilnik. Dokumentarfilm. 12 Min. 16mm
ÖFFENTLICHE HINRICHTUNG
BR Deutschland 1975/1997. R: Želimir Žilnik. Dokumentarfilm. 9 Min. Digital
ICH WEISS NICHT, WAS SOLL ES BEDEUTEN
BR Deutschland 1975. R: Želimir Žilnik. Dokumentarfilm. 10 Min. Digital Mit Videointerview: Želimir Žilnik
Filmreihe: Von hier
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Belegt mit einem Berufsverbot in Jugoslawien beschloss Želimir Žilnik Mitte der 1970er, für einige Jahre in München im Exil zu leben, wo er eine Reihe von Kurz- und Langfilmen realisieren konnte. Viele dieser Filme nehmen explizit, ironisch-trocken und bisweilen provokativ die Figur des „Gastarbeiters“ in den Blick, reflektieren aber ebenso unbestechlich kulturelle Spleens der westdeutschen Ordnungsgesellschaft. Ein Großteil von Žilniks Kurzfilmen aus seiner Zeit in der BRD wird nun erstmals als Ensemble präsentiert: Sie zeigen den Regisseur als hellsichtigen Beobachter transnationaler Bewegungen im Zuge von Vertragsarbeitsabkommen. Mit ÖFFENTLICHE HINRICHTUNG, der die mediale Darstellung und die Drastik der Polizeieinsätze gegen die RAF anhand einer Studie über Banküberfälle polemisch-kritisch analysiert hatte, stieß Žilnik wiederum auf eine Grenze des Sagbaren: Der Film wurde von der FSK mit einem Sendeverbot belegt und konnte erst 1997 uraufgeführt werden. Der Regisseur selbst wiederum wurde 1976 nach der Vorpremiere seines Langfilmes PARADIES: EINE IMPERIALISTISCHE TRAGIKOMÖDIE wegen eines Steuerdelikts (informell) des Landes verwiesen. Zum Auftakt setzt das Programm mit dem früheren Kurzfilm UPRISING IN YAZAK Žilniks Herangehensweise und thematischen Interessen in einen breiteren Kontext: Der Film zeigt die Bevölkerung eines kleinen Dorfs mit der für den Regisseur bekannten Verbindung von Empathie und ironischer Distanz, indem er die Bewohner:innen Widerstandsaktionen zur Zeit der deutschen Besatzung sowie Ereignisse nach 1944 nachspielen und über die Zeit erzählen lässt.

Dienstag  28.09.2021

18:00 Uhr

KURZFILMPROGRAMM: OUT OF PLACE

Berlin
BR Deutschland 1969, Irena Vrkljan, s/w, 16mm, 33 Min
Mitteleuropa
Deutschland 1978, Nicos Ligouris, Farbe, 16mm, 28 Min
ONUN HARICINDE; IYIYIM
Other Than That, I'm Fine

Deutschland 2020, Eren Aksu, Farbe, digital, 14 Min
"Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein." (Walter Benjamin)
Filmreihe: Von hier
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Das Programm „Out of Place" stellt drei Filme nebeneinander, die Stadträume –zweimal Berlin, einmal München – nach ihrer Geschichtlichkeit befragen: Welche Geschichte hat sich eingeschrieben, welche wird vorgezeigt, was ist unsichtbar geworden? In Jugoslawien war die damals 35-jährige Irena Vrkljan bereits eine viel gelesene Lyrikerin, als sie 1966 nach Berlin ging, um an der gerade gegründeten Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin (dffb) Regie zu studieren. Ihr Diplomfilm BERLIN verbindet Geschichten vom „Schattenberlin“ (so der Titel eines 1990 erschienenen Romans von ihr) und erinnert die Stadt an die Ruinen, auf denen sie sich ihre Zukunft baut. Nicos Ligouris' MITTELEUROPA, der Abschlussfilm des Regisseurs an der HFF München, portraitiert die bayerische Landeshauptstadt als eine typische mitteleuropäische Stadt: sorgsam gestaltet, ihrer selbst gewiss, mit Museen, in denen Geschichte beherbergt wird, die woanders begann, und Bauwerken, deren Stil geliehen ist. Ein scheinbar leichtfüßiges Stadtbild, in dem sich aber auch Abgründe auftun. Als eine von vielen jungen Türk:innen, die in den vergangenen Jahren nach Deutschland emigrierten, kommt Asli in OTHER THAN THAT I’M FINE nach Berlin. Sie bewirbt sich als Sprecherin für den türkischen Audioguide des Pergamon-Museums. Der Job konfrontiert sie mit archäologischen Exponaten, in denen sie ihr eigenes Hier- und nicht mehr Dortsein gespiegelt sieht.