Internationale Kurzfilmtage Oberhausen: zum zweiten Mal online

Von Naima Wagner

Mit erweitertem Programm gingen die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen in diesem Jahr zum zweiten Mal digital an den Start. Erneut muss das Festival auf die große Leinwand und den Lichtburg Filmpalast als Spielstätte verzichten und erneut macht es das Beste daraus: Vom 1. bis 10. Mai präsentiert das Festival in seiner 67. Ausgabe den Internationalen, Deutschen und NRW-Wettbewerb, den MuVi-Wettbewerb und den Kinder- und Jugendwettbewerb sowie weitere Programme mit insgesamt rund 400 Filmen auf seiner Festival-Plattform. Jeden Tag werden dort neue Programme online gestellt und sind dann jeweils 48 Stunden abrufbar.

Das Reden über Filme ist dabei wesentlicher Bestandteil des Programms: Anschließend an die gestreamten Filme sprechen Regisseur:innen in voraufgenommenen Statements über ihre Filme und geben oft erhellende Einblicke in die Werke. Darüber hinaus bietet das sogenannte Festival-Space als virtueller und für alle frei zugänglicher Treffpunkt die Möglichkeit, Filmschaffende und andere Kurzfilmbegeisterte zu treffen und ein Rahmenprogramm aus Diskussionen, Gesprächen und DJ-Sets zu erleben.

Ein Festivalpass – der mit 10 Euro sehr günstig ist – lohnt sich zweifellos auch jetzt noch: In den kommenden Tagen kommen weitere Programme hinzu, unter anderem das dem belgisch-kongolesischen Filmemacher Baloji gewidmete Profil und das Kinder- und Jugendkino 2021.

Kurzfilmtage digital: Für ein neues Publikum?

Ich persönlich habe die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen erst im vergangenen Jahr entdeckt – in ihrer digitalen Form. Natürlich hätte ich die Filme lieber im Kino gesehen, die Filmschaffenden lieber bei Gesprächen vor Ort kennengelernt, das Festival lieber als Kulturevent in der Stadt erlebt. Doch 2020 bot sich mir die Gelegenheit, das Festival vom Sofa aus kennenzulernen: Ich erkundete das Programm in meinem eigenen Tempo, schaute mal hier und mal da rein und blieb am Ende mit dem festen Vorsatz zurück: Nächstes Jahr fahre ich nach Oberhausen!

Ich bin sicher nicht die einzige, die in dem Jahr, in dem die Pandemie die Filmfestivals ins Netz zwang, neue Festivals entdeckte. Es scheint also, als ginge der von Festivalleiter Lars Henrik Gass 2020 formulierte Plan auf, mit einem digitalen Angebot ein neues Publikum zu erreichen. Der Vorsatz ist dennoch erneut gefasst: Nächstes Jahr fahre ich nach Oberhausen.

Deutscher MuVi-Preis

Das erweiterte MuVi-Programm bietet auch in diesem Jahr wieder einen spannenden Querschnitt durch die Kunst der Musikvideo-Produktion. Auch hier zeigen die Kurzfilmtage ihre Offenheit für unkonventionelle Formen und neue digitale Formate.

„Forever Corona“ von Oliver Polak mit Erobique (Deutschland 2020, R: Kay Otto)
© Kay Otto. Quelle: Internationale Kurzfilmtage Oberhausen

Ins Rennen um den MuVi Award geht auch das dreiminütige Video zu dem elektronischen Pop-Song „Forever Corona“ von Oliver Polak mit Erobique, in dem ein afghanischer Windhund bei einem Fotoshooting in einem Studio posiert. Während man sich bei seinem wallenden, glänzenden Haar an eine Model-Castingshow erinnert fühlt, muss man beim Anblick der treuen Hundeaugen doch herzlich lachen. Auch das Video zu „Junge Milliardäre“ von UWE, das einen expressiv tanzenden Elon Musk vor einer Spiegelwand zeigt, beweist: Humor ist in diesem Programm unverzichtbar.

Die eigentümliche Spannung des Kurzfilmprogramms wird hier auf die Spitze getrieben: Was kommt als Nächstes? Die Videos sind keine Werbung für ihre Songs, mitunter sind diese sogar schwer erträglich oder werfen die Frage auf: Ist das überhaupt ein Song? Doch das wird angesichts des visuellen Erlebnisses nebensächlich.

Profil: Werke des belgisch-kongolesischen Filmemachers Baloji

Die Kurzfilmtage sind seit vielen Jahren ein wichtiger Karriere-Startpunkt für Filmschaffende. Das bestätigte auch der belgisch-kongolesische Hip-Hop-Künstler und Filmemacher Baloji bei der Eröffnung: „I have a life before and after Oberhausen“. Ihm ist eines von vier Profilen gewidmet, in denen die Kurzfilmtage einzelne Filmschaffende vorstellen.

KANIAMA SHOW (Belgien/Demokratische Republik Kongo 2018, R: Baloji)
© Baloji, Quelle: Internationale Kurzfilmtage Oberhausen

Teil des Baloji gewidmeten Programms sind auch die Kurzfilme ZOMBIES, der 2019 den Hauptpreis gewann, und NEVER LOOK AT THE SUN. Während ZOMBIES mit eindrucksvollen Bildern der kongolesischen Hauptstadt Kinshasas und pulsierender Tanzmusik von der untrennbar gewordenen Beziehung zu Handy und Social Media erzählt, kreist der von einem Gedicht und einer weiblichen Perspektive ausgehende NEVER LOOK AT THE SUN mit Bildern von Schönheit und Stärke um das Thema Colorism. Außerdem sind die Kurzfilme KANIAMA SHOW und PEAU DE CHAGRIN / BLEU DE NUIT zu sehen.

Ab Freitag, 7. Mai, ist das Baloji-Profil zu sehen, am Samstag, 8. Mai, um 21 Uhr folgt ein live stattfindendes Q&A.

Highlight am Wochenende: Der Kinder- und Jugendwettbewerb

Am Mittwoch, 5. Mai, eröffneten die für den ECFA Short Film Award 2021 nominierten Filme das Kinder- und Jugendkino 2021. Ein besonderer Schatz ist der liebevoll gemachte, herzerwärmende Animationsfilm MATILDA IR ATSARGINÉ GALVA (Matilda and the Spare Head) des litauischen Regisseurs Ignas Meilunas. Matilda möchte das schlaueste Mädchen der Welt werden, doch irgendwann geht einfach nichts mehr in ihren Kopf. Ein Ersatzkopf muss her. Doch zwei Köpfe sorgen für reichlich Verwirrung.

Im Kinderprogramm sind 21 Filme zu sehen: Am Freitag, 7. Mai, um 9 Uhr startet der Wettbewerb 6+ und 10+, am Samstag folgen um 9 Uhr – neben dem Jugendfilmwettbewerb 12+ – die Programme ab 3+ und 8+. Im Jugendwettbewerb laufen insgesamt 19 Filme, die ersten ab Donnerstag, 6. Mai, um 20 Uhr.

Titelbild: Filmstill aus: KANIAMA SHOW (Belgien/Demokratische Republik Kongo 2018, R: Baloji), Profile 2021 © Baloji, Quelle: Internationale Kurzfilmtage Oberhausen

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