Japanisches Filmfestival Nippon Connection: Ein Blick ins On-Demand-Programm

Von Frauke Haß, Tobias Hüser, Sara Pinto

Nippon Connection, das weltweit größte Festival für japanisches Kino, fand im Sommer zum zweite Mal online statt. Unter dem Titel „Nippon Connection On Demand 2021: Replay!“ sind nun im November Highlights der diesjährigen Ausgabe erneut online zu sehen. Noch bis zum 30. November sind zehn aktuelle japanische Spiel- und Dokumentarfilme für jeweils fünf Euro deutschlandweit auf der Seite Watch.NipponConnection.com abrufbar. Das DFF-Redaktionsteam hat einen Blick ins das vielseitige Programm geworfen.

Frauke über:

BEYOND THE INFINITE TWO MINUTES (JP 2020, R: Junta YAMAGUCHI)

BEYOND THE INFINITE TWO MINUTES (Nippon Connection)

Als Cafébesitzer Kato in Junta Yamaguchis Film BEYOND THE INFINITE TWO MINUTES entdeckt, dass der Computer-Monitor in seiner Wohnung ihm die Zukunft – nämlich zwei Minuten später – zeigt und das Gegenstück in seinem Café die Vergangenheit, versetzt ihn das zunächst in helle Aufregung. Seine schnell herbeigerufenen Freunde erkennen sofort das Potenzial des „Time-TV“ und platzieren die beiden Monitore einander gegenüber, um so einen Vergangenheits-Zukunfts-Loop zu erzeugen, der ihnen erlaubt, immer weiter in die Zukunft zu schauen – und so einen persönlichen, womöglich pekuniären Vorteil zu erzielen. Das geht natürlich gründlich schief und Kato will schon sehr bald nicht mehr mitmachen beim hysterischen Treiben seiner Kumpel. Aber er kann sich nicht entziehen. Denn der Zukunfts-Monitor zeigt ihn immer wieder und am Ende sogar als Hauptfigur einer dramatischen Rettungsaktion. Die Zukunft hat Kato fest im Griff, und gerade das hat er doch schon immer am meisten gefürchtet. BEYOND THE INFINITE TWO MINUTES ist ein herrlich komödiantischer Blödsinn und stimmt nicht nur wegen seiner erfreulichen Kürze von 70 Minuten mehr als heiter.

Sara über:

AINU NENO AN AINU (JP 2019, R: Laura Liverani, Neo Sora)

AINU NENO AN AINU (Nippon Connection)

Der Dokumentarfilm AINU NENO AN AINU erzählt, mit Geschichten von Menschen aus Nibutani, vom Weiterbestehen der Ainu-Kultur. Es geht um die Suche dieser Menschen nach ihrer Identität und ihre Bemühungen, ihre Traditionen zu bewahren.

Die Ainu sind eine indigene Bevölkerungsgruppe Japans, die ursprünglich in Hokkaido im Norden Japans lebte. Während der Meiji-Ära (1868-1912) hat die Regierung die Kultur, die Sprache und die Traditionen der Ainu verboten und ihnen ihr Land weggenommen. Da die Ainu alles mündlich überlieferten, begann ihre Kultur allmählich zu verblassen. Heutzutage leben die Ainu vor allem in Nibutani. Heute gibt es nur noch wenige Menschen, die die Ainu-Sprache fließend sprechen. Der Dokumentarfilm zeigt, wie verschiedene Generationen die Sprache lernen, in Klassenzimmern oder über das Radio, mit Spielen oder Liedern. Jahrzehntelang war die Sprache stigmatisiert. So erklärt ein interviewter Ainu, dass seine Eltern nicht wollten, dass er die Sprache lerne, weil sie ihn nicht der Diskriminierung aussetzen wollten. Jetzt bereue er es, weil es nun zu spät sei, sie zu lernen.

Die Ainu berichten, dass sie auch heute noch Diskriminierung erfahren. Doch die Dinge ändern sich auch langsam: Gegenwärtig gibt es ein größeres Interesse an der Ainu-Kultur in Japan. Dazu trägt auch der Tourismus bei. Dieser Umstand wird unterschiedlich wahrgenommen: Während einige Leute das Verhältnis zum Tourismus stark kritisieren, meint ein junger Mann im Interview, dass ein Teil der heute noch bestehenden Ainu-Kultur dem Tourismus zu verdanken sei. Die Aufführung traditioneller Tänze und Zeremonien für Tourist:innen sei eine Möglichkeit, diese Rituale am Leben zu erhalten. In anderen Regionen, in denen sie aufgehört haben zu praktizieren, gebe es sie nicht mehr.

AINU NENO AN AINU ist ein sehenswerter Dokumentarfilm, der durch die Darstellung von Alltagssituationen ein schönes Porträt des Überlebenskampfes einer Kultur und der Menschen zeichnet, die ihr Leben der Aufgabe gewidmet haben, die Tradition lebendig zu halten und an zukünftige Generationen weiterzugeben.

Tobias über:

USHIKU (JP 2021, R: Thomas Ash)

USHIKU (Nippon Connection)

Seit Jahren wendet Japan eine strikte Einwanderungspolitik an. 2020 nahm das Land weniger als 50 Menschen auf. Die Anerkennungsquote liegt in den letzten zehn Jahren deutlich unter einem Prozent. Geflüchtete, die in Japan ankommen, werden in Einwanderungszentren festgehalten. In Ushiku, ganz in der Nähe der Hauptstadt Tokio, befindet sich eines dieser Internierungslager. In dem gleichnamigen Dokumentarfilm USHIKU (Japan 2021, R: Thomas Ash) liefert Thomas Ash erschreckende Einblicke in das Leben der Asylsuchenden, die bis zu fünf Jahre an diesem Ort gefangen gehalten werden.

Da er keine Dreherlaubnis erhalten hat, filmt Ash mit versteckter Kamera, interviewt Menschen unterschiedlichster Kulturen in gefängnisartigen Situationen. Sie berichten über ihre Fluchtgründe, woher sie kommen und weshalb sie Asyl in Japan suchen. Doch vielmehr geht es um ihre Situation in Ushiku. Die Verzweiflung steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Ihre Geschichten zeugen von Gewalt und Repression, von kafkaesken Verfahren der japanischen Rechtsprechung, die die Insassen in den Hungerstreik treibt, ihnen einen Funken Hoffnung gibt, wenn sie kurzzeitig das Gefängnis verlassen dürfen, um am Ende doch wieder dort zu landen, wo sie über Jahre hinweg bis zur Abschiebung zermürbt werden. Systematisch werden ihre Grundrechte ignoriert. Sie dürfen nicht arbeiten, es ist ihnen noch nicht einmal gestattet, Verwandte und Anwälte zu kontaktieren. Der Rest der Welt soll so wenig wie möglich von der unmenschlichen Behandlung mitbekommen.

Ash erzeugt ein unmittelbares Bild dieser grausamen Zustände. Die vielen Interviews und Telefonate schockieren und machen nachdenklich zugleich: Warum will Japan um keinen Preis der Welt ein Einwanderungsland sein? Im letzten Teil des Films zeigt der Dokumentarfilm die heuchlerische Rhetorik der verantwortlichen Politiker:innen. Er macht deutlich, dass mit einem Umdenken ihrerseits nicht gerechnet werden kann.