Gesicht der 20er Jahre und Kultfigur – Louise Brooks zum 115. Geburtstag

von Jens Kaufmann

Mary Louise Brooks, die am 14. November 1906 in Kansas geboren wurde, ist eine Ikone der Filmgeschichte, deren Ruhm im Wesentlichen auf einen klassischen Film zurückgeht, den heutzutage zwar viele noch kennen, den aber nur wenige wirklich einmal gesehen haben dürften – G.W. Pabsts Wedekind-Adaption DIE BÜCHSE DER PANDORA (DE 1929):

 

Ursprünglich eine ausgebildete Tänzerin, die sich später in einigen unbedeutenden US-Produktionen als Schauspielerin versuchte, fand Pabst in Brooks die Idealbesetzung für die gleichermaßen sinnliche wie unschuldige Femme Fatale Lulu.

In den folgenden Jahren versandete ihre Karriere jedoch schnell. Die freigeistige, belesene Brooks passte einfach nicht so recht nach Hollywood; ihre spätere, gute Freundin Lotte Eisner war mehr als nur erstaunt, als sie Louise 1929 in einer Drehpause Schopenhauer lesend im Stuhl sitzen sah:

 

Darüber hinaus hatte Brooks auch ein gutes Händchen für karrieretechnisch falsche Entscheidungen. Wer weiß, wie es für sie weitergegangen wäre, wenn sie anstelle von Jean Harlow in THE PUBLIC ENEMY (US 1931, R: Walter A. Wellman) nähere Bekanntschaft mit der berüchtigtsten Pampelmuse der Filmgeschichte gemacht hätte, aber Brooks lehnte die Rolle ab.

Ironischerweise hatte sie ihre letzte Rolle in dem miserablen B-Western OVERLAND STAGE RAIDERS (US 1938, R: George Sherman) an der Seite von John Wayne, dessen große Karriere im darauffolgenden Jahr beginnen sollte:

 

Sie zog sich in den folgenden Jahren zurück, verbrachte mehr und mehr Zeit in ihrer Wohnung und las im Bett Bücher. In den 50er Jahren wurde sie zunächst von der europäischen Filmkritik und dann auch in den USA wiederentdeckt und gefeiert. Sie schrieb auf Anregung ihrer Freund:innen diverse Essays, die später als Lulu in Hollywood gesammelt erschienen, und gab im Laufe der Jahre viele Interviews, nicht wenige davon im Morgenrock:

 

Nach langer Krankheit starb sie 1985 in ihrer Wohnung in Rochester, überdauert von ihrem unsterblichen Film-Alter Ego Lulu, die in verschiedenen Filmen als Rollenzitat auftaucht, darunter Figuren wie Isabella Rossellinis verführerische Untote in DEATH BECOMES HER (US 1992, R: Robert Zemeckis), Uma Thurmans Gangsterbraut in PULP FICTION (US 1994, R: Quentin Tarantino) oder gar Audrey Tautous durchaus nicht nur unschuldige Amélie in LE FABULEUX DESTIN D’AMÉLIE POULAIN (FR 2001, R: Jean-Pierre Jeunet).

Die offensichtlichste Brooks-Hommage von allen war bereits 1986 Melanie Griffiths „Lulu“ in SOMETHING WILD (US 1986, R: Jonathan Demme):