Tag der Hausmusik: Teil 2

von Marie Brüggemann

zu Teil 1 von Jens Kaufmann

Musizieren im privaten, häuslichen Rahmen: Wäre es nicht schön, wenn der erneute Lockdown diese zunehmend in Vergessenheit geratene Heim-Aktivität wieder aufleben ließe, damit es nicht ganz so still bleibt um uns herum? In meiner erweiterten Familie wird immerhin noch einmal im Jahr gemeinsam musiziert, klar, zu Weihnachten: Dann gibt es Saxophon- und Querflötensolos, und begleitet von Akkordeon, Gittare, Klavier und Trommel werden Weihnachtslieder geschmettert – schief und krumm, Hauptsache laut. Warum macht man das nicht viel öfter?

 

Früher, da gehörte das Musizieren im heimischen Wohnzimmer noch zum (mal mehr, mal weniger) guten Ton: Bei Loriot zum Beispiel! Leider lässt sich das wunderbar dilettantische Blockflöten-Wohnzimmerkonzert aus PAPPA ANTE PORTAS (DE 1991) tatsächlich nicht online finden, sodass stellvertretend diese köstliche Beethoven-Trio-Szene aus dem Telecabinet von 1974 herhalten muss:

 

Und wenn wir schon mal da sind, bleiben wir doch kurz beim Fernsehfilm: Dann darf nämlich Heinz Erhardt nicht unerwähnt bleiben, der als Papa Friedrich in VATER, MUTTER UND NEUN KINDER (DE 1958. R: Erich Engels)mit seiner Hausmusik (fast) die ganze Familie ansteckt: „Und da bleibt man gern zu Hause und sagt zu der eig’nen Frau: Zur Liebe ist es nie zu spät!“

 

Weihnachtlich musiziert wird auch bei Laras Großeltern in Caroline Links JENSEITS DER STILLE (DE 1996) nach Niki Reisers mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichneten Kompositionen. Die einen begeistert’s, in den anderen weckt es unschöne Erinnerungen. Weihnachten halt:

 

Das private Musizieren geht natürlich auch mit Popmusik, weil in Harmony Korines SPRING BREAKERS (US 2012) alles geht: In neonfarbenes Sonnenuntergangslicht getaucht versammeln sich drei pink vermummte mit Maschinengewehren bewaffnete Bikinigirls und ihr silberzahnbehafteter Anführer um einen weißen Flügel am Swimming Pool, um Britney Spears zu huldigen: „One of the greatest pop singers of all-time, and an angel if there ever was one on this earth.“

 

„I thought singing was a joyous expression of the soul!“

Dachten wir gerade auch noch, aber der Hauptfigur aus INSIDE LLEWYN DAVIS (US/FR 2013. R: Ethan und Joel Coen) ist die Freude entlang seiner hoffnungslosen Streifzüge durch die Musikclubs von Greenwich Village abhandengekommen: Llewyns geliebter Musikpartner Mike ist verstorben, die Ex will nichts mehr mit ihm zu tun haben, der musikalische Erfolg bleibt aus. Widerwillig lässt er sich auf die Bitte seiner Freunde ein, die sich nach einem geselligen Essen ein gemütliches Privatkonzert wünschen. Das kann ja nur schief gehen:

Nicht viel harmonischer wird es, als der erfolglose Musiker seinen Vater im Pflegeheim besucht und eine wunderbare Fischerballade zum Besten gibt: Rührend! Hat Llewyn mit seinem Spiel etwas geweckt in seinem apathischen Vater? Schenkt dieser ihm doch noch ein Wort? Vielleicht ein Tränchen? Weder noch: Der Alte quittiert das Privatkonzert mit einem leeren Blick – und einer vollen Hose.

 

WINTER’S BONE (US 2010. R: Debra Granik), den wir auch wegen der großartigen Filmmusik bereits als Streamingtipp vorgestellt hatten, ist getragen von einer düsteren, hoffnungslosen Atmosphäre. Nur wenige Filmmomente vermitteln Harmonie und Geborgenheit – dazu gehört diese kleine Wohnzimmersession mit Gastauftritt von Marideth Sisco. Die Sängerin hat sich der Folk-Tradition der US-amerikanischen Ozark-Region verschrieben und einen Großteil zum Soundtrack des Films beigesteuert.

 

In THE BROKEN CIRCLE BREAKDOWN (BE/NL 2012. R: Felix Van Groeningen) leben Didier und Elise für die Bluegrass-Musik – und für ihre gemeinsame Tochter Maybelle. Als diese den Kampf gegen die Leukämie verloren hat, entfernt sich das Paar immer weiter voneinander. Elise, die sich schließlich das Leben nimmt, wird am Krankenhausbett von Didier und den Bandmitgliedern verabschiedet, denen es gelingt, die klinische Leere des weißen Krankenhauszimmers bildlich und musikalisch zu durchbrechen.

 

 

Aber wir wollen ein fröhliches Ende: Eines mit so viel Stimmung, dass es kracht. Mit furchtbar viel Musik, denn die brauchen wir Menschen, genau wie die Katzen. ARISTOCATS (US 1970. R: Wolfgang Reitherman) ist ein Paradebeispiel für Heinrich Riethmüllers hervorragende Synchronisationen zahlreicher Walt Disney Produktionen:

…und natürlich im Original nicht weniger schwungvoll:

Auf den Geschmack gekommen? Die oben erwähnten Filme sind teilweise bei Streamingdiensten verfügbar:

JENSEITS DER STILLE (DE 1996. R: Caroline Link)
u.a. bei Arthouse CNMA

SPRING BREAKERS (US 2012. R:Harmony Korine)
u.a. bei Netflix

INSIDE LLEWYN DAVIS (US/FR 2013. R: Ethan und Joel Coen)
u.a. bei Amazon Prime

WINTER’S BONE (US 2010. R: Debra Granik)
u.a. bei Amazon Prime

THE BROKEN CIRCLE BREAKDOWN (BE/NL 2012. R: Felix Van Groeningen)
u.a. bei Amazon Prime

ARISTOCATS (US 1970. R: Wolfgang Reitherman)
u.a. bei Disney+

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