Streamingtipps zum Tag der indigenen Bevölkerungen

Von Naima Wagner

Rund 370 Millionen Menschen gehören laut den Vereinten Nationen weltweit indigenen Bevölkerungsgruppen an. Nur selten sind Filme auf der großen Leinwand zu sehen, die nicht von außen auf indigene Kulturen blicken, sondern aus ihnen heraus entstanden sind. Zwei solcher seltenen filmischen Kostbarkeiten sind WIÑAYPACHA und IXCANUL VOLCANO.

Beide Filme sind nah an ihren Protagonist/innen, dem alten Ehepaar Willka und Phaxsi in WIÑAYPACHA und der jungen María in IXCANUL VOLCANO, und begleiten diese bei ihren alltäglichen, oft beschwerlichen, manchmal sogar gefährlichen Tätigkeiten. In wunderschönen, ruhigen Bildern und langen Einstellungen lernen die Zuschauer/innen einen Alltag kennen, den ein enges Verhältnis zur Natur ebenso prägt wie eine enge zwischenmenschliche Verbundenheit – hier zwischen Mann und Frau und zwischen Tochter und Mutter. Es sind vor allem die Bilder, die Auskunft geben über Beziehungen, über Rituale und Traditionen – Bilder vom Weben mit einem traditionellen Webrahmen, vom Schlachten eines Hoftiers, vom Ankleiden der Braut an ihrem Hochzeitstag.

Doch auch die Sprache ist für beide Filmen von wesentlicher Bedeutung. Nach Angaben der Vereinten Nationen werden von den 7000 gesprochenen Sprachen weltweit mehr als 4000 von indigenen Völkern gesprochen. WIÑAYPACHA ist der erste Film, der vollständig in der indigenen Sprache Aymara gedreht wurde, deren Sprecher/innen in den Anden im südlichen Peru und im Nordwesten Boliviens leben. In IXCANUL VOLCANO wird hauptsächlich die Maya-Sprache Caqchikel gesprochen.

Anders als in WIÑAYPACHA, der den abgelegenen Bauernhof in den Anden nie verlässt, sind die Protagonist/innen in IXCANUL VOLCANO nicht vollständig geografisch und wirtschaftlich isoliert. Der Film thematisiert ein Problem, das viele indigene Bevölkerungsgruppen auf der Welt teilen: die fehlende Anerkennung ihrer Rechte, die auch darin Ausdruck findet, dass viele Indigene ihre Sprache im Alltag, z.B. bei Behördengängen, nicht nutzen können und so Möglichkeiten des Missbrauch ausgeliefert sind.

 

WIÑAYPACHA (Eternity, Peru 2018, R: Óscar Catacora)

Der Film, den 2019 auch das LICHTER Filmfest zeigte, porträtiert das alte Ehepaar Willka und Phaxsi und den beschwerlichen Alltag auf seinem kleinen Bauernhof in den Anden. Er erzählt von der tiefen Verbundenheit zweier Menschen, die ohne einander nicht sein können. Mehr noch: Es scheint nur sie beide auf der Welt zu geben – und ihren Sohn, der jedoch in der Stadt und damit unerreichbar weit weg ist. Während sie ihre Tage damit verbringen, mit stoischer Ruhe und Ausdauer die Arbeiten zu erledigen, die ihren Lebensunterhalt sichern – eine Decke weben, die sie in der kalten Nacht warm hält, oder sich um das Lama kümmern, das wie ein treuer Gefährte mit ihnen auf dem Hof lebt –, sehnen sie die Ankunft des Sohnes herbei.

WIÑAYPACHA, der peruanische Beitrag zur Kategorie ‚Best Foreign Language Film‘ bei den Academy Awards 2019, ist ein tief berührender Einblick in den Alltag zweier Seelenverwandter, der mit ihrem zunehmenden Alter kaum mehr zu bewältigen ist und dann auch noch durch ein radikales Unglück erschüttert wird. Der Film lässt einen völlig vergessen, dass man sich in einer Fiktion befindet, so echt, so existenziell erscheint das, was auf der Leinwand zu sehen ist.

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IXCANUL VOLCANO (Ixcanul – Träume am Fuße des Vulkans, Guatemala 2015, R: Jayro Bustamante)

Im Mittelpunkt des Films steht die der Maya-Ethnie Cakchiquel angehörende junge Frau María. Sie lebt mit ihren Eltern Juana und Manuel auf einer Kaffeeplantage am Fuße eines aktiven Vulkans. Tag für Tag geht sie gemeinsam mit ihrer Mutter den alltäglichen Aufgaben nach: Sie pflücken Kaffee, füttern die Schweine und bringen dem Vulkan Opfergaben dar. María soll verheiratet werden, träumt aber von einem anderen Leben. In der Hoffnung, dass er sie mitnimmt, wenn er in die USA auszuwandert, gibt sie sich dem Plantagenarbeiter Pepe hin. Doch der junge Mann lässt María zurück – schwanger. Zugleich bedroht eine Schlangenplage auf der Plantage die Existenzgrundlage der Familie. Man verfolgt die junge Frau, die wenig spricht und doch eine starke Präsenz auf der Leinwand hat, bei jedem Schritt der zunehmend dramatischen Handlung.

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Wie WIÑAYPACHA blickt auch IXCANUL nicht von außen auf eine indigene Kultur, sondern gewährt einen Einblick in einen Alltag, in dem bestimmte Rituale und Traditionen einen natürlichen Platz einnehmen. Beide Filme lassen einen beeindruckt zurück – von den Bildern, der Stimmung und den Protagonist/innen.

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