THE FRENCH DISPATCH: Ein Blick ins Puppenhaus

Von Naima Wagner

„Der neue Wes Anderson“ feierte bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes seine Premiere und wurde seither von vielen Fans des US-amerikanischen Regisseurs freudig erwartet. Der Cast ist ein weiteres Mal beeindruckend: Die Namen von Stars wie Benicio del Toro, Léa Seydoux, Tilda Swinton, Adrien Brody, Frances McDormand, Timothée Chalamet, Owen Wilson, Jeffrey Wright und Bill Murray weckten hohe Erwartungen. Die coronabedingte mehrmalige Verschiebung des Starttermins befeuerte die Vorfreude zusätzlich.

Andersons Stil ist bekannt: streng durchkomponierte Bilder mit genau gesetzten Details, wohlüberlegte Farbpaletten, exzentrische Figuren, schräge Geschichten. Er ist so unverkennbar, dass ein Instagram-Account seit mehreren Jahren Beiträge aus aller Welt von symmetrischen Hausfassaden, pastellfarbigen Interieurs und märchenhaft-surrealen Szenerien unter #accidentlywesanderson versammelt.

Den erzählerischen Rahmen des neuen Filmes bildet nun die von Arthur Howitzer Jr. (Bill Murray) herausgegebene Zeitschrift The French Dispatch. Sie erscheint in dem französischen Ort Ennui-sur-Blasé und veröffentlicht Essays US-amerikanischer Reporter:innen „on the subjects of world politics, the arts – high and low –, and diverse stories of human interest“. Der Episodenfilm präsentiert uns drei solcher kurzen Geschichten.

Filmstill aus THE FRENCH DISPATCH © 2020 Twentieth Century Fox Film Corporation

Im Mittelpunkt der ersten Kurzgeschichte steht der grimmige Gefängnis-Insasse Moses Rosenthaler (Benicio del Toro), der zum Star der Kunstszene aufsteigt. Die Gefängnis-Wärterin Simone (Léa Seydoux), deren besonderes Talent es ist, lange in unmöglichen Posen zu verharren, wird zu Moses‘ Modell und seiner Muse, während der unverschämte Kunsthändler Julian Cadazio (Adrien Brody) Moses‘ Gemälde, die er selbst kurzerhand zu Meisterwerken erklärt, zu Geld machen möchte.

Jede der drei abgedrehten Geschichten lässt uns in eine eigene Bildwelt eintauchen. Die Welten, die uns Wes Anderson präsentiert, wirken dabei so künstlich, so bis ins letzte Detail inszeniert, dass man den Eindruck bekommt, man blicke in ein großes, buntes Puppenhaus. Diese Ästhetik kennen wir bereits aus Anderson-Filmen wie THE GRAND BUDAPEST HOTEL (2014)*. Sie ist zweifellos einzigartig und weiß mit ihrem Einfallsreichtum und ihrer Detailverliebtheit den Blick zu fesseln. THE FRENCH DISPATCH treibt es jedoch auf die Spitze. Was einige Anderson-Fans begeistern wird, lässt viele sicherlich auch schulterzuckend zurück. Joa, ist halt ’n Wes Anderson.

Anders als in einigen seiner früheren Filme wie DARJEELING LIMITED (2007) oder MOONRISE KINGDOM (2012) zeigt Anderson hier kaum noch Interesse an einzelnen Menschen, ihren Geschichten und Beziehungen. Stattdessen sind die Figuren immer nur Teil eines größeren Tableaus. Die gestalterischen Prinzipien werden zum Selbstzweck und damit letztlich uninteressant, weil das Narrative hinter ihnen zurückbleibt. Da es aber nun mal echte, menschliche Geschichten sind, die uns im Kino bei der Stange halten, läuft der Film letztlich ins Leere.

So machen in THE FRENCH DISPATCH Filmstars nacheinander ihre Aufwartung und ein paar vergnügliche Szenen mit schönen Bildideen gehen – wortwörtlich – über die Bühne. Vom Kinoerlebnis bleibt jedoch wenig zurück.

Wes Andersons THE FRENCH DISPATCH läuft von heute, 21. Oktober 2022, an im Kino.

* Übrigens: In der Dauerausstellung des DFF sind einige Kostümentwürfe für Andersons THE GRAND BUDAPEST HOTEL von Milena Canonero zu sehen, die dafür 2015 den Oscar® für das beste Kostümdesign erhielt.

Titelbild: Filmstill aus THE FRENCH DISPATCH © 2021 20th Century Studios and TFD Productions LLC