„Verlierer fängt an!“: Tischtennis im Film

Von Naima Wagner

Woran denken wir bei Sport im Film? Welche Bilder treten uns vor Augen, welche Szenen, welche Geschichten – und welche Sportarten?

Filmszenen, in denen Teamsport getrieben wird, können auf vielfältige Weise über Beziehungen zwischen Menschen Auskunft geben: Sie können Zusammenhalt ebenso zum Ausdruck bringen wie Rivalität, und Gemeinsamkeiten ebenso aufzeigen wie soziale und gesellschaftliche Unterschiede. Auch über den einzelnen Menschen können Sportszenen vieles erzählen, indem sie ihn in eine physische wie psychische Ausnahmesituation versetzen. Der Wettkampf mit anderen und der Kampf mit sich selbst birgt die Aussicht auf Triumph und zugleich die Gefahr des Scheiterns. Aus sportlichen Filmmomenten gehen Held/innen und Verlierer/innen hervor. Kurz: Sport im Film, das bedeutet große Gefühle.

Wir denken an Fußball, Basketball oder Baseball, an Boxkämpfe, Eiskunstlauf und Tiefseetauchen, an so ziemlich alles – außer Tischtennis. Tischtennis ist nicht dramatisch, nicht sexy, nicht cool. Dabei bietet die unscheinbare Rückschlagsportart durchaus das Potential für große Momente. Doch beginnen wir mit einem weniger glorreichen Moment.

In der Komödie 25 KM/H (DE 2018, R: Markus Goller), in der sich die beiden ungleichen Brüder Georg (Bjarne Mädel) und Christian (Lars Eidinger) nach dem Tod ihres Vaters langsam wieder einander annähern, bietet ein Tischtennis-Match die Gelegenheit, sich im Angesicht des Feindes – in Gestalt des Proll-Duos Hantel und Sohn – zu verbünden. „Verlierer fängt an“, meint Hantel (Wotan Wilke Möhring) und feuert den Ball in Richtung des Brüder-Doppels. Nachdem er die Regeln verkündet hat („Nach jedem Punkt Aufschlagwechsel“ ist natürlich schon mal Quatsch, doch das nur nebenbei), beginnt das verbissene Duell. Einsatz: Die Mofas der Brüder. Einige spannende Ballwechsel und viele dumme Sprüche später müssen sich Georg und Christian schließlich geschlagen geben. Dieser Niederlage ungeachtet erweist sich Tischtennis hier als wichtiger Faktor auf dem Weg zur brüderlichen Versöhnung.

 

In FORREST GUMP (US 1994, R: Robert Zemeckis) steht beim Tischtennis sogar der Weltfrieden auf dem Spiel. Der gutherzige Protagonist Forrest (Tom Hanks) entdeckt im Lazarett die Sportart für sich. „The secret to this game is“, erklärt man ihm, „no matter what happens… never ever… take your eye off the ball“. Das beherzigt Forrest, der von nun an sogar dann Tischtennis spielt, wenn er keine/n Spielpartner/in hat. Als Mitglied des US-amerikanischen Tischtennis-Teams reist er schließlich sogar zu einem Turnier nach China, in das Amerikaner/innen seit „a million years“ keinen Fuß mehr gesetzt haben: „Somebody said world peace was in our hands“. Wenn auch in Forrests spektakulärster Tischtennis-Szene etwas nachgeholfen wurde (wie ein Making-Of-Video beweist), macht Forrest dem schnellsten Rückschlagsport der Welt alle Ehre und verkörpert zudem eine wichtige sportliche Erkenntnis: Übung macht den Meister.

 

Dass Tischtennis auch sexy sein kann – was die vorangegangen Beispiele nicht unbedingt vermuten lassen –, beweist eine Szene aus MATCH POINT (GB/US/IR/LU 2005, R: Woody Allen): Hier fordert die erfolglose Schauspielerin Nola (Scarlett Johansson) den Tennislehrer Chris (Jonathan Rhys Meyers) zu einer Partie heraus: „So… who’s my next victim? You?“ Chris lässt sich nicht zwei Mal bitten. Gleich bei seinem ersten Schlag trumpft er mit einem kaum parierbaren Ball auf. Er gibt sich betont lässig und schlendert auf die gegnerische Seite hinüber, um Nola zu zeigen, wie man richtig spielt – ein klarer Fall von Mansplaining. Doch immerhin ist damit bewiesen: Mit Tischtennis-Skills kann man durchaus angeben. Und – wer hätte das gedacht – an der Tischtennistplatte lässt es sich auch ganz gut flirten. Wen interessiert es da schon, dass es sich bei Nola um die Verlobte des Freundes handelt? Chris jedenfalls nicht.

 

Eine Tischtennis-Szene hat es sogar in ein Staffelfinale der Kult-Serie FRIENDS geschafft. In der letzten Folge der neunten Staffel wagt es Phoebes Freund Mike (Paul Rudd), gegen Monica (Courteney Cox) anzutreten, die sich bei diversen Gelegenheiten bereits als sehr ambitioniert und obendrein als schlechte Verliererin herausgestellt hat. Auch hier wird gleich der erste Ball zu einer Demonstration der eigenen Fähigkeiten. „Oh by the way… I’m awesome“, schiebt Angeber Mike noch hinterher.

 

Wirklich herzgewinnend ist dagegen Bill Nighy in der RomCom ABOUT TIME (GB 2013, R: Richard Curtis). „POW! POW! I’m so good without the ball!“, erklärt Bill Nighy Schläge simulierend mit seiner unverwechselbaren linkisch-liebenswerten Art. Tischtennis bietet hier Vater und Sohn, die auf besondere Weise miteinander verbunden sind, weil sie die Gabe des Zeitreisens teilen, die Gelegenheit, wertvolle Zeit miteinander zu verbringen. Da haben wir sie wieder: die verbindende Kraft des Sports.

 

Ganz und gar nicht dynamisch zeigt sich dagegen Clare Quilty in der ersten Szene der Romanverfilmung LOLITA (GB/US 1962, R: Stanley Kubrick), die das Ende der Geschichte vorwegnimmt. Der Protagonist Humbert Humbert sucht den Lebemann in seiner Villa auf, um mit ihm abzurechnen. In der Mitte des Raumes steht ein mit leeren Gläsern und Flaschen übersäter Tischtennistisch, der hier zum Zeichen der Dekadenz seines Besitzers wird. Der offensichtlich betrunkene, in ein Laken gehüllte Quilty schlägt ein „little lovely game of roman ping pong“ vor, muss aber feststellen, dass sein Gegenüber für ein solches nicht zu haben ist. „You’re sort of a bad loser“, bemerkt er mit Blick auf die Waffe, in dessen Lauf er plötzlich von der anderen Seite des Tisches blickt.

 

Doch zum Schluss nochmal zurück zum Sport. Den besten aller Ballwechsel liefern sich Shaun das Schaf und sein flauschiger Co-Athlet in dem 21-minütigen Stop-Motion-Kurzfilm mit dem fabelhaften Titel SHAUN THE SHEEP CHAMPIONSHEEPS“, der zu den Olympischen Spielen 2012 in London erschien.

 

Und damit dürfte es hinreichend bewiesen sein: Auch Tischtennis hat seine großen Momente in der Filmgeschichte des Sports.

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