Von Corona, Fledermäusen und Dracula

Von Stephanie Pohl

In den Zeiten von Corona, Unsicherheit und Isolation greife ich auf Lieblingsfilme zurück. Mit ihnen tauche ich ein in eine mitunter weit entfernte Welt. Eigene biographische Momente werden wach, Erinnerungen daran, wann und mit wem ich diesen Film das erste Mal gesehen habe. Diese Erinnerungen bieten behagliche Freude und ein Gefühl von Geborgenheit. Es sind Augenblicke des Glücks.

Mein Lieblingsfilm ist seit vielen Jahren Francis Ford Coppolas BRAM STOKER’S DRACULA (1992). Die einzige Verfilmung, die nicht nur Anspruch auf Romantreue erhebt, sondern ihm bislang auch am nächsten kommt – und das, obwohl Coppola den Roman als Liebesgeschichte umdeutet.

Coppolas Film beginnt mit einem Prolog, erzählt wird Draculas Kampf gegen die Türken im Jahr 1462 und gipfelt in seiner Entsagung vom christlichen Glauben. Ein großer zeitlicher Sprung ins Jahr 1897 offenbart die langen Jahre der selbstgewählten Isolation, die Dracula in Transsylvanien einzig mit seinen drei Vampirinnen verbracht hat. Nun zieht es Dracula in die Metropole London, um dort sich selbst und sein Leben zu modernisieren. Stoker beschreibt seinen Vampir als Eroberer und Infektionsherd zugleich. Mit einem umgekehrten Kolonialismus will er die Weltstadt infiltrieren und nennt sich schon mit dem ihm eigenen schwarzen Humor „Count de Ville“. Diese doppeldeutige Anspielung auf seinen Herrschaftsanspruch als „Graf der Stadt“ und der gleichzeitige Verweis auf seine wahre Natur (de Ville, ausgesprochen wie „Devil“, engl.: Teufel) verweisen auf die von ihm ausgehende Gefahr. Stokers Dracula ist das Böse, der personifizierte Tod.

Dass dieses Böse im Guten wurzelt, erklärt van Helsing. Einst Verteidiger der Christenheit, trotzt er in einer Art faustischem Pakt seinem Tod. Bei Coppola wird daraus eine wütende Verkehrung der Eucharistie, in deren Verlauf Dracula seine eigene Auferstehung prophezeit. Coppola nennt Dracula in seinem Prolog den „Wolf der Christenheit“. In einer späteren Szene, streichelt Dracula, gemeinsam mit Mina, einen aus dem Zoo ausgebrochenen Wolf und führt damit seine eigene Domestizierung durch Mina vor Augen. Selbstbewusst stellt Dracula fest: „Man kann viel lernen, von jeder Art von Biest“. Tatsächlich verändert jedoch Minas Zuneigung ihn. Selbstkritisch gesteht Dracula ihr: „Ich bin das Monster, das ihr sucht“.

Das erste Aufeinandertreffen Minas und Draculas inszeniert Coppola als Film im Film. Gemeinsam besuchen die beiden eine kinematographische Vorstellung in London. Während Dracula den Kinematographen als „Wunderwerk der Zivilisation“ bezeichnet, antwortet Mina schroff: „Wenn Sie Kultur bevorzugen, besuchen Sie ein Museum“. Coppola spiegelt damit die kritische Sicht des Bürgertums auf die frühen Anfänge des Kinos und zugleich Minas Snobismus, der Dracula wie einen Schuljungen aussehen lässt.

Draculas Verwandlungsfähigkeit, u.a. auch in eine Fledermaus, verweist auf seine Animalität und diffamiert ihn. Es bildet sich damit der nötige Kontrast zur viktorianischen Bruderschaft um van Helsing, der es mit Hilfe von Rationalität und Wissenschaft gelingt, Mina und damit die ganze Welt zu retten. Nicht umsonst stattet Stoker den holländischen Arzt und Wissenschaftler mit seinem Vornamen aus. Stokers allzu rationalen und moralischen Ansatz formt Coppola um und inszeniert seinen Film als märchenhafte Liebesgeschichte, in deren Verlauf Dracula seine Vernichtung schließlich selbst als Notwendigkeit betrachtet. Coppolas Untertitel „Love never dies“ beschwört Vorstellungen von Reinkarnation herauf und rafft Zeit. Dracula formuliert es so: „Ich habe Ozeane der Zeit überquert, um dich zu finden“. Die letzte Kameraeinstellung zeigt Dracula und Elisabeta/Mina auf einem Deckenmosaik im Himmel vereint.

Vampire sind Projektionsfiguren, sie offenbaren gesellschaftliche Krisenzeiten. Auf vielfältige Art und Weise verknüpft sich diese Geschichte des Ausnahmevampirs (Coppolas van Helsing nennt ihn „King Vampire“ und auch in Stokers Romanvorlage spricht Dracula von sich im Pluralis Majestatis) mit der Corona-Pandemie. Der Vampir lehrt uns, wie das Coronavirus, eine andere Sicht auf die Zeit. Die eingeschränkten sozialen Kontakte werfen uns auf uns selbst zurück, geben uns die Möglichkeit Familie zu genießen, uns gegenseitig wieder neu kennenzulernen. Das funktioniert auch wunderbar über das Medium Film, das Anschauen und Diskutieren von Lieblingsfilmen.

Gefehlt hat mir nur ein Glas Coppola Wein aus dem Museumsshop des DFF.

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