BUCHTIPP: »Licht und Schatten. Kinotagebuch 1929-1945« von Victor Klemperer

rezensiert von Frauke Haß

 

Victor Klemperer ist ja seit seinen 1995 im Aufbau Verlag erschienenen Tagebüchern 1933-1945 bekannt für seine feine  Beobachtungsgabe und detailreiche Analyse und Beschreibung seiner Zeit. In dem Werk beschrieb er Politik und Zeitgeschehen, aber auch seine Gemütslage, berichtet von Freizeitunternehmungen (so lange diese noch möglich waren), gesundheitlichen Beschwerden und zunehmender Verfolgung. Jetzt hat sich der Aufbau Verlag erneut verdient gemacht mit dem Band „Licht und Schatten. Kinotagebuch 1929 bis 1945“. Für Cineasten ist das 363 Seiten starke Buch (mit umfangreichem Anhang) eine große Freude und ein fieser Schmerz. Denn das Ehepaar Klemperer geht unglaublich gerne ins Kino. Doch sich diese kleine bescheidene Freude zu erfüllen, wird ihm zwischen 1929 und 1945 nicht leicht gemacht. Zuerst kommt der Tonfilm, dem das Ehepaar anfangs rein gar nichts abgewinnen kann, dann kommt Hitler. Was zum einen dazu führt, dass jeder Kinobesuch mit scheußlichen Naziaufmärschen und Nazipropaganda in der Wochenschau eingeleitet wird, und andererseits schließlich in ein Kinoverbot für Klemperer mündet, der als Jude von 1939 an gar nicht mehr ins Kino darf.

Rückblickend voller Unschuld sind seine frustrierten Kommentare 1929 und 1930:

  1. Juni 1929
    „Man sagt, der Tonfilm sei das Kommende, die Zukunft. Wir sind ihm jetzt das zweite Mal begegnet u. fanden ihn beide Mal scheußlich.“
  2. August 1930
    „Mir fehlt das Kino ganz ungemein; ich wäre glücklich, wenn die Tonfilmseuche erlösche.“

Später, längst vom Verbot, vom Zwang den sogenannten Judenstern zu tragen, in einem sogenannten Judenhaus zu wohnen und vielen anderen Bedrohungen gepeinigt, kommt ihm doch immer wieder das Kino in den Sinn:

  1. Mai 1942
    „Was gehen mir für Wünsche durch den Kopf? Bibliotheksbenutzung. Essen! Kino. Auto.“
  2. August 1942
    „Abstinenz macht schmutzig. Ob sie sich auf Zucker oder Kino, Tabak oder Frauen, Brot oder Auto bezieht. Man ist von dem Entbehrten immer in schmutziger Begehrlichkeit besessen.“

Sogar, als er wegen einer Verdunkelungsnachlässigkeit eine Woche ins Gefängnis muss – geht es immer wieder ums Kino:

  1. Juli 1941
    „Wieder, wie neulich dachte ich Kino. Aber jetzt fiel mir Addisons Lehre ein, der Genuss am Drama bestehe darin, dass man Schreckliches erlebe und sich selber dabei in Sicherheit wisse.“

 

Amüsant sind seine Kommentare zu zeitgenössischen Stars:

  1. Dezember 1929
    „Völlig wirr, sinnlos, kitschig – aber die Garbo ist schön u. ausdrucksvoll. Dennoch: Verzweiflung am Film!“ (zu: A WOMAN OF AFFAIRS, Herrin der Liebe, US 1928, R: Clarence Brown)
  2. August 1930
    „Ganz wüster Schundroman. (…) Kortner der brutale Kapitän, Marlene Dietrich die Fliegerin. Schlimm!“ (zu: DAS SCHIFF DER VERLORENEN MENSCHEN, DE 1929, R: Maurice Tourneur)

„Blödsinnig u. so ein Gefühl der Leere u. Beschämung hinterlassend.“ (zu: DER NÄCHSTE, BITTE, DE 1930, R: Erich Schönfelder)

  1. April 1931
    „Sehr schön – aber kein Fortschritt. Und ich glaube auch nicht, dass es bei Chaplin noch eine Weiterentwicklung gibt. Wohltat, das es ein stummer Film ist;…“ (zu: CITY LIGHTS, US 1931, R: Charles Chaplin)

 

Zunehmend gewöhnen sich Eva und Victor Klemperer an den Tonfilm und finden ihn dann gelegentlich sogar richtig gut:

  1. und 26. Juli 1931
    „IM WESTEN NICHTS NEUES… so ist die Behauptung, der Film beschimpfe Deutschland, unbegreiflich. (…)Dieser Film war nun das Allererschütterndste der letzten Tage, als Kunstwerk, Dokument u. Erinnerung.“

 

  1. Juni 1932
    „Vorgestern nach langer Pause im Kino. DER BLAUE ENGEL. Das Spiel, auch das Sprechen (auch im Klang) gut, oft erschütternd gut. (…) Von den Helden sie, die Marlene Dietrich fast noch besser als Jannings.(…) Hier gab mir der Tonfilm viel.“

 

Nach der Machtergreifung Hitlers ist das Kino auch ein Schutz- und Sehnsuchtsraum, ein Ort, in den das Ehepaar regelmäßig flüchtet, um ein bisschen Ablenkung zu finden, zu vergessen, abzuschalten:

  1. März 1933
    „Ich bin so gern im Kino; es entrückt mich.“

Doch auch im Fluchtraum Kino wird das Paar von der Realität der Nazidiktatur verfolgt, wenn sich das Regime in den Wochenschauen mit Gewalt ins Bewusstsein der Kinobesucher:innen drängt:

  1. September 1933
    „Zeitgeschichte im Film! Diesmal der Nürnberger Parteitag der NSDAP. Welche Massenregie u. welche Hysterie!“

 

  1. Januar 1934
    „Zwei Stunden erfreulichster Ablenkung, aber hinterher natürlich bei uns beiden große Wehmut u. Bitterkeit. Mit welcher Selbstverständlichkeit waren wir früher zwei- u. dreimal wöchentlich im Film, u. wie leicht u. erfüllt floss uns früher das Leben!“ (zu: VICTOR UND VICTORIA, DE 1933, R: Reinhold Schünzel)

 

Zu Herzen geht, wie Klemperer nach dem Krieg, den das Ehepaar irgendwie überlebt hat, schon im Juni notiert:
„Noch einmal gut essen, gut trinken, gut Autofahren, gut am Meer sein, gut im Kino sitzen…Kein 20-Jähriger kann halb so lebenshungrig sein…“

Heutigen Leser:innen wird bei der Lektüre solcher Zeilen schmerzhaft und peinlich klar, wie läppisch das Corona-Jahr doch ist, angesichts von zwölf Jahren Hitler-Regime mit Ausgrenzung, Demütigung, Bedrohung, Verfolgung und ständiger Todesgefahr.

 

Victor Klemperer
Licht und Schatten
Kinotagebuch 1929–1945

Herausgeber:in Christian Löser
Gebunden mit Schutzumschlag, 363 Seiten
Aufbau Verlag
978-3-351-03832-8
24,00 €

 

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