Die Frau, die lacht oder Zwei Schritte vor, einen zurück…

Die lachende Lilo, Abbildung in der STAR-REVUE, Januar 1954. DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum, Frankfurt am Main / Archiv Liselotte Pulver.

Wie das Archiv der Schauspielerin Liselotte Pulver nach Frankfurt am Main kam.

von Hans-Peter Reichmann

Bad Wörishofen, im November 1998: Regisseur Kurt Hoffmann feierte seinen 88. Geburtstag. Die Kneippkurstadt war sein Altersruhesitz. In einem der ersten Häuser am Platze hatten sich Familienmitglieder und enge Freunde zu einer kleinen Feierrunde versammelt. Ich war ebenfalls eingeladen. Seit 1990 waren Hoffmann, seine Frau Luisa und ich in engem Kontakt – das Non-Film-Archiv des Deutschen Filmmuseums in Frankfurt am Main (heute DFF) bewahrt seit jenen Jahren eine kleine, feine Sammlung mit Dokumenten der Filmkarriere des „Mannes mit der leichten Hand“.

Wir warteten noch auf einen weiteren Gast: Liselotte Pulver. Große Vorfreude auf den Star unter anderem von 10 Hoffmann-Filmen. Sie war die Corry Bell in der Kriminalkomödie KLETTERMAXE (1952, Kurt Hoffmann), die 17jährige Titelfigur aus Hódmezövásárhelykutasipuszta in ICH DENKE OFT AN PIROSCHKA (1955, Kurt Hoffmann), die Amateurschriftstellerin Juliane in DIE ZÜRCHER VERLOBUNG (1957, Helmut Käutner), die Franziska Comtesse von und zu Sandau in DAS WIRTSHAUS IM SPESSART (1957, Kurt Hoffmann), die Elisabeth Kruse in A TIME TO LOVE AND A TIME TO DIE (1958, Douglas Sirk), Fraulein Ingeborg in Billy Wilders ONE, TWO, THREE (1961), die Liesel und die Toni in KOHLHIESELS TÖCHTER (1962, Axel von Ambesser) und, und, und…

Liselotte Pulver kam direkt aus der französischen Schweiz, aus Perroy am Genfer See. Angereist in ihrem Mercedes S123 Kombi, der bereits mehrere 100.000 km drauf hatte. Sie liebt das schnelle Fahren und nimmt auch mal ein Ticket dafür in Kauf – und sitzt selbstverständlich auch längere Strecken selbst am Steuer.

Zwischen Lunch und Geburtstagskaffee konnten wir reden, vermittelt durch Pulvers Anwalt Gunter Fette und die Kostümbildnerin vieler Hoffmann-Filme, Elisabeth Urbancic (der Mutter von Christoph Waltz). Schnell kamen wir auf Liselotte Pulvers umfangreiche Sammlung mit Belegen zu ihrer Schauspielkarriere. Es soll eine regalmeterumfassende Menge sein. Wir verabredeten uns zu einer ersten Sichtung – sie lud mich zu sich ein: der Beginn einer unübertroffenen, wunderbaren … ewigen Terminfindung…

Über die folgenden Jahre ungezählte Telefonate, darunter ein fester Termin, der Anruf jeweils am 11. Oktober. Wenn ich diesen mal verpasst hatte, sagte sie: „Macht doch nichts… ich habe das ganze Jahr Geburtstag.“ Immer wieder Gespräche über die Sammlung. Über die ich nun viel wusste, die ich aber bislang nicht hatte einsehen können. Liselotte Pulver, 1929 geboren in Bern, überlegte noch, wohin sie ihr Archiv letztendlich zur Erschließung und Aufbewahrung geben sollte – denn es gab auch Interesse aus ihrer Heimatstadt.

Dann war es endlich soweit, wir hatten einen Sichtungstermin gefunden. Auf dem Weg nach Saint-Paul-de-Vence (Südfrankreich), zur Abholung des Nachlasses von Curd Jürgens, fuhr ich über Lausanne, um Liselotte Pulver zu besuchen.

Das Haus, die Villa Bip, war ein Museum privater und professioneller Erinnerungen. An den Wänden, in Vitrinen, in Schränken und Regalen Dokumente, Unterlagen, Belege eines jahrzehntelangen Künstlerinnenlebens. Im Wohnzimmer, neben dem Kamin, noch der Lieblingssessel und der Pfeifenständer ihres Mannes Helmut Schmid. Im Souterrain: ein Partykeller voll mit Akten, Folianten, Kladden, Schachteln – an die Wände tapeziert die Plakate zu ihren Filmen. Was ich zu sehen bekam, gab mir augenzwinkernd die Bestätigung, dass die Schweizer Ordnungsliebe doch mehr ist als nur ein Klischee. Alles was ihr wichtig war (und noch viel mehr) hat sie aufgehoben… Dutzende, mit großer Sorgfalt  zusammengestellte Scrapbooks, voll mit Zeitungsausschnitten: Jede Aktivität, jeder Auftritt, jede Theater-, Film- und Fernsehrolle, jede noch so kleine Zeitungs- oder Illustrierten-Meldung in der der Name „Liselotte (Lilo) Pulver“ vorkam, war darin erfasst, sortiert und aufgeklebt. Auf den Buchrücken, in Goldprägung, der jeweilige Titel. Auf meine Nachfrage, wie es zu dieser akribischen Ordnung kam, antwortete sie mit ihrem charakteristischen, ansteckenden, aus tiefer Kehle kommenden Lachen, dass sie der Besuch der Töchterhandelsschule in diesem Sinne sehr geprägt habe.

Hier waren nun die Dokumente ihrer Arbeiten gesammelt, geordnet und aufgehoben. Unterlagen zu 75 Film- und Fernsehproduktionen: Drehbücher, Korrespondenzordner, Plakate, Fotoalben, Kostüme, Preise und Auszeichnungen, auch eine Sammlung mit Fanpost. Briefe von Maurice Chevalier, Federico Fellini, Max Frisch, Curd Jürgens, Billy Wilder oder Fred Zinnemann belegen und bestätigen die internationale Bedeutung der Schweizer Schauspielerin.

Liselotte Pulvers Villa Bip am Genfer See

Zwei Schritte vor, einen zurück: Unter diesem „Pilgerschritt“-Motto können die nun folgenden Monate (es waren letztlich doch Jahre) zusammengefasst werden. Wieder sprachen wir am Telefon. Vielfach rief ich zufälligerweise gerade dann an, als sie kurz vor einem Friseur- oder Zahnarzttermin stand. Aber stets verabredeten wir uns für ein weiteres Gespräch über die Konditionen zur Überführung des Archivs nach Frankfurt am Main. Um es kurz zu machen, wir fanden diesen Termin, und auch die vertragliche Grundlage wurde geklärt.

August 2010: Die Abholung des Archivs am Genfer See (gemeinsam mit zwei Kolleginnen) war ein ganz besonderes Erlebnis. Auf dem Bootshaus, in dem Curd Jürgens auch schon einmal sein Segelboot untergebracht hatte, wehte die Schweizer Nationalflagge. Marc-Tell Schmid, Liselotte Pulvers Sohn, hatte alle Planung im Vorfeld mit uns koordiniert. Zur Begrüßung gab es nach der langen Anreise erst einmal Kaffee, und einen legendären Marillenkuchen. Unter Führung und Anleitung von Liselotte Pulver durften wir Schränke öffnen, den Inhalt daraus und von Regalen einpacken, alles zum Transport vorbereiten. Zwei Tage waren wir vor Ort, um diese tolle Sammlung, diese komplette Dokumentation einer großen Karriere, in Kisten und Kartons zu verbringen. Nun ist das Material in den Sammlungen des DFF. Seit beinahe zehn Jahren nutzen Studierende, Ausstellungsmacher/innen und Autor/innen diese Primärquelle als Zeugnis der Rezeption eines der beliebtesten Stars des deutschsprachigen Kinos der 1950iger und 1960iger Jahre. Heute noch, in ihrem 90igsten Lebensjahr, erfreut sich Liselotte (Lilo) Pulver großer Popularität. Korrespondenzen mit Filmschaffenden belegen, wie sie selbstbewusst die Filmproduktion mitbestimmen konnte, und wie sie auf Bereiche wie Kostüm, Schnitt, Synchronisation und sogar Besetzung und Regie einen konkreten Einfluss hatte.

Zum Erinnerungsfoto versammelten wir uns damals auf der Terrasse der Villa Bip. Nachdem die Aufnahme gemacht war, stellte Liselotte Pulver fest, dass sie noch ihre Hausschuhe anhatte. Also, alles nochmals wiederholen, mit passendem Schuhwerk. Sie ist eben ein Profi, durch und durch…

Titelbild
v.l.n.r.: Hans-Peter Reichmann mit Schauspielerin Liselotte Pulver, Beate Dannhorn (ehem. Deutsches Filmmuseum) und Pulvers Sohn Marc-Tell Schmid. Foto: Jessica Niebel

Über Hans-Peter Reichmann

Hans-Peter Reichmann

Hans-Peter Reichmann ist Sammlungsleiter und Senior Curator am DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum. Seit mehr als 35 Jahren pflegt er für das Haus Kontakte zu Sammler/innen, Nachlassverwalter/innen und Persönlichkeiten der Filmbranche wie Volker Schlöndorff, Liselotte Pulver, Rudolf Thome, Katja Riemann, Tom Tykwer und vielen weiteren. Als Ideengeber, Projektleiter und Kurator hat er zahlreiche Ausstellungen und Publikationen konzipiert und realisiert: zum bundesrepublikanischen Nachkriegsfilm, zur Filmarchitektur, zum Filmkostüm sowie zu Filmschaffenden von Marlene Dietrich bis Stanley Kubrick und aktuell zu Maximilian Schell (ab 10. Dezember 2019).

Hans-Peter Reichmann lebt in Mainz. Wenn er mal nicht arbeitet, ist er mit seinem E-Bike oder seinem Cabrio in der Natur unterwegs. Sein persönlicher Lieblingsfilm? „Es gibt keinen einen, es gibt viele…“

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