Von Florida bis Bangladesch, von noir bis knallbunt – mein Kinojahr im DFF

Von Naima Wagner

Das Jahr begann schon grandios: In der jährlich wiederkehrenden Filmreihe Kinohighlights sah ich FLORIDA PROJECT (US 2017, R: Sean Baker). Im Mittelpunkt des Films steht die sechsjährige Moonee, die mit ihrer jungen Mutter in einem Motel vor den Toren von Disney World in Orlando/Florida am Existenzminimum lebt. Ein Film, unbeschwert und melancholisch zugleich, der bei mir eine gewisse Summertime Sadness ausgelöst hat – und das im Januar.

Auch in DER JUNGE MUSS AN DIE FRISCHE LUFT (DE 2018, R: Caroline Link), der Verfilmung des autobiographischen Bestsellers von Hape Kerkeling, die die Regisseurin im Februar im Kino des DFF vorstellte, dreht sich alles um einen kindlichen Protagonisten: den neunjährigen Hans-Peter, der im Ruhrpott der 1970er aufwächst und mit seinem unbeirrbaren Humor, die zu seiner Lebensstrategie wird, alle um ihn herum zum Lachen bringt – auch wenn es mal nichts zu Lachen gibt. Was für eine großartige Performance!

Im März zeigte das LICHTER Filmfest den peruanischen Film WIÑAYPACHA (PE 2018, R: Óscar Catacora). Der vollständig in der indigenen Sprache Aymara gedrehte Film porträtiert das uralte Ehepaar Willka und Phaxsi und den beschwerlichen Alltag auf seinem kleinen Bauernhof in den Anden. Er erzählt von der tiefen Verbundenheit zweier Menschen, die ohne einander nicht sein können, und rührte mich, völlig unvorbereitet, zu Tränen.

Einen vergnüglichen Nachmittag verbrachte ich im April im Kinderkino mit FINDET DORIE (US 2016, R: Andrew Stanton). Anke Engelke als Stimme des kleinen, blauen, vergesslichen Fischs Dorie, der nach seinen Eltern sucht, liefert ein gutes Beispiel dafür, dass es sich auch mal lohnen kann, einen Film nicht in der Originalfassung anzusehen.

Im Mai stand der zweite Termin des Gastspiels „Großes Kino, kleines Kino“ des Arsenal Filmateliers an. Unter dem Titel „Was klingt, kratzt, raschelt da im Film?“ staunte ich, mit zahlreichen großen und kleinen Gästen, über das teils sehr experimentelle Kurzfilmprogramm, das die Komponistin Eunice Martins moderierte. Anschließend wurde mithilfe zahlloser Instrumente und anderer Dinge mit Klängen und Geräuschen experimentiert. Im Kino, sonst einem Ort der Stille, wurde an diesem Tag gerasselt, gescheppert, geklimpert, geklackert und gelärmt – ein Riesenspaß!

In der Filmreihe, die die Sonderausstellung Digital Revolution begleitete, war im Juni JURASSIC PARK (US 1993, R: Steven Spielberg) zu sehen. Der Kultfilm über einen Themenpark mit lebenden Dinosauriern begeisterte mich ein weiteres Mal, nicht zuletzt aufgrund seines Zusammenspiels von seinerzeit bahnbrechender CGI-Animation und analoger Tricktechnik. Der Moment, in dem der Paläontologe zu John Williams‘ großartigem Soundtrack zum ersten Mal den gigantischen Brontosaurus erblickt, bleibt für mich einer der besten Film-Momente aller Zeiten.

Im Juli lockte mich der an Originalschauplätzen in Indien gedrehte Stummfilm DIE LEUCHTE ASIENS (DE/IN 1925, R: Franz Osten) über das Leben des Gautama Buddha ins Kino. Der Film – für den der Maharaja von Jaipur seinen Hofstaat, seine Untertanen als Statisten sowie 30 Elefanten zur Verfügung stellte! – gilt als Ausgangspunkt des Hindi-Kinos, aus dem sich später Bollywood entwickelte. Als wäre das nicht genug, war die Vorführung auch noch eine Gelegenheit, einen vom DFF restaurierten Schatz im Kino zu sehen (Gelegenheiten dazu bietet übrigens auch das Film Preservation Weekend nächste Woche).

RAW DEAL (US 1948, R: Anthony Mann) eröffnete die Werkschau Anthony Mann im August. Die Einführung von DFF-Kollegin Ines Bayer, die über diesen prägenden Regisseur des klassischen Hollywood promoviert hat, schärfte meinen Blick für die Besonderheiten des Films, vor allem die klare Komposition der Bilder und den faszinierenden Einsatz von Licht und Schatten, der die Erzählung der Hetzjagd des Gefängnisausbrechers Joe prägt. Ein wahres Lehrstück des Film Noir!

Im August und September zeigte das Kino einige Filme aus Bangladesch. Als Filmland eher unbekannt ist Bangladesch hierzulande vor allem mit Bildern von Sweatshops und Slums präsent – doch ist es so viel mehr als das! Das zeigt auch der Dokumentarfilm BAMBOO STORIES (DE 2019, R: Shaheen Dill-Riaz), der einen anderen Blick auf das Land und seine Menschen wirft: Er gibt einen Einblick in die Welt einer Handvoll Männer, die seit Generationen Bambus fällen und mit riesigen Flößen in die weit entfernte Hauptstadt Dhaka bringen. Ein eindrucksvoller Film, der mir – ebenso wie das anschließende Filmgespräch mit dem Regisseur – noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Im November hatte das DFF-Kino ein weiteres Mal prominenten Besuch: Die Regisseurin Teona Strugar Mitevska und die Darstellerinnen Labina Mitevska und Zorica Nusheva waren zu Gast und sprachen über den mehrfach ausgezeichneten Film GOSPOD POSTOI, IMETO I’E PETRUNIJA (MZ/BE/SI/HR/FR 2019, R: Teona Strugar Mitevska). Im Mittelpunkt dieser wütend-melancholischen Satire steht Petrunya, die für einen Skandal in der mazedonischen Gesellschaft sorgt, als sie bei einer Prozession das gesegnete Kreuz aus dem Wasser holt – was eigentlich nur Männern vorbehalten ist.

Im Dezember begeisterte mich wieder ein Klassiker: Als Silvester-Special zeigte das Kino TO CATCH A THIEF (US 1955, R: Alfred Hitchcock), eine Kriminalkomödie über einen ehemaligen Meisterdieb, der versucht, einen Nachahmer zu enttarnen – nicht zuletzt, um eine junge Millionärin (die wunderschöne Grace Kelly) von seiner Unschuld zu überzeugen. Kann man das (Kino)Jahr besser beschließen?

Das Kinoprogramm im Januar gibt mit japanischen Meisterwerken, afrikanischem Gegenwartskino und restaurierten Kostbarkeiten schon mal einen Vorgeschmack auf das Programm 2020 – auf ein neues, überraschendes, bewegendes, mutiges, klassisches, innovatives, mehrsprachiges, diverses Kinojahr!

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