„Diese Trickfilmkunst ist eigentlich mehr Schauspielerei als Zeichnen.“ 22 Fragen an Andreas Deja

Titelbild: Zeichnung für Gaston (Detail) aus BEAUTY AND THE BEAST (© Andreas Deja / Disney Enterprises, Inc. 2020)

Andreas Deja war von 1980 bis 2010 Trickfilmzeichner für Disney und gilt als Meister seiner Generation. Im Interview mit Nils Daniel Peiler, Kurator des Begleitprogramms zur aktuellen Sonderausstellung The Sound of Disney. 1928-1967, berichtet er von einer besonderen Karriere und dem Arbeitsalltag eines Trickfilmzeichners.

Sehr geehrter Herr Deja, unter den klassischen Disney Trickfilmzeichner/innen gelten Sie als Meister Ihrer Generation. Es ist uns eine große Ehre und wir freuen uns sehr, dass Sie sich zu unserer Ausstellung The Sound of Disney im DFF die Zeit nehmen, einige Fragen zu beantworten.

1. Wann war Ihr erster persönlicher Disney Moment und wie sah der aus?

Ich war etwa 6 Jahre alt und wohnte mit meiner Familie in Dinslaken, als ich an einem Nachmittag in unser Wohnzimmer ging und bemerkte, dass sich einige Zeichentrickszenen auf dem Bildschirm unseres Schwarzweißfernsehers abspielten. Es ging dabei um einen Micky Maus Kurzfilm, der im Rahmen eines Disney Programms von Walt Disney selber angesagt wurde. Damals kannte ich Disney Figuren nur von Comicstrips, aber dies war der erste Moment, in dem ich sie in Bewegung beobachten konnte. Einer der wahrhaft faszinierendsten Momente meiner Kindheit. Ich erinnere mich an die runden Formen von Micky Maus und wie harmonisch und gleichzeitig lebendig seine Bewegungen waren.

2. Erinnern Sie sich noch an Ihre eigenen frühen Lieblingsfiguren aus Disney Filmen?

Walt Peregoy (zugeschrieben): Hintergrundgemälde für THE JUNGLE BOOK (© Andreas Deja / Disney Enterprises, Inc. 2020)

Im Alter von 11 Jahren sah ich dann meinen ersten abendfüllenden Disney Zeichentrickfilm, DAS DSCHUNGELBUCH (The Jungle Book, US  1967). Nach der Vorstellung verließ ich mit einem Freund das Kino und war einfach sprachlos. Gedanken und Fragen gingen mir durch den Kopf: Wie ist so etwas überhaupt möglich? Dass Zeichnungen total lebendig agieren und dass sie atmen und eigene Entscheidungen treffen können. Und dies in einer wunderbar gemalten Dschungelszenerie. Unglaublich! Mogli, Balu und Baghira waren damals nicht nur Lieblingsfiguren, sie wurden Freunde während meiner späten Kindheit. Bald darauf sah ich Wiederaufführungen von PINOCCHIO (US 1940), BAMBI (US 1942) und CINDERELLA (US 1950), die meine Faszination und Neugierde für Zeichentrick nur noch intensivierten.

 

3. Sie haben sich bereits im Alter von 11 Jahren bei Disney beworben. Wie kam es dazu?

Es war einige Monate nach dem DSCHUNGELBUCH-Erlebnis, als ich mich an meinen Englischlehrer wandte und ihn bat, mir bei einigen Fragen zu helfen, die ich dann an das Disney Studio in einem Brief versandte. Die genaue Anschrift hatte ich nicht, aber Walt Disney Productions, Los Angeles, USA, genügte damals, um die Studios zu erreichen. Einige Zeit später kam auch tatsächlich eine Antwort in einem Briefkuvert mit dem berühmten Micky Maus Logo. Es gab formale Antworten auf meine Fragen, aber die Informationen über eine zukünftige mögliche Anstellung bei Disney waren für mich Gold wert. Es hieß, dass eine Karriere als Trickzeichner nicht möglich sei ohne gründliche Erfahrungen im realistischen, figürlichen Zeichnen, also von Menschen und Tieren. Ich sollte vielleicht meine Geschwister und Eltern zeichnen und auch im lokalen Zoo viele Skizzen anfertigen von allen Tieren. Der Aufbau und die Anatomie seien dabei wichtig, aber auch die Verhaltensweise bestimmter Tiere. Ein späteres Kunststudium wurde empfohlen mit Schwerpunkt auf Akt- und Tierzeichnen.

4. Was hat dann geholfen, tatsächlich ein Disney Zeichner zu werden?

Ich nahm diese Empfehlungen natürlich sehr ernst und begann Zeichenkurse an einer Volkshochschule zu belegen. Während meiner Zeit bei der Bundeswehr in Hamburg konnte ich gelegentlich das Aktzeichnen bei einer Abendschule weiterführen. Mein vierjähriges Grafikstudium an der Folkwangschule in Essen begann 1976. Zu der Zeit gab es keine speziellen Kurse für Animations- oder Tierzeichnen. Das habe ich dann im Selbststudium erlernt.

Meine Eltern kauften mir eine Super-8-Filmkamera, mit der ich viele reale Tierszenen im Duisburger Zoo festhalten konnte. Die wurden dann einzelbildweise zu Hause studiert und nachgezeichnet: Szenen, wie ein Zebra sich hinlegt und wieder aufsteht, wie sich zwei Elefanten begrüßen, oder wie Schimpansen spielen. Das Ganze kam mir gar nicht akademisch oder langweilig vor. Es war faszinierend und machte viel Spaß. Und immer war da der Hintergedanke, dass ich ja sehr viel über Tiere und Menschen wissen muss, um mich dann bei Disney zu bewerben. Anfang 1978 erfuhr ich von einem „Talent Development Program“ im Disney Studio, geleitet von einem der alten, genialen Animatoren, Eric Larson. Man war also ernsthaft dabei, neue junge Künstler/innen auszubilden. Nach einem freundlichen und informativen Briefwechsel mit Eric informierte dieser mich, dass er kurzfristig in Hamburg auf einem Kreuzfahrtschiff verweilen würde. Seine Einladung, ihn auf dem Schiff zu besuchen, nahm ich enthusiastisch an. Mein Englisch war damals nur mittelmäßig, ich verstand leider nur die Hälfte von den Weisheiten, die mir Eric unterbreitete. Trotzdem war es einer der besten Nachmittage meines Lebens!

Kurz darauf hatte ich den Mut, ihm Kopien von einigen meiner Zeichenstudien zu senden. Erics Antwort kam auf DSCHUNGELBUCH-Briefkopf mit der Mitteilung, dass ich das Zeug hätte für eine Aufnahme in Disneys Trickfilm-Ausbildungsprogramm. Im August 1980 kaufte ich ein One-Way-Flugticket nach Los Angeles und begann meine Ausbildung Ende des Monats. Die Aufgabe im Programm war es, einige Szenen mit einer Figur zu animieren, die Gefühle zeigen sollte. Nach einigen Wochen wurde ich dann fest angestellt.

5. Zu Ihren zahlreichen berühmten Figurenschöpfungen zählen unter anderem Triton aus ARIELLE, DIE MEERJUNGFRAU (The Little Mermaid, US 1989), Gaston aus DIE SCHÖNE UND DAS BIEST (Beauty and the Beast, US 1991), Dschafar aus ALADDIN (US 1992), Scar aus DER KÖNIG DER LÖWEN (The Lion King, US 1994) und die Titelfigur aus HERKULES (Hercules, US 1997). Welche ist Ihre persönliche Disney Lieblingsfigur und warum?

Die Frage ist etwas schwierig zu beantworten. Animator/innen sagen immer, dass die gezeichneten Figuren quasi eigene Kinder werden, weil man sie so oft zeichnet und sehr viel Zeit mit ihnen verbringt. Eines meiner „Lieblingskinder“ ist wohl Scar. Seine Stimme in der Originalfassung kam von Jeremy Irons und seine Dialoge waren fantastisch. Da war schauspielerisch sehr viel ‘rauszuholen. Scar war ein Bösewicht, der es genoss, böse zu sein. Hinzu kam noch, dass er sehr intelligent war, eine gefährliche Kombination.

Dschafar hat sehr viel Spaß gemacht. Ich gab ihm ein Gesicht wie eine verzogene Maske. Das inspirierte mich auch, neue Gesichtsausdrücke zu erfinden, die spezifisch auf die Figur zugeschnitten waren. Lilo von LILO & STITCH (US 2002) war eine schöne Herausforderung, weil sie ihre Emotionen oft nur subtil zum Ausdruck brachte. Das heißt sehr wenig Bewegung, nur nuancierte Änderungen in ihrem Minenspiel und ihren Gesten. Ab und zu hatte sie einen Wutausbruch, zum Beispiel bei einem Streit mit ihrer Schwester Nani. Diese Situation erinnerte mich an meine eigene Kindheit, als meine beiden Schwestern oft laute Auseinandersetzungen hatten.

Andreas Deja: Zeichnung für Gaston aus BEAUTY AND THE BEAST) (© Andreas Deja / Disney Enterprises, Inc. 2020)

Die schwierigste Figur war Gaston. Er war zwar der Antagonist der Geschichte, aber er sollte attraktiv aussehen. Das hatte ich anfänglich nicht verstanden, weil böse Figuren ja fast immer böse dargestellt werden. Unser damaliger Studio-Chef Jeffrey Katzenberg erklärte mir damals das Thema unseres Films: „Man kann nie nach dem Äußeren gehen bei der Beurteilung anderer.“ Das Biest ist zwar zuerst furchtergreifend, es stellt sich aber heraus, dass es ein gutes Herz hat. Im Gegensatz dazu sieht Gaston gut aus, aber er ist eigentlich ein arroganter Typ, der sich sogar als Mörder entpuppt.

Hübsch aussehende Figuren erfordern immer einen gewissen Realismus in der grafischen Darstellung, was die Animationsarbeit erschwert. Extrem karikierte Figuren wie Roger Rabbit sind wesentlich einfacher darzustellen.

6. Wie kann man sich eine Figurenentwicklung wie beispielsweise Mama Odie in KÜSS DEN FROSCH (The Princess and the Frog, US 2009) vorstellen? Wie zeichnet und animiert man denn eine 197 Jahre alte Voodoo-Priesterin?

Ich wollte unbedingt Mama Odie übernehmen, weil sie eine neue Herausforderung für mich darstellte. Die Tatsache, dass sie blind war, sollte sich auch in der Animation zeigen. Sie benutzte ihre Schlange Juju gelegentlich als Blindenstock, aber zu Hause in ihrem Boot kannte sie sich ja aus und bewegte sich fast so, als ob sie sehen könnte.

Derartige Diskussionen über die Psyche und Verhaltensweise der Figur sind wichtig in einem Animationsteam. Mama Odie war zwar uralt, aber dank ihrer Voodoo-Zauberkraft konnte sie sich relativ jung halten und dementsprechend bewegen. Ihre faltige Gesichtshaut zu animieren, hat sehr viel Spaß gemacht.

7. Für DER KÖNIG DER LÖWEN holte Disney wie einst schon bei BAMBI und anderen klassischen Produktionen lebendige Tiere als Vorbilder zum Zeichnen ins Studio. Wie war das für Sie?

Andreas Deja nimmt Studien an einem Löwen aus einer Ranch für dressierte Film- und Fernsehtiere für THE LION KING (© Andreas Deja / Disney Enterprises, Inc. 2020)

Damals zeichneten wir zuerst in den Zoos von Los Angeles und San Diego. Aber die Löwen hielten sich oft weit entfernt auf, verschlafen unter einem Baum. Dann kam jemand auf die Idee, Kontakt mit einer Ranch aufzunehmen, wo wilde Tiere für Film- und Fernsehproduktionen ausgebildet werden. Folglich wurden mehrere Löwen verschiedenen Alters in einen großen Studiokonferenzraum gebracht, damit die Zeichner/innen diese Tiere ganz nah beobachten konnten. Das war natürlich alles sehr aufregend. Es gab keine Barriere als Sicherheitstrennung, nur wir auf unseren Zeichenbänken und die Löwen: zuerst ein Junges, dann ein einjähriges Weibchen und zuletzt ein sieben Jahre alter Löwe, den sie Joseph nannten. Wir waren alle „furchtbar“ beeindruckt von der enormen Größe und dem Gewicht dieser wilden Katzen. Das war eine wichtige Erfahrung, die uns half, unsere animierten Charaktere realistisch und glaubwürdig im Film darzustellen.

8. Welche Disney Figuren haben Sie als besonders einfach und welche als besonders herausfordernd empfunden und wo lagen deren Stärken und deren Schwierigkeiten?

Wie schon vorher erwähnt sind Cartoonfiguren wie Roger Rabbit oder Micky Maus relativ einfach zu zeichnen, weil mehr Surrealismus und weniger Realismus mitspielt. Das Publikum kann keine Fehler in der Bewegung von Roger Rabbit entdecken, weil es eine solche Figur ja nicht gibt. Aber Rehe wie Bambi oder ein Löwe wie Scar müssen mehr oder weniger anatomisch und in der Bewegung überzeugend dargestellt werden. Wenn der Gewichtswechsel von einem Bein auf das andere nicht korrekt aussieht, ist die Illusion, dass es sich um lebende Geschöpfe handelt, vermasselt.

Roger Rabbit zu animieren war relativ einfach. Die große Herausforderung bei seinem Film war für uns, die Figuren hundertprozentig in den Realfilm zu integrieren. Das war oft technisch sehr knifflig und viele Szenen brauchten mehrere Korrekturen, bis das Resultat natürlich und glaubhaft aussah.

Ich erwähnte Bambi, weil ich die Möglichkeit hatte, an BAMBI II – DER HERR DER WÄLDER (BAMBI II, US 2006) mitzuarbeiten. Die Produktion für dieses Projekt fand in einem Studio in Sydney statt. Da sich Bambi wie ein reales Rehkitz bewegt, sind auch hier vorerst Anatomie- und Bewegungsstudien erforderlich. In Australien gibt’s aber nur Kängurus in der Natur, keine Rehe. Wir unternahmen damals eine Studienreise zu einer örtlichen Farm, die Rehe aufzog und sie später an diverse Restaurants verkaufte.

9. Bitte verraten Sie uns doch etwas mehr über Ihren Arbeitsalltag: Wie kann man sich die Zusammenarbeit bei der Animation eines Disney Films vorstellen? Machen Sie als Chefzeichner die genauen Hauptentwürfe und sind das Vorzeichnungen, die dann von Assistent/innen in Reinzeichnungen vielfach übertragen und für die Vervielfältigung in Phasen für 24 Bilder pro Sekunde kopiert werden?

Als „Supervising Animator“ bin ich für eine bestimmte Figur in einem Trickfilm verantwortlich. Zuerst muss das endgültige Design festgelegt werden. Ich schaue mir an, wie verschiedene Storyboard-Künstler/innen oder eventuell Character-Designer/innen meine Figur in ihrer Arbeit grob angelegt haben. Verschiedene Posen und Mimiken geben mir einen ersten Eindruck, wer diese Figur ist. Danach entscheide ich, was für mich funktioniert und was besser aussehen könnte. Da geht es um Proportionen, Kostümentwurf, das Gesicht im Detail usw. Ich vergleiche dann meine grafische Version der Figur mit den anderen Figuren, um sicherzugehen, dass stilistisch alles aus einer Welt stammt. Erste Stimmaufnahmen geben mir einen guten Eindruck über die Psyche der Figur. Dies alles spielt sich in Absprache mit den Regisseur/innen ab. Aber letzten Endes muss ich mit dem Design der Figur einverstanden sein, da ich etwa ein Jahr mit ihr verbringen werde.

Die Animation selbst wurde immer noch an alten Vintage Disney Zeichentischen gefertigt, was enorm inspiriert hat. Mein Tisch gehörte früher Milt Kahl, der für viele Disney Figuren verantwortlich war wie Pinocchio, Bambi, Peter Pan und Shir Khan. Für jede individuelle Szene skizziere ich die Hauptphasen der Bewegung, die Positionen, die am wichtigsten sind. Mein Assistent erstellt die Zwischen-Phasen-Zeichnungen, die nötig sind, um die Bewegung flüssig und natürlich aussehen zu lassen. Für langsame Bewegungsabläufe reichen 12 Bilder pro Sekunde, für schnelle Action werden 24 benötigt. Nachdem die Regisseur/innen die Szene genehmigen, wird jede Zeichnung noch einmal sauber durchgepaust von Reinzeichner/innen. Ich kann als leitender Zeichner einer Figur aber nicht alle Szenen des Films animieren. Normalerweise hilft mir eine Gruppe von 4 oder 5 Zeichner/innen bei der Fertigstellung der gesamten Animation. Hinzu kommt noch, dass jede/r Zeichner/in die Figur ein wenig unterschiedlich darstellt, jede/r hat halt ihren/seinen eigenen Stil. Es ist dann meine Verantwortung, die Figur gleich aussehen zu lassen. Ich korrigiere dann entsprechende Zeichnungen, um eine visuelle Kontinuität zu erreichen. Das hört sich alles sehr aufwändig an, macht aber auch sehr viel Spaß.

10. Wie hat sich Ihr Arbeitsalltag als Zeichner im Laufe Ihrer Zeit bei Disney verändert – künstlerisch, ästhetisch, technisch?

Der Arbeitsablauf der Animation war durchweg mit Bleistift, Papier und Radiergummi ist er bei mir auch immer noch. Früher wurden die Zeichnungen unter einer Kamera fotografiert, später wurden sie eingescannt. Der Film ARIELLE, DIE MEERJUNGFRAU war der letzte, bei dem die Animationszeichnungen auf Klarsichtfolien übertragen wurden, bevor Künstler/innen im Ink & Paint Department Farbe hinzufügten. Anschließende Projekte benutzten digitale Farbgebung. Es gab also einige technische Neuerungen in der Postproduktion, aber der Job der Animator/innen blieb eigentlich unverändert.

Ich verließ Disney Ende 2010, als sich die Company nur noch auf Computeranimation einstellte. Die Kunst der animierten Zeichnung auf der Leinwand ist für mich immer noch das Wichtigste und das Faszinierendste.

Szenenfoto mit Bob Hoskins und Roger Rabbit aus WHO FRAMED ROGER RABBIT (© Andreas Deja / Disney Enterprises, Inc. 2020)

11. In der Folge FALSCHES SPIEL MIT ROGER RABBIT (Who Framed Roger Rabbit) aus der Disney+-Produktion DISNEYS REQUISITEN (Prop Culture, US 2020–) begegnen Sie Ihrer eigenen Trickfigur. Wie wurde das gemacht und wie war das für Sie?

Die Kombination von Trickfiguren mit Realfilm bei WHO FRAMED ROGER RABBIT war nicht einfach zu realisieren. Der gesamte Realfilm musste zuerst abgedreht werden, wobei sich die Schauspieler/innen imaginäre, gezeichnete Figuren nur vorstellen konnten: eine schwierige Aufgabe, mit Schauspielpartner/innen zu reden, die noch nicht existieren. Nach den Filmaufnahmen wurde jedes Einzelbild einer Szene auf dickes Fotopapier im Großformat ausgedruckt, 24 Stück für jede Sekunde. Ein/e Trickzeichner/in erhielt dann diesen Stapel an Fotos und konnte beobachten und analysieren, was in der bestimmten Szene passiert. Auf dieser Basis wurde die Animation auf separaten Papierbögen gezeichnet. Ein Videotest, der beide Elemente kombinierte, zeigte dann, ob sich die Trickfigur natürlich bewegte und ob sie sich in diese Realszene glaubwürdig einfügte. Das alles war sehr aufwändig und kostspielig. Unser Zeichenteam brauchte ein ganzes Jahr, mit vielen Überstunden, um die Animation fertigzustellen. Damals gab es noch die Folientechnik, das heißt jede Zeichnung wurde auf eine Klarsichtfolie übertragen und von Hand farbig gestaltet. Die Special-Effects-Firma ILM war für die endgültige Kombination von Trick- und Realfilm verantwortlich.

Andreas Deja mit seinem Buch „The Nine Old Men“ neben Leonard Maltin und dessen Buch „Of Mice and Magic“ auf dem Cinetopia Film Festival 2016 (© Andreas Deja 2020. Disney Enterprises, Inc.)
Andreas Deja mit seinem Buch „The Nine Old Men“ neben Leonard Maltin und dessen Buch „Of Mice and Magic“ auf dem Cinetopia Film Festival 2016 (© Andreas Deja /Disney Enterprises, Inc. 2020)

12. Sie sind selbst eine ausgezeichnete „Disney Legend“. 2015 haben Sie in Ihrem Buch The Nine Old Men: Lessons, Techniques, and Inspiration from Disney’s Great Animators aber die berühmten Nine Old Men der Disney Animatoren gewürdigt. Wer hat Sie selbst am meisten inspiriert?

Zur Zeit meiner Anstellung bei Disney lebten glücklicherweise die meisten der original Disney Zeichner noch. So hatte ich die Möglichkeit, sie kennenzulernen und ihnen 1000 Fragen über ihre Trickfilmkunst zu stellen. Und sie waren auch gerne bereit, mir Informationen und Ratschläge zu geben. Ich glaube, der wichtigste Hinweis war, dass man nicht Zeichnungen animiert, sondern Gefühle. Es geht ja hauptsächlich um die Emotionen der Figur, die muss ich als Zeichner selber fühlen und verstehen. Ich musste lernen, mich persönlich und künstlerisch auszudrücken. Diese Trickfilmkunst ist eigentlich mehr Schauspielerei als Zeichnen.

Inspiriert haben mich eigentlich all diese virtuosen Animatoren, denn jeder hinterließ fantastische und unvergessliche Figuren und Sequenzen in der Disney Tradition. Frank Thomas und Ollie Johnston animierten damals fast die Hälfte des DSCHUNGELBUCHS. Sie waren verantwortlich für das feinfühlige Verhältnis zwischen Mogli und Balu. Der beste Designer und Zeichner war Milt Kahl, seine Arbeit ist grafisch auf einem ganz hohen Niveau. Ein wirklicher Meister der Zeichenkunst, der fast allen Disney Figuren im Verlauf der Jahrzehnte ihren letzten Schliff gab. Sehr hilfreich war es auch, regelmäßig im Disney Animation Archiv zu stöbern. Dort werden so gut wie alle Zeichnungen und Gemälde der Trickfilme aufgehoben, millionenhaft.

13. Unsere Ausstellung rückt den Sound der klassischen Disney Filme besonders ins Zentrum. Wie kann man sich die Zusammenarbeit zwischen Zeichner/innen, Schauspieler/innen (Voice Actors/Actresses), Geräuschemacher/innen und Filmmusiker/innen vorstellen? Wissen Sie beim Zeichnen bereits, wie Ihre Figur später klingen soll und welche Geräusche und Musik sie begleiten wird?

Die Sprachaufnahmen werden immer aufgenommen, bevor die Animation beginnt. Man zeigt den Schauspieler/innen einige erste Entwürfe der Figur und bestimmte Storyboards, die wie bei einem Comicstrip den visuellen Ablauf einer Sequenz darstellen. Danach geht’s ins Tonstudio, wo Dialogpassagen eingesprochen und aufgezeichnet werden. Dabei sind die Regisseur/innen und die jeweils verantwortlichen Trickzeichner/innen der Figur anwesend. Oft werden unterschiedliche Versionen der Audio-Schauspielszenen probiert sowie diskutiert.

Die Tonaufnahmen gehen dann an die Trickzeichner/innen, die diese als Inspiration nutzen, um die Figur entsprechend grafisch festzulegen. Letzten Endes muss es ja so aussehen und sich anhören, als ob diese Stimme und Figur eins sind. Es werden Testanimationsszenen gezeichnet, die klarstellen sollen, dass Ton und Zeichentrick zusammen passen. Wenn es darum geht, ein gesungenes Lied zu animieren, basieren die Trickzeichner/innen ihre Arbeit auf einen sogenannten „Rough Track“: Der beinhaltet den endgültigen Gesang, aber nur ein vorläufiges Orchesterarrangement. Die finale Fassung des Lieds als auch der gesamten Filmmusik wird am Ende der Produktion aufgenommen, wenn der Film visuell fertiggestellt ist. Dasselbe gilt für die Geräusche.

14. Können Sie das an einem Beispiel demonstrieren?

Wie schon erwähnt sprach Jeremy Irons die Rolle von Scar in der Originalfassung von DER KÖNIG DER LÖWEN. Im Studio sprach er seine Dialoge souverän und auf perfekte Weise, in der Art wie er die Rolle dieses bösen Löwen interpretierte: machtgierig, hinterhältig. Ich erinnere mich, dass ich sofort begeistert war von seiner Auffassung des Charakters. Jeremy Irons fragte uns trotzdem regelmäßig, ob dieser oder jener Satz anders und vielleicht besser gesprochen werden könnte. Unsere Antwort war immer: „Nein, es ist so schon fantastisch und übertrifft unsere Erwartungen!“

Nach einigen Monaten hatte ich die Möglichkeit, Jeremy Irons einige meiner Animationsszenen zu zeigen, und es war für ihn das erste Mal, dass er sich als Trickfilmfigur sah. Er schaute konzentriert auf den Bildschirm und sagte: „Lieber Gott… der sieht ja so aus wie ich.“ Ich erklärte ihm, dass ich Scar absichtlich an seine Gesichtszüge angelehnt hatte. Einfach um sicher zu sein, dass seine Stimme zu meiner Figur passt. Er schien fasziniert davon zu sein und nahm es als Kompliment.

15. Hören Sie selbst gerne Musik beim Zeichnen und, falls ja, welche?

Wenn ich mit einer Animationsszene beginne, starre ich erst einmal lange aufs weiße Blatt Papier, bis mir einige Ideen kommen und ich erste imaginäre Bewegungen sehen kann. Zu dem Zeitpunkt muss absolute Funkstille sein, keine Musik, kein Ton. Das würde von der Konzentration ablenken.

Anders ist es, nachdem ich meine groben Skizzen als Testanimation gesehen habe und weiß, dass das Konzept für die Szene in Ordnung ist. Danach geht es daran, diese Skizzen zu verfeinern und Details hinzuzufügen. Dieser Prozess ist eher leger und dabei höre ich immer Musik: Klassik, Jazz oder Filmmusik (im Moment Max Steiner, Ennio Morricone und Hans Zimmer).

16. Welcher Disney Song zählt zu Ihren persönlichen Favoriten und warum?

Marc Davis: Zeichnungen für CINDERELLA (© Andreas Deja / Disney Enterprises, Inc. 2020)

Schwierig, sich da zu entscheiden, weil es so viele tolle Disney Songs gibt! Von den Klassikern vielleicht „A Dream is a Wish your Heart Makes“ aus CINDERELLA (US 1950). Im Walzertakt gesungen von Ilene Woods, die Stimme der Hauptfigur. Das Thema ist ja, seine Träume nie aufzugeben. Damit kann ich mich identifizieren, denn mein Traum war ja sehr utopisch, bei Disney als Trickzeichner zu arbeiten. Ich finde die Melodie auch wunderschön. Der Song wurde geschrieben von Mack David, Al Hoffman und Jerry Livingston.

Ein Song meiner Generation ist „He Lives in You“ aus der Bühnenmusicalfassung von DER KÖNIG DER LÖWEN. Er stammt zwar nicht aus dem Trickfilm, ist aber davon inspiriert. Thematisch geht es um die Trauer eines Sohnes, der seinen verstorbenen Vater vermisst. Eine Lebenserfahrung, die ich nachvollziehen kann. Unglaublich, wie dieser Song ganz sanft beginnt und am Ende mit intensiven afrikanischen Rhythmen in die Stratosphäre aufsteigt. Geschrieben von Lebo M mit Mark Mancina und Jay Rifkin.

17. Sie haben mehr als 30 Jahre für Disney gearbeitet. Wie hat Sie diese Zeit geprägt?

Dass ich meinen Lebenstraum verwirklichen konnte, ist mir immer noch unfassbar. Als ich damals als Jugendlicher meine Familie und Freunde über mein Berufsziel informierte, wurde ich natürlich gar nicht ernst genommen. Das Ganze sei nur eine Phase (bis mich die Vernunft wieder einhole). „Werde doch Kunsterzieher, dann bist Du vom Staat angestellt und bekommst eine gute Rente“, hieß es. Die Jahrzehnte bei Disney waren unglaublich in mehrerer Hinsicht:

Trickzeichnen beinhaltet eine bestimmte Lebensart: an fast allem interessiert zu sein, Menschen in ihren alltäglichen Verhaltensweisen zu beobachten, aber auch beim Sport. Was passiert speziell mit dem Körper beim Fußball, beim Schwimmen, beim Tanzen? Wie funktioniert das Spiel der Schultern, wenn ein Löwe geht. Wie verhält sich seine Mähne im Wind? Im Verlauf der Jahre entwickelt man eine große Kenntnis an Bewegung, Emotionen, Zeichnen und Schauspielerei.

Es war fantastisch, in mehreren Ländern für Disney zu arbeiten: FALSCHES SPIEL MIT ROGER RABBIT in London, der Micky Maus Kurzfilm MICKY MONSTER MAUS (Runaway Brain, US 1995) in Paris, BAMBI II in Sydney und LILO & STITCH in Orlando/Florida. Dadurch wurde mein Freundeskreis sehr international.

Ich bin auch froh, gelernt zu haben, in einem Team Probleme zu lösen und mich trotzdem persönlich künstlerisch ausdrücken zu können. Beim Zeichentrickfilm ist es einfach eine Tatsache, dass wenn andere Animator/innen eine gewisse Figur übernommen hätten, das Endergebnis völlig unterschiedlich aussehen würde. Wenn ich zum Beispiel den Dschinni gezeichnet hätte, würde der vollkommen anders auf der Leinwand agieren. Genauso wenn ein anderer Zeichner Dschafar animiert hätte, würde der auch sehr anders aussehen und sich verhalten. Man versuchte auch immer, einen sehr hohen Qualitätsstand zu erreichen, wie Disney ihn ja auch zu seiner Zeit verlangte. Und den will ich natürlich auch heute bei meinen eigenen Projekten beibehalten.

18. Sie sind schwul und haben in einem Interview mit News.com Australia gesagt, Disney sei trotz seines Rufs als konservatives Unternehmen nicht nur ein fortschrittlicher, schwulenfreundlicher Arbeitgeber, sondern es sei auch nur eine Frage der Zeit, bis sich die richtige Geschichte für eine nicht-heteronormative Beziehung finde. Wie lange müssen wir noch auf den ersten Disney Film mit queeren Hauptfiguren warten?

Das stimmt alles. Die sexuelle Orientierung der Angestellten war bei Disney einfach niemals ein Thema. Stattdessen waren die Fragen immer: „Was kann diese Person? Hat diese Person gute Ideen? Kann diese Person ein Team leiten? usw.“. Einer der tollsten Momente für mich war der Tag, an dem Disney erklärte, dass die Firma ab sofort Sozialleistungen wie eine Krankenversicherung an gleichgeschlechtliche Partner/innen der Angestellten zahlen würde. Am nächsten Tag gab es Protestmärsche vor dem Haupteingang des Studios. Konservative religiöse Gruppen waren damit gar nicht einverstanden und demonstrierten laut und heftig gegen diese neuen Maßnahmen an einem sehr heißen Sommertag. Was dann passierte, war unglaublich: Aus dem Rezeptionsgebäude kamen einige Disney Angestellte und reichten den Demonstranten Cookies und kalte Limonade. Die wurden auch gerne angenommen. Und das war dann das Ende der Proteste.

Ich bin jetzt schon lange nicht mehr bei Disney und weiß wenig über deren künftige Projekte. Es gibt seit einigen Tagen einen neuen Pixar Animations-Kurzfilm auf Disney+ mit dem Titel OUT (US 2020). Beim Inhalt geht es um einen jungen Mann, der zögert, seinen Eltern die Wahrheit zu sagen hinsichtlich der Beziehung zu seinem Freund. Die Story ist ziemlich clever. Wann Gay-Figuren als Hauptfiguren in einem langen Disney Animationsfilm auftauchen werden, weiß ich nicht. Aber ich glaube, es ist nur eine Frage der Zeit.

19. Zurzeit arbeiten Sie an eigenen Animationsfilmprojekten. Erzählen Sie uns doch gerne von Ihrem aktuellen Vorhaben!

Andreas Deja: Zeichnung für das Animationsfilmprojekt MUSHKA (© Andreas Deja 2020)

Ich bin derzeit dabei, einen halbstündigen, handgezeichneten Animationsfilm fertigzustellen. Die Produktion begann vor einigen Jahren, aber der Film wird im Dezember so gut wie fertig sein. Die Story ist von mir und zwei Kollegen erdacht: Es geht um das junge russische Mädchen Sarah, das in den 1970er Jahren einen sibirischen Tiger aufzieht. Sie nennt ihn „Mushka“, Russisch für „Liebling“. Das ist auch der Titel des Films. Wenn ihr Tiger aufwächst und eine bestimmte Größe erreicht, erfährt Sarah, dass es Leute gibt, die ihn töten wollen. Denn ein toter Tiger ist eine Menge wert. Aber sie will ihn natürlich retten. Das musikalische Motiv ist übrigens von Richard M. Sherman, der damals mit seinem Bruder Robert B. Sherman die Songs für MARY POPPINS (US 1964) und DAS DSCHUNGELBUCH schrieb. Unglaublich!!

Nebenbei kuratiere ich Ausstellungen für das Walt Disney Family Museum in San Francisco. Im letzten Jahr war es „Mickey Mouse, from Walt to the World“, die nächste Ausstellung für nächstes Jahr ist noch nicht offiziell angekündigt.

20. Was wurde Ihrer Erfahrung nach im Zeichentrick noch nicht gewagt und sollte unbedingt einmal versucht werden?

Zeichentrick ist Film, nicht unbedingt Kinderfilm. Es wäre interessant, Zeichentrickfilme zu sehen, die Storys beinhalten, die hauptsächlich für Erwachsene geeignet sind. Solche Filme gibt es eigentlich auch schon, aber die Animation ist fast immer limitiert oder zu stilisiert. Ein anspruchsvoller, voll animierter Animationsfilm für Erwachsene wäre etwas, für das ich mich begeistern könnte.

21. Wie sehen Sie die Zukunft des Zeichentrickfilms in Zeiten der Computeranimation?

Die Zukunft des kommerziellen Zeichentrickfilms sieht momentan nicht gut aus. Alle Studios wollen die Mega-CG-Dollars. Aber damals Anfang der 1980er Jahre war der Zeichentrickfilm ja auch fast tot. Filme wie CAP UND CAPPER (The Fox and the Hound, US 1981) sowie TARAN UND DER ZAUBERKESSEL (The Black Cauldron, US 1985) waren Flops. Ralph Bakshi hatte auch keinen Erfolg mit seiner Animationsadaption von DER HERR DER RINGE (Lord of the Rings, US 1978). Aber plötzlich gab es eine Wende, bei Disney wurde das Management gewechselt und auf einmal wurde Zeichentrick wieder ernst genommen mit Produktionen wie ARIELLE, DIE MEERJUNGFRAU und FALSCHES SPIEL MIT ROGER RABBIT. Ich hoffe, dass nach dieser Flut von CG-Filmen sich der viel persönlichere Zeichentrickfilm wieder etablieren kann.

22. Haben Sie ein bislang noch unrealisiertes Traumprojekt?

Es gibt ein Buch, das von einer Beziehung von Mensch und Tier im Zirkus handelt. Mehr dramatisch als komisch. Eine epische Geschichte, die in Deutschland beginnt und in den USA endet. Dafür bräuchte ich aber ein großes Studio zur Finanzierung. Nach MUSHKA würde ich gerne diese Story als langen Zeichentrickfilm produzieren. Ich könnte mir aber auch vorstellen, einen kleinen Kurzfilm zu animieren, in dem anthropomorphe Tiere die Hauptfiguren sind.

Vielen Dank!

 

Mehr von und über Andreas Deja im Internet

Andreas Dejas Blog „Deja View“:
andreasdeja.blogspot.com

Andreas Deja im Interview zu Gast bei „Volle Kanne“ (ZDF)

Wie zeichnet man Bambi mit Andreas Deja

Eine Tour durchs Disney Family Museum mit Andreas Deja

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