Zum 111. Geburtstag von Franz Schömbs (1909-1976), Maler von Bewegtbildern

von Louise Burkart

Als eine von vielen aktuellen Filmrestaurierungen des DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum hat sich das DFF-Filmmarchiv jüngst dem Werk von Franz Schömbs gewidmet. Seine fünf technisch aufwendigen Kurzfilme, die über einen Zeitraum von 25 Jahren entstanden sind, gerieten nach seinem Tod 1976 in Vergessenheit. Erst in den letzten Jahren wurden sie durch Vorführungen bei internationalen Festivals und Filmmuseen über die deutschen Grenzen hinaus wiederentdeckt.

Ausschlaggebend für diese späte Anerkennung war die Retrospektive „Geliebt und verdrängt – Das Kino der jungen Bundesrepublik Deutschland von 1949 bis 1963“ beim Filmfestival in Locarno 2016. In enger Zusammenarbeit mit dem DFF wurden Werke großer Namen wie Wolfgang Staudte, Robert Siodmack und Helmut Käutner gezeigt – und dazwischen auch ein Film von Franz Schömbs: DEN EINSAMEN ALLEN (BRD 1962). Seitdem wurden Schömbs Filme erneut vor Publikum, u.a. in Portugal, in Italien und in den USA, gezeigt. Dies bot für das Filmarchiv des DFF den Anlass, das frühe Schaffen des Malers und Filmemachers zu digitalisieren.

Franz Schömbs in seinem Atelier. DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum, Frankfurt am Main / Nachlass Franz Schömbs

Wie Norbert Pfaffenbichler es in der begleitenden Publikation zur Locarno-Retrospektive ausdrückt: „Schömbs betätigte sich […] nicht nur als Maler und Filmemacher, sondern auch als Konstrukteur, Ingenieur, Mathematiker und eben »zeitweise Chemiker«“. Die Vielfalt seiner Interessen war von den damaligen technischen Möglichkeiten inspiriert. In Kontinuität zu den filmischen Experimenten der 1920er Jahre und Künstlern wie Oskar Fischinger und Hans Richter verstand auch der Maler Schömbs Film als Erweiterung seiner bildenden Kunst. Mit einer selbstgebauten Maschine, die er Integrator nannte, stellte er drei seiner Filme her: OPUSCULA (1946-1952), DIE GEBURT DES LICHTS (1957) und Teile von FARBEN, TATEN UND LEIDEN DES LICHTS (1959). Mehrere meterlange, bemalte Papierbänder kreuzen und drehen sich, während eine Trickfilmkamera die durch angeordnete Spiegel und Lampen die entstandene Komposition aus Farben und Licht aufnimmt.

Eine kurze und oft an den Film gekoppelte Dokumentation zur Entstehung von DIE GEBURT DES LICHTS:

 

Als Filmarchivar/innen waren wir glücklich, für die Digitalisierung von OPUSCULA und DIE GEBURT DES LICHTS auf Originalelemente zurückgreifen zu können: Für OPUSCULA stand ein 16mm Kodachrome Umkehrpositiv zur Verfügung, ein Originalbildnegativ von AGFA für DIE GEBURT DES LICHTS. Die Wiederherstellung der pastellartigen Farbpalette und des ursprünglichen Grades der Sichtbarkeit ihrer technischen Machart war eine der Herausforderungen in der Restaurierung beider Werke.

Filmstills aus DIE GEBURT DES LICHTS (BRD 1957, R: Franz Schömbs, rest. Fassung). Quelle: DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum

 

Obwohl FARBEN, TATEN UND LEIDEN DES LICHTS auch auf AGFA Material gedreht wurde, ist nur eine Positivkopie von EASTMAN KODAK aus dem Produktionsjahr 1959 erhalten – diese ist heute leider rotstichig. Nicht nur war ein Teil der originalen Farbgestaltung des Films bis jetzt verloren, auch das Ausbleichen des Materials machte das von Schömbs entwickelte technische Verfahren in der Kopie sehr viel stärker sichtbar, als es zur Zeit der Veröffentlichung gewesen war.

Vorher-Nachher-Vergleiche aus FARBEN, TATEN UND LEIDEN DES LICHTS (BRD 1959, R: Franz Schömbs, originale und rest. Fassung). Quelle: DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum

 

Original-Negativ des Films DEN EINSAMEN ALLEN (BRD 1962. R: Franz Schömbs). Quelle: DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum

DEN EINSAMEN ALLEN, auch bekannt als TRANSREALE STRUKTUREN, brachte die meisten Überraschungen. Die Erste war, dass es sich nicht um alternative Titel des gleichen Werks, wie bis dato gedacht, sondern um zwei verschiedene Fassungen handelte. Diese unterschieden sich in Schnittabfolge, Musik und Länge. Wir haben uns für die Digitalisierung der Fassung von DEN EINSAMEN ALLEN entschieden, die bei der Internationalen Filmwoche Mannheim 1963 uraufgeführt und ab diesem Jahr vom Verleih Inter Nationes vertrieben wurde – mit der Musik von Karl Otto Mathé und einer Länge von 263 Metern nach FSK-Prüfantrag . Die Materiallage war ähnlich komplex: Bis zur vorführbaren Kinokopie durchlief der Film bis zu sechs verschiedene Produktionsstufen, u.a. wurden auch hochkontrastige Positive erstellt, sodass das verfügbare, schwarz-weiße Originalnegativ ohne Doppelbelichtungen und figurative Personen keine geeignete Quelle bildete (Bild links).

Um Franz Schömbs mühsame, aber exakt geplante Bearbeitungsschritte zu honorieren und in ihrer ursprünglichen Form zu bewahren, sind wir beim Scan von einer späteren Kopiengeneration ausgegangen. Schmutz und Farbflecken, die während der damaligen Entwicklungsprozesse entstanden waren, wurden beibehalten.

Auszüge aus Notizen zu DEN EINSAMEN ALLEN (BRD 1962. R: Franz Schömbs). DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum, Frankfurt am Main / Nachlass Franz Schömbs

Nachdem mehrere rotstichige und teils unvollständige Kopien im Umlauf waren, sind mit der Restaurierung von vier Werken Franz Schömbs seine filmischen Farbexperimente heute digital für das Kino verfügbar.

Filmstills aus DEN EINSAMEN ALLEN (BRD 1962, R: Franz Schömbs, rest. Fassung). Quelle: DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum

Franz Schömbs beschäftigte sich in seinen künstlerischen Arbeiten mit der Beziehung von Zeit und Raum und entwarf zahlreiche Gemälde und Zeichnungen. Gemeinsam mit zwei anderen Filmschaffenden hat er an einer Adaption von Oskar Schlemmers TRIADISCHES BALLETT aus dem Jahr 1970 gearbeitet. Es ermöglichte Schömbs, dieser Choreographie, zusammen mit Margarete Hasting und George Verden, farbige Bewegtbilder zu schenken.

Sechs Jahre später, 1976, starb Schömbs in München. Im gleichen Jahr fand eine Atelierausstellung statt, nachdem seine Arbeiten während fast seiner gesamten Lebenszeit miss- oder unverstanden geblieben waren. Zwischen Vorkriegsavantgarde und dem Experimentalfilm der 1950er und 1960er ist Franz Schömbs das Bindeglied und einer der wenigen Künstler, die in der Nachkriegszeit in Deutschland  abstrakte Filme herstellten.

1994 erhielt das DFF den filmischen Nachlass von seiner Witwe Anneliese Schömbs mit freundlicher Unterstützung der Künstlernachlässe Mannheim.

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