Fünf Highlights aus dem Programm des 14. LICHTER Filmfests

von Tobias Hüser

Ob kleiner Film aus Hessen oder großes Weltkino aus Südamerika, Videokunst, virtuelle Realitäten oder Gesprächsrunden rund um die deutsche Filmpolitik – die Bandbreite des LICHTER Filmfest Frankfurt International hat es jedes Jahr in sich. Am 27. April startet nun die 14. Ausgabe, pandemiebedingt zum zweiten Mal online. Die Filme des Festivals sind bis 9. Mai, sieben Tage über den regulären Festivalzeitraum hinaus, auf einer Streaming-Plattform zu sehen. Keinesfalls verpassen sollte man diese fünf Filmtipps aus dem diesjährigen Programm. 

 

Ob Genderidentität, Migration, Strukturwandel in der Arbeitswelt oder Gentrifizierung und soziale Verdrängung – die Filme des internationalen LICHTER-Programms spiegeln das Festival-Jahresthema „Wandel“ auf ganz unterschiedliche Art und Weise wider. Wie für viele andere Syrer ist auch für Sam der Bürgerkrieg in seinem Land ein lebensverändernder Moment. Er ist nach Beirut geflüchtet, seine Freundin Abeer von den Eltern an einen syrischen Diplomaten in Belgien verheiratet.

Wie Sam die verlorene Liebe wiederfinden will, erzählt das satirische Filmdrama THE MAN WHO SOLD THE SKIN, dass bei der Oscarverleihung 2021 als bester internationaler Film nominiert ist. Kaouther Ben Hanias Film erzählt aber nicht nur von Sams Plan, als lebendiges Kunstwerk ein Schengen-Visum (!) zu erhalten. Er wirft weitergehende Fragen auf: Was darf Kunst, wo beginnt Ausbeutung und darf ein Mensch in seine Ausbeutung einwilligen? Diese schwerwiegenden Themen verpackt Hania in einen überraschend unterhaltsamen Film.

In der Sektion „Zukunft Deutscher Film“ versammeln die Festivalmacher:innen jedes Jahr eine kleine Auswahl an Filmen, die in den Monaten für Aufsehen im Festivalzirkus gesorgt haben. Besonders zu empfehlen im diesjährigen Programm ist ein Film der Österreicherin Sandra Wollner, die an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg studiert hat. Bereits ihr erster Langfilm DAS UNMÖGLICHE BILD war einzigartig. Ihr Zweitling THE TROUBLE WITH BEING BORN erhielt bei der Berlinale den Spezialpreis der Jury in der Sektion Encounters. Der Film erzählt von einem Android, dessen Verhaltensweisen irritieren und provozieren. Nicht wie in anderen Android-Filmen (beispielsweise dem ebenfalls sehenswerten ICH BIN DEIN MENSCH von Maria Schrader) hebt der Film auf die künstliche Intelligenz der Maschinen ab, sondern macht das Wesen zu einem Spiegelbild menschlicher Sehnsüchte. Ein herausforderndes Werk, das hoffentlich bald auch im Kino zu sehen ist.

Das älteste Standbein des LICHTER Filmfests offenbart häufig Filmschätze, die viel zu selten eine reguläre Kino-Auswertung erleben. COUP ist so ein Beispiel – ein Film, der viel mehr Aufmerksamkeit verdient hätte. Denn wer eine verrückte Ganovengeschichte zu schätzen weiß, wird diesen Low-Budget-Film lieben. Basierend auf einer wahren Geschichte handelt der Film von einem Bankenskandal, von dem vorher wohl noch nie jemand etwas wusste. Die kurzweilige Mischung aus Originalinterviews, Animationen und Spielszenen ist für einen unterhaltsamen Abend absolut empfehlenswert.

Sven O. Hill hat für COUP im vergangenen Jahr verdientermaßen den Hessischen Filmpreis erhalten. Gleiches trifft auf Marc Bauder zu, der mit WER WIR WAREN einen dokumentarischen Streifzug durch die Gegenwart der Menschheit geschaffen hat. Von den Tiefen des Ozeans bis zur Unfassbarkeit des Weltalls erforscht der Film die Herausforderungen unserer Zeit. Ob Alexander „Astro-Alex“ Gerst in der Raumstation ISS oder Post-Humanistin Sylvia Earle auf ihren Forschungsreisen zur künstlichen Intelligenz – die Wissenschaftler:innen stellen sich die Frage, wie wir eine lebenswerte Zukunft gestalten können. Philosophische Gedanken aus Essays des Autors Roger Willemsen lieferten die Inspiration zu dem Film. Die als Voice-Over vorgetragenen Passagen verschaffen den Zuschauer:innen eine zusätzliche Möglichkeit zur Reflexion.

Die Jury des LICHTER Art Award hat im letzten Jahrzehnt immer wieder ein gutes Gespür für aufstrebende Videokünstler*innen bewiesen. Im zweiten Jahr der Pandemie hat LICHTER die 11. Ausgabe nun vom Ausstellungsraum ins Netz verlegt. Unter anderem ist die Frankfurter Hauptschule mit dem Video-Essay MOTOR im Wettbewerb vertreten. Inwieweit zeitgenössische Videokunst auch im virtuellen Raum funktioniert, wird man sehen. Eine willkommene Abwechslung zum üblichen Programm von Online-Festivals sind Wettbewerbsformate wie dieser oder der Virtual Reality Storytelling Award auf jeden Fall.

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