Das Filmfestival Mannheim Heidelberg geht mit hochkarätigem Lineup online

Das Internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg (IFFMH) entdeckt und fördert junges Filmschaffen aus der ganzen Welt mit einem Schwerpunkt auf das internationale Autorenkino.  Seit 1952 bietedas Festival eine Plattform des kulturellen, politischen und gesellschaftlichen Dialogs durch Filmkunst für ein überregionales Fachpublikum. 

Mit einem neuen Team und einem höheren Budget sollte die 69. Ausgabe in den Mannheimer und Heidelberger Kinos groß gefeiert werden – aber wie so viele Veranstaltungen in diesem Jahr wurde auch diese nun in den Online-Raum verlegt. Immerhin: So erreichen die mehr als 40 ausgewählten filmischen Entdeckungen ein interessiertes Publikum deutschlandweit. 

Die Redaktion des DFF hat sich im Vorfeld eine Auswahl der Festivalfilme angesehen: Ein kleiner Vorgeschmack auf elf Tage Streaminggenuss, die das Festival vom 12. bis 22. November auf expanded.iffmh.de anbietet. 

Frauke Haß über: 

HOME FRONT © The Party Film Sales

Sektion: Pushing The Boundaries

DES HOMMES – Home Front  (FR/BG 2020, R: Lucas Belvaux)

Knubbelnase Gérard Depardieu spielt einen soziopathischen Rassisten, der in seinem Heimatdorf als unberechenbarer Outlaw gilt. Als er den 60. Geburtstag seiner Schwester Solange mit einem wütenden Auftritt sprengt, drängen die Erinnerungen aller an die Oberfläche. Erinnerungen an den Kolonialkrieg Frankreichs in Nordafrika, der bei den Männern im Dorf Spuren hinterlassen hat. Depardieu dominiert den Film durch seine Präsenz, doch wie sich ein sympathischer junger Mann zu einem Mann entwickeln konnte, der nur seine eigenen Regeln gelten lässt und mit dem so gut wie niemand etwas zu tun haben will, leitet der Film nicht wirklich her.

Frauke Haß über:

Lorelei ©Visit Films

Sektion: On The Rise

LORELEI (US 2020, R: Sabrina Doyle) 

LORELEI ist der Film zur US-Präsidentenwahl: Sabrina Doyle erzählt in ihrem überaus gelungenen Debüt die Geschichte von Wayland und Lola, die in ihrem Heimatort in Oregon versuchen, über die Runden zu kommen, dabei aber stets aufs Neue zu scheitern scheinen. Schuldlos sind sie dabei keineswegs. Der frühere Biker Wayland war 15 Jahre wegen eines bewaffneten Raubüberfalls im Gefängnis und Lola hat drei  – vielleicht allzu entzückende – Kinder von drei verschiedenen Vätern und jobbt als Putzkraft in einem Motel. Nach Waylands Rückkehr aus dem Gefängnis versuchen die beiden da anzuknüpfen, wo sie aufgehört haben. Ihre Liebe scheint dabei eines der wenigen Güter zu sein, auf das sie sich verlassen können. Doch angesichts der Geldnot werden sie immer wieder auf die Probe gestellt. Und Lola erinnert Wayland beharrlich daran, dass sie einst ein besseres Leben wollten. Sie ist entschlossen, ihre Träume zu verwirklichen. Jena Malone und Pablo Schreiber geben dieses Paar mit bezwingender Intensität.

Marie Brüggemann über:

HIGH TIDE © Vega Cinea

Sektion: Pushing The Boundaries

MAREA ALTA – High Tide (AR 2020, R: Verónica Chen)

Fem Fact: Mehr als die Hälfte der IFFMH-Wettbewerbsfilme sind IFFMH-Regiearbeiten und insgesamt schlägt das Festival laut Macher/innen einen feministischen Ton an – hier reiht sich wohl Verónica Chens MAREA ALTA ein: Was macht eigentlich eine starke Frau aus? Ein selbstbestimmtes Leben? Sich zu nehmen, was man will? Auf Laura, die einige Tage das Strandhaus der Familie hütet, um die dort laufenden Bauarbeiten zu überblicken, trifft das zu. Und gerade, als das Bild der starken Frau unter Enttäuschungen und Demütigungen ins Bröckeln gerät, als man glaubt, der Film schlage nun eine andere Richtung ein, nimmt Laura ihr Schicksal abermals selbst in die Hand – jetzt erst recht, sozusagen. Ein Film mit unvorhersehbarem Verlauf, mit interessanten Darstellern, mit guter Musik – und doch ohne Antwort auf die eingangs gestellte Frage, denn gerade, wenn man überlegt, ob einen das filmisch wunderbar umgesetzte Ende zufriedenstellen kann, folgt unerwartet eine weitere Szene – das wirkliche Ende. Und auch das lässt einen mit vielen Fragen zurück… 

Jenni Ellwanger über:

FANNY LYE DELIVER’D © Alamode

Sektion: Pushing The Boundaries

FANNY LYE, DELIVER’D (GB/DE 2019, R: Thomas Clay)

Auch FANNY LYE prägt ein feministischer Impetus. Die Handlung spielt im englischen Dorf Shrophire des Jahres 1657 und wird begleitet von einer weiblichen Erzählstimme: Auf der Flucht vor dem Sheriff sucht ein junges Quäker-Pärchen, die Stimme gehört der Frau, Unterschlupf bei einer puritanischen Farmersfamilie. Ihre ‚häretischen‘ Ansichten zur Gleichheit von Mann und Frau und vor allem zu sexueller Lust und Freizügigkeit führen die Geflüchteten offensiv ihren unfreiwilligen Gastgebern vor. Bei Farmersfrau Fanny Lye treffen sie auf einen Nerv. In einem für historische Filme dieser Zeit ungewohnt cleanen, farbenfrohen Setting entspinnt sich innerhalb der vier Wände des Hofes ein Kampf der Weltanschauungen, der mit immer härteren Bandagen ausgefochten wird. Ein Gewaltexzess wird zum Wendepunkt und Befreiungsschlag aus der sittenstrengen Unterworfenheit für Fanny Lye. Diese innere Wandlung zeigt der Film vor dem historischen Hintergrund nicht ganz überzeugend, dafür umso vorhersehbarer.

Jenni Ellwanger über: 

GENUS, PAN © sine olivia pilipinas

Sektion: Pushing The Boundaries

GENUS, PAN (PH 2020, R: Lav Diaz)

Der Mensch – auch nur ein Affe: Der neueste Film des philippinischen Regisseurs Lav Diaz, wie gewohnt langsam und in schwarz/weiß inszeniert, führt drei Männer auf eine abgründige Reise durch den Dschungel. Die Geschichte und Gegenwart der Insel, auf der Schmuggel und Goldgräberei ebenso zu Hause sind wie Ausbeutung und Gewalt vermischt sich in den Gesprächen der drei Minenarbeiter und ihres Umfeldes mit den Mythen und Legenden, die man sich hier erzählt. Noch brachialer als die Natur selbst sind in dieser Geschichte nur die Menschen, die in ihr leben. Große Kraft entwickelt der Film aus den Erzählungen und Anekdoten der Inselbewohner entlang der Reise, jede wie ein eigener Film. Ein großartiges Filmerlebnis.

Sarah-Lisa Henning über:

GOLD FOR DOGS © WTFilms

Sektion: On The Rise

GOLD FOR DOGS (FR 2020, R: Anna Cazenave Cambet)

Das eindrucksvolle Debüt von Anna Cazenave Cambet zeigt ein Teenager-Leben auf dem Höhepunkt: die Zeit in einem jungen Leben, in der man sich seiner Entscheidungsfähigkeiten so sicher ist, während man völlig orientierungslos durch die Welt stapft. Im Zentrum des coming-of-age-Films steht die 18-jährige Esther, die im Begriff ist, ihre erste große Liebe zu verlieren. Sie lernt Jean während ihres Sommerjobs im Süden Frankreichs kennen und die beiden verbringen den Sommer miteinander. Doch nun zieht Jean nach Paris, und da Esther weder ein gutes Verhältnis zu ihrer Familie hat, noch genug Willen, ihren Eisdielen-Job weiterzuverfolgen, entschließt sich die Schwerverliebte, ihm nachzureisen. Dort angekommen, erfährt sich jedoch schnell, dass Jean sie schon längst aus seinem Leben ausgeschlossen hat. Allein in einer unbekannten Stadt und ohne Geld, findet Esther in einem Kloster Unterschlupf. Der Film bietet tiefgründige und manchmal überraschende Einblicke in die ungeschönten Realitäten des Erwachsenwerdens.    

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