JE SUIS KARL

Von Frauke Haß

Das mittelalte Paar, das sich in Christian Schwochows Film JE SUIS KARL (DE 2021) auf die weite Reise von Berlin nach Budapest macht, um den dort gestrandeten Geflüchteten Yusuf heimlich nach Deutschland zu schmuggeln, ist in seiner überdrehten Albernheit nicht unbedingt sympathisch. Typische Biodeutsche, denkt man sich, obwohl Inès (Mélanie Fouché) Französin ist. Doch die Eingangsszene macht klar: Nette Menschen. Die riskieren sogar was, um einen losen Urlaubsbekannten aus einer existenziell bedrohlichen Lage zu befreien. Aber ziemlich stolz auf sich sind sie dabei eben auch.

Monate (oder gar Jahre?) später nimmt Inès‘ Mann Alex (Milan Peschel) im Hausflur ein Paket für eine Nachbarin an. Weil er den Wein im Auto vergessen hat, erwischt die Paketbombe ihn nicht, die das gesamte Wohnhaus zerstört, und dabei Inès und die beiden kleinen Zwillingssöhne tötet. Der Schock wirft ihn komplett aus der Bahn. Das gilt in völlig anderer Weise auch für seine (fast) erwachsene Tochter Maxi (Luna Wedler), die nur durch einen Zufall überlebt hat. Die junge Frau irrt trauernd und zornig durch die Stadt und weiß nicht, wohin mit sich. Von ihrem langsam durchdrehenden Vater wendet sie sich ab und scheint erst dann wieder ein bisschen Lebensmut zu entwickeln, als sie den jungen Karl (Jannis Niewöhner) kennenlernt, der sie geschickt, charmant und intrigant in eine Affäre und seine dubiose Organisation lotst. Erst nach und nach findet Maxi heraus, was die Ziele der Bewegung sind, die sich unter anderem gegen Einwanderung wendet. Doch da ist sie längst das charismatische Maskottchen der Organisation geworden, das als „Überlebende des Bombenanschlags von Berlin“ die Emotionen gegen Geflüchtete schüren helfen soll.

Regisseur Christian Schwochow und Drehbuchautor Thomas Wendrich entfalten in eindringlichen Filmbildern die perfide Story einer rechtsextremen Organisation, die vor keinen Mitteln zurückschreckt, zuerst das Stimmungsbild in der Gesellschaft zum Kippen zu bringen, um schließlich einen Aufstand anzuzetteln, der die Machtübernahme zum Ziel hat. Auf sehr anschauliche Weise zeigt der Film, wie eine politische Bewegung mit den Mitteln der Verführung, mit Musik, Party, Debatten und Gemeinschaft – und mit schlichter Agitation – tausende junge Leute an sich bindet. Maxis Familie ist ein Bauernopfer in diesem politischen Strategiespiel und erst als die ersten Schüsse fallen, dämmert ihr langsam, in was sie sich in ihrem trauernden Zorn hat hineinziehen lassen.

Luna Weidler spielt diese Maxi Baier mit einer so unmittelbaren Emotionalität, dass es weh tut: ihr Zorn, ihre Verliebtheit, ihre Verletztheit greifen einen an. Unentwegt möchte man sie warnen, beschützen vor der manipulativen Kraft, die der herausragende Jannis Niewöhner in seinen Karl legt, dem man den charismatischen Verführer ebenso abnimmt, wie den eiskalten Killer.

Schwochows Film kommt zur rechten (sic!) Zeit, und wer im Pandemiejahr Nummer zwei aus dem Kino tritt, schaut sich automatisch um, ob die rechten Horden schon um die Ecke kommen. Möge dieser Film bis zur Bundestagswahl noch viele erreichen und dazu motivieren, demokratische Parteien zu wählen.

JE SUIS KARL läuft am 16. September an.