Kopfkino mit David Lean

von Jens Kaufmann

Ein Herzensprojekt nicht mehr fertigzubekommen und darüber zu sterben, ist wohl mit das tragischste, was einem kreativen Geist zustoßen kann. Genau das wiederfuhr David Lean, der heute vor 30 Jahren verstarb, nachdem er fünf Jahre lang versucht hatte, Joseph Conrads Roman Nostromo (1904) auf die Leinwand zu bringen.

Der zweifache Oscar®-Gewinner (für BRIDGE ON THE RIVER KWAI (GB 1957) und LAWRENCE OF ARABIA  (GB 1962)) hatte nach dem Erfolg seiner Literaturverfilmung A PASSAGE TO INDIA (GB/US 1984) nach dem gleichnamigen Roman von E.M. Forster seine lange verloren gegangene Freude am Filmemachen wiedergewonnen und wollte sich nun daran machen, Conrads Meisterwerk, gleichermaßen Polit- wie Abenteuerroman, voller großartiger, literarischer Figuren, filmisch umzusetzen.

Wie praktisch alle von Conrads Werken ist Nostromo alles andere als leicht verfilmbar – bis heute gibt es nur eine einzige Spielfilmadaption, den verloren gegangenen Stummfilm THE SILVER TREASURE (US 1926. R: Rowland V. Lee). Der Titel des Films sowie die verbliebenen Szenenfotos lassen vermuten, dass sich die Verfilmung wahrscheinlich ganz auf den Abenteueraspekt des Romans konzentriert hat.

Szenenfoto aus THE SILVER TREASURE. Quelle: IMDB

Am Drehbuch für sein Nostromo-Projekt arbeitete Lean zunächst zusammen mit dem Dramatiker Christopher Hampton, allerdings verzweifelte der recht bald an Leans Arbeitsweise. Schließlich versöhnte sich Lean wieder mit seinem langjährigen Co-Autor Robert Bolt, mit dem er das Drehbuch weiter überarbeitete und umschrieb. Die letzte Version des Drehbuchs vom Januar 1991 sowie diverse Storyboards finden sich in diesem Blogbeitrag von Tim Pelan auf Cinephilia & Beyond.

Eine endgültige Version wäre dieses Drehbuch jedoch sicher nicht gewesen, und auf dem Weg dahin hatte sich David Lean auch noch gleich mit zwei eigentlich willigen Produzenten nacheinander entzweit: Steven Spielberg und Serge Silberman. Der Weg zum fertigen Werk war noch weit, als er am 16. April 1991 mit 83 Jahren an Kehlkopfkrebs verstarb. Nostromo bleibt somit eines der großen Werke der Weltliteratur, dem der Weg auf die Leinwand im großen Stil vorerst weiter versagt geblieben ist. Immerhin gab es 1996 einen britisch-italienischen Nostromo-Fernseh-Vierteiler, der kein wirklich großer Wurf war, aber zumindest versuchte, Conrads Roman werkgetreu umzusetzen:

Als Schlusswort an dieser Stelle ein schönes „Was wäre wenn…“ der Filmgeschichte: 1969 drehte David Lean auf der irischen Halbinsel Dingle als lose Adaption von Gustave Flauberts Madame Bovary das Epos RYAN’S DAUGHTER (GB 1970). Die negativen Kritiken stürzten Lean in eine 14 Jahre andauernde Schaffenskrise. Was wäre wohl dabei herausgekommen, wenn Lean sich 1969 gleich Nostromo angenommen hätte? Vielleicht mit Julie Christie als Emilia Gould, Omar Sharif als Nostromo, Alain Delon als Decoud, Anthony Quinn als Giorgio Viola, Eli Wallach als Oberst Sotillo und natürlich Alec Guinness  als Dr. Monygham? Man darf ja träumen – und am Ende bleibt immer noch Conrads wundervoller Roman für das eigene Kopfkino.

Inspiration für das eigene Kopfkino bietet Sarah Brauckmanns Alienität und Alterität: Raumkonzepte in den Filmen David Leans, gerade erschienen beim Schüren Verlag. Mehr…

Titelbild: Omar Sharif in David Leans LAWRENCE OF ARABIA. Quelle: Cinémathèque Suisse, Lausanne. Der Film steht zum Streaming auf Amazon, Netflix und weiteren Plattformen zur Verfügung.

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