Schicksalhafte Nachbarschaft

Jeder hat sie, ob gern oder auch nicht: Nachbar/innen. Häufig kennt man sich flüchtig, nur vom Sehen oder als Paketlieferanten. Andere Male füttert man während der Urlaubszeit gegenseitig die Haustiere oder freundet sich an. Manchmal kennt man sich beinahe zu gut, möchte nur schnell ungesehen den Müll wegbringen ohne dass die Tür nebenan aufgeht und man die Einladung zum Kaffeeklatsch nur mit Mühe ausschlagen kann. Doch was passiert, wenn Nachbar/innen sich als Teil des eigenen Schicksals herausstellen?

Frau Stern, die Protagonistin des gleichnamigen Films von Anatol Schuster, fühlt sich sichtlich wohl in ihrem Kiez, umgeben von vielen jungen Menschen. Mit 90 Jahren beschließt sie jedoch zu sterben und macht sich auf die Suche nach einer Waffe, um ihr Leben zu beenden. Sonderlich hilfsbereit zeigt sich ihre Nachbarschaft dabei nicht – mehrmals bekommt sie Drogen angeboten aber an eine Waffe gelangt sie erst, als sie diese einem Gaunerpärchen abnehmen kann, das sich hinterlistig Zutritt in ihre Wohnung verschafft hat („Wir sind die neuen Nachbarn!“).. Wird sie sich nun für den ersehnten schnellen Abgang oder doch für den Rausch des Lebens entscheiden?

In einer sehr bewegenden Szene singt Frau Stern Gershwin’s Summertime: „One of these mornin’s, you’re gonna rise up singin‘, then you’ll spread your wings and you’ll take to the sky”. Bei seinem Besuch im DFF berichtete Regisseur Anatol Schuster vom Dreh dieser Szene. Denn die Darstellerin Ahuva Sommerfeld sei bereit gewesen alles zu tun für diesen Film – außer zu singen. Zum Glück tat sie es schließlich doch. Der erste und einzige Take überwältigte das Team so sehr, dass sie sowohl vergaßen die Kamera auszuschalten als auch zu klatschen. Leider konnte Ahuva Sommerfeld vom Erfolg des Films nur sehr wenig erfahren, denn sie verstarb kurz nach der Premiere. Der Witwer Ove in EN MAN SOM HETER OVE (dt. EIN MANN NAMENS OVE, SE 2015, R: Hannes Holm) hat es definitiv nicht weniger leicht mit seiner Nachbarschaft. In seinen eigenen Worten ist sein Schicksal sogar „das Ergebnis der Dummheiten seiner Nachbarn“. Mehrmals verhindern sie seine Suizidversuche, sei es, dass sie gegen eine der Siedlungsregeln verstoßen, ihn mit Herzlichkeit und Hilflosigkeit überschütten oder einfach nur anwesend sind. Auf eine spezielle Weise erfüllen sie ihm dennoch seinen Wunsch zu sterben, denn sie erinnern ihn an sein zu großes Herz.

Obwohl es besonders hilfsbereit wirkt, sind es doch nur egoistische Beweggründe, die den Autor Alan Bennett dazu bewegen, der in einem Lieferwagen campierenden Obdachlosen Mary Sheppard für ein paar Wochen Asyl in seiner Auffahrt zu gewähren. Er möchte einfach nur in Ruhe arbeiten. Dass die exzentrische Nervensäge für 15 Jahre bei ihm bleiben und ihm das Leben schwer machen würde, hätte er nach eigener Auskunft niemals erwartet. In THE LADY IN THE VAN (UK 2015, R: Nicholas Hytner) wurde ihre tragische Lebensgeschichte verewigt – und an Humor nicht gespart.

Bei aller Tragik ist gewiss noch ein romantischer Abgesang der Klassiker notwendig. Denn das zwangsneurotische Ekel Melvin springt schwer über seinen Schatten. Hasste er eben noch alles und jeden, versorgt er bald seinen verletzten Nachbarn Simon und dessen Hund nach einem Einbruch. Und all das nur, weil er für Kellnerin Carol ein besserer Mensch sein möchte. Besser geht’s nicht! (AS GOOD AS IT GETS, USA 1997, R: James L. Brooks)

Zieht ein attraktiver junger Schriftsteller ins Apartmenthaus, wird auch das abgeklärte Partygirl Holly Golightly von der Romantik eingeholt. Trotz Flucht nach New York und Verdrängung holt allerdings auch ihre schwierige Vergangenheit sie schließlich ein, was sie Paul aber nur näher bringt. BREAKFAST AT TIFFANY’S (USA 1961, R: Blake Edwards) teilen Paul und Holly vorerst nicht, arbeiten jedoch bei einem aufregenden Date ihre Bucket Lists ab. Weitere Komplikationen können letztendlich nicht verhindern, dass im Regen mit einer Katze im Arm sich findet wer sich wirklich liebt und dabei „Moon River“ erklingt.

So oder so ähnlich könnte es sein, wenn man Nächstenliebe ernst nimmt, denn unsere Nachbar/innen sind uns sehr nah, ob wir wollen oder nicht. In diesem Sinne überlege ich weiter, welchen Film ich meinen Tag und Nacht lautstark streitenden Nachbarn empfehlen könnte. Während ich mich in einer lästigen Zeitschleife wähne und mir wünsche, dass sie gern bessere Nachbarn für mich sein möchten, legen sie höchstens eine Lärmpause ein, um unter meinen geöffneten Fenstern stinkende Zigaretten zu rauchen. Sie arbeiten also an ihrem Schicksal, doch die Zeit arbeitet gegen meines. Bevor ein Traum von einem Paul Varjak einziehen kann, werde ich zu einer Neuauflage von Mr. Yunioshi. Oder ich ziehe um in einen Lieferwagen und begebe mich auf die Suche nach dem Schicksal – und einer neuen Nachbarschaft.

Von Anne Feustel

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