Von Helge und Haneke: Top 10 Filmgespräche

von Urs Spörri

Alle Gespräche mit Filmschaffenden, die im Kino des DFF stattfinden, werden aufgezeichnet und online verfügbar gemacht. Im Laufe der Jahre ist eine ganze Menge zusammengekommen. Hier die persönliche Top 10 meiner Begegnungen:

1. Caroline Link über die Oscar®-Verleihung

Als gute Freundin des Hauses (und inzwischen auch Schirmherrin der Freunde des DFF) war Caroline Link schon häufiger in unserem Kino zu Gast, und über ihre Oscar®-Erlebnisse mit JENSEITS DER STILLE (DE/CH 1995) und NIRGENDWO IN AFRIKA (DE 2001) hatte sie doch eigentlich inzwischen alles erzählt – dachte ich. Doch unser Gespräch zur Sonderausstellung „And the Oscar® goes to…“ gab noch so viele spannende Einblicke, über die sie zuvor nie geredet hatte. Ein Must-Watch für alle, die an dem großen Filmpreis und Hollywood inside interessiert sind.

2) Michael Bully Herbig zu BALLON

Bully war natürlich ein Held meiner Jugend, DER SCHUH DES MANITU (DE 2000) hatten wir bestimmt fünf Mal im Kino angeschaut, mit BALLON hatte er sich mehr als 15 Jahre später dem ernsten Fach zugewandt. In unserem Gespräch plaudern wir über seine Filmleidenschaft und seine Begeisterung für Hitchcock, mit dem er in Frankreich bereits verglichen wurde. Ein unglaublich sympathischer Mensch, dieser Bully!

3. Veronica Ferres über ihre Karriere

Sie hatte gerade mit Werner Herzog SALT AND FIRE (DE/US/FR/MX 2016) gedreht und kam von zwei internationalen Spielfilmproduktionen zum Zwischenstopp nach Frankfurt. Doch: Veronica Ferres betonte, sie sei sehr aufgeregt im Angesicht dieses Gesprächs. Es war wirklich schön zu erfahren, wie viel eine Einladung ins DFF zu einem Abend zu ihren Ehren einer Veronica Ferres bedeuten kann. Und entsprechend besonders waren ihre Ausführungen über ihre Karriere und all die Steine, die ihr in den Weg gelegt wurden.

4. Günter Lamprecht über DAS BROT DES BÄCKERS

Er ist ein Elder Statesman des deutschen Kinos, spielte den Franz Biberkopf bei Fassbinder. Bei uns las er aus seiner Autobiographie und sprach über seinen Lieblingsfilm DAS BROT DES BÄCKERS (BRD 1976), der heute aktueller denn je ist: in einer Kleinstadt droht ein Supermarkt mit Brötchenautomat den lokalen Bäckermeister zu verdrängen. Es fasziniert mich, einem Mann gegenüber gesessen zu haben, der zu Glanzzeiten mit Heinrich George und Jean Gabin verglichen wurde. Für Begegnungen wie diese liebe ich meine Arbeit ganz besonders.

5. Iris Berben zu ihrer Carte Blanche

Regelmäßig vergibt das Kino des DFF eine „Carte Blanche“ an eine/n Filmschaffende/n: Im April 2013 kuratierte Iris Berben eine Reihe mit Filmen, die ihr im Laufe ihres Lebens und ihrer Karriere besonders in Erinnerung geblieben sind oder sie geprägt haben. Niemand hatte sich bisher so tief in die Begründung der ausgewählten Filme hineinbegeben wie Iris Berben, die damals gerade Präsidentin der Deutschen Filmakademie war. Ein an manchen Stellen tiefenpsychologisches Gespräch über Film, mit einer Offenheit und Herzlichkeit, die ich spätestens seitdem an Iris Berben bewundere.

6. Helge Schneider zu seiner Carte Blanche

Auch Helge Schneider erhielt 2013 eine Carte Blanche, und vor keinem anderen Gesprächspartner hatte ich so viel „Angst“ wie vor Helge, der bekanntlich jedes Interview zerstören kann. Doch dann entpuppte sich der Ausnahmemusiker auch noch als Filmliebhaber, der so richtig auftaute und am Geburtsort seiner Karriere (Helge begleitete mit 19 Stummfilme im DFF an der Kinoorgel) auf amüsante Weise aus dem Nähkästchen plauderte. Bis heute mein persönliches Lieblingsgespräch.

7. Dominik Graf zu OFFENE WUNDE DEUTSCHER FILM

Ich durfte schon mehrere Gespräche mit Dominik Graf führen. Das vielleicht intensivste erlebte ich zu seinem Werk OFFENE WUNDE DEUTSCHER FILM (DE 2016). Denn Graf leidet selbst unter dieser offenen Wunde und reflektiert wie kaum ein anderer die Ursachen. Was müsste sich ändern im deutschen Kino? Kann sich überhaupt etwas ändern? Spannend und hochaktuell.

Der Film wurde im Double Feature mit VERFLUCHTE LIEBE DEUTSCHER FILM präsentiert – zum Gespräch über dieses 1. Teil geht es hier.

8. Michael Haneke über seine Carte Blanche

Meine Güte, war ich nervös vor diesem Gespräch. Aber dann machte Michael Haneke es mir sehr leicht und sprach beschwingt von so vielen Elementen, die sein Schaffen besonders machen. Das war ein Gespräch, das mir richtig Freude bereitete. Er ist ein Ohrenmensch und tanzt auch gern mal Rock‘n‘Roll im Wohnzimmer mit seiner Frau. Eine schöne Vorstellung in Zeiten von Corona.

9. Klaus Lemke über UNTERWÄSCHELÜGEN

Klaus Lemke gilt als das Enfant terrible des deutschen Autorenkinos. Doch hinter der Maske versteckt sich ein hochintelligenter, sensibler Mann, der wie kaum ein anderer klare Gedanken in messerscharfe Analysen umwandeln kann. Und sich um keine Reaktion mehr schert. Von den Abenden mit Klaus zu seiner Carte Blanche zehre ich bis heute. Unbedingt anschauen, wir brauchen mehr Rebellen wie ihn!

10. Norbert Grob über Fritz Lang

Auch dafür liebe ich unser Kino: Es ist Schauplatz besonderer Formate – wie dieser Lesung von Prof. Norbert Grob (bei dem ich studiert hatte) über den einzigartigen Fritz Lang. Und dessen Aufstieg und Niedergang, seine Stationen in Wien, Berlin und Hollywood. Zwischen die Lesungsparts reihten sich Gespräche zwischen Grob und mir, die einen richtigen Sog auslösten und uns immer intensiver in die Welt von Fritz Lang zogen. Ein spannendes Lese-Film-Gesprächsformat, das eigentlich viel häufiger zur Anwendung kommen sollte. Viel Spaß bei dieser sehr lebendigen Filmgeschichte!

…und als Schmankerl obendrauf das von mir heißgeliebte Symposium German Mumblecore in drei Teilen:

Okay, das ist der elfte Tipp in meinen Top 10. Aber das improvisierte deutsche Kino ist eines meiner Herzensanliegen der vergangenen Jahre gewesen. Der German Mumblecore strotzt vor Energie und Lebendigkeit. Deshalb hatten wir ein zweitägiges Symposium mit den zentralen Filmemacher/innen der Bewegung ins Leben gerufen, das heute – fünf Jahre später – nichts an Bedeutung verloren hat. Drei ausführliche Podiumsdiskussionen für eine lange Impronacht in Zeiten von Corona.

 

Wer noch mehr deutsches Kino entdecken will, dem lege ich www.was-tut-sich-im-deutschen-film.de ans Herz, mit zahlreichen weiteren Gesprächsmitschnitten in voller Länge.

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